Bundesliga-Vorbereitung

Sebastian Langkamp: "Ich bin halt eine Marionette"

Für Herthas Innenverteidiger Sebastian Langkamp besteht das Leben aus mehr als nur Profifußball.

Die Übung mit dem Gymnastikband: Sebastian Langkamp (vorn) und Kollegen im Trainingslager von Hertha BSC auf Mallorca

Die Übung mit dem Gymnastikband: Sebastian Langkamp (vorn) und Kollegen im Trainingslager von Hertha BSC auf Mallorca

Foto: dpa Picture-Alliance / City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Palma de Mallorca.  Am Ende musste selbst Pal Dardai schmunzeln. "Was war das denn?", fragte der Trainer nach der Szene, die die Hertha-Profis am Montagvormittag aus der Fassung gebracht hatte. Der Versuch von Sebastian Langkamp, ein technisches Kabinettstück zu vollführen, war in einer Slapstick-Nummer gemündet. Statt den Ball elegant hinter seinem Standbein entlangzuschieben und aufs Tor zu schießen, fiel der Verteidiger ungelenk auf die Nase. Das Gelächter der Kollegen ließ nicht auf sich warten.

Langkamp trug seinen Ausrutscher mit Fassung, macht zwei Stunden später aber kein Geheimnis daraus, dass die Zeit der Trainingslager nicht zu seinen liebsten zählt. "Wenigstens fällt dieses Jahr mein Geburtstag nicht in die Vorbereitung", sagt er der Morgenpost. Erst am Sonntag, einen Tag nach Herthas Rückkehr, wird er 29 Jahre alt. Das eigentliche Problem mit den Trainingscamps ist jedoch ein anderes. Langkamp fehlt die Distanz, die er sonst so penibel pflegt.

Langkamp braucht Abstand zum Fußball

Außerhalb des Fußballs, sagt er, möchte er am liebsten nichts mit Fußball zu tun haben. Ein ungewöhnlicher Ansatz für einen Profi, aber keineswegs ein absurder. "Man kann nur eine gewisse Zeit pro Tag mit vollem Herzblut bei einer Sache sein", meint Langkamp, "deshalb ist es mir wichtig, immer wieder Abstand zu gewinnen." Aktuell heißt es jedoch: eine Woche Fußball, 24 Stunden pro Tag, stets umgeben von Kollegen und Trainern.

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Langkamp ist niemand, der sich von seinem Team separiert. Das, was man unter einem "Vollblutfußballer" versteht, ist er aber nicht. "Ich finde es wichtig, ein Leben neben dem Sport zu haben", sagt er, "nur so kannst du wertschätzen, was er dir gibt." Dass er ein Leben lebt, von dem Millionen Kinder und Jugendliche träumen, ist ihm sehr wohl bewusst. Überhöhen möchte er dieses Leben jedoch nicht, dafür findet sich zu viel im Fußball, mit dem er fremdelt. Die Schnelllebigkeit und die Austauschbarkeit einzelner Menschen etwa, oder die absurden Summen, die inzwischen um den Erdball verschoben werden. "Ich sehe das nüchtern", sagt Langkamp. "Ich bin halt eine Marionette. Die Fäden werden dort gezogen, wo das ganz große Geld fließt." Natürlich hat er das Spiel durchschaut, aber er spielt es mit.

Brooks und Stark stehen mehr im Fokus

In Herthas Innenverteidigung macht er das in seiner vierten Saison sogar besser denn je. Viermal fehlte er verletzt, ansonsten war er im Abwehrzentrum gesetzt. "Spielerisch hat er einen Riesenschritt gemacht", sagt Dardai. Als gegnerischer Trainer, sagt der Ungar, hätte er Langkamp früher als Schwachstelle ausgemacht, ihm bereitwillig den Ball überlassen und ihn dann attackiert. Inzwischen gilt sein sicheres Aufbauspiel als eine Stärke. Im Ranking des Fachmagazins "Kicker" kletterte Langkamp unlängst vom "Blickfeld" in den "weiteren Kreis".

Im Fokus aber stehen meist andere. Abwehrkollege John Brooks (23) etwa oder Niklas Stark (21). Beide gelten als hochveranlagt, doch an Langkamps Konstanz reichen sie bislang nicht ­heran. "Es gibt sicherlich bessere Fußballer als mich, aber ich glaube, ich ­habe aus meinen Möglichkeiten das Beste gemacht", sagt Langkamp. Er ­beschränkt sich auf das, was er kann. Was er nicht kann, lässt er bleiben. Außer spaßes­halber in der Vorbereitung im Trainingslager.

Eine Karriere jenseits der Fußballklischees

So wie er seinen Weg auf dem Platz gefunden hat, sucht Langkamp auch seinen Weg fernab des Felds. Gemeinsam mit seiner Freundin lebt er in Mitte, dort, wo Hertha kaum eine Rolle spielt. Er schätzt die Ateliers und Galerien, die Vielfalt an schrägen Typen, das bunte Berlin, dessen Farbpalette weit mehr umfasst als Blau und Weiß. Dass er auf der Straße nicht erkannt wird, gefällt ihm – auf Star-Rummel kann er verzichten. Während sich ­andere Profis im Internet als eigene ­Marke inszenieren, hat Langkamp nicht mal einen Facebook-Account. Stattdessen denkt er einmal pro Woche mit Freunden über Start-Up-Ideen nach.

Langkamp ist ein erfrischender Beleg dafür, dass Profi-Karrieren auch jenseits der gängigen Klischees verlaufen können. Anders als Mats Hummels, mit dem er in der Jugend des FC Bayern spielte, hat er es nicht zum Weltmeister gebracht. Aber er hat sich durchgesetzt, sei in Karlsruhe, Augsburg oder bei Hertha. Deshalb taugt er zum Vorbild. Auch wenn er sich selbst nicht mal als Fußballer definiert.

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