Bundesliga

Der HSV hat ein Vorbild namens Hertha

Vor nicht einmal zehn Monaten bewegten sich der Hamburger SV und Hertha auf Augenhöhe. Inzwischen blickt der HSV neidvoll nach Berlin

Bild mit Symbolcharakter: Während Hamburgs Dennis Diekmeier (l.) strauchelt, ist Hertha (r. Tolga Cigerci) obenauf. Das Hinspiel gewannen die Berliner 3:0

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Bild mit Symbolcharakter: Während Hamburgs Dennis Diekmeier (l.) strauchelt, ist Hertha (r. Tolga Cigerci) obenauf. Das Hinspiel gewannen die Berliner 3:0

Berlin.  Der eine richtete die Kritik schonungslos an die eigenen Kollegen, der andere blickte neidvoll auf den kommenden Gegner. Der eine, das war René Adler, beim Hamburger SV mit dem undankbaren Posten des Torhüters betraut – er hatte bei seinen Vorderleuten zuletzt "fehlende Leidenschaft" ausgemacht. Der andere war sein Trainer, Bruno Labbadia. "Hertha hat sich gefunden und funktioniert als Mannschaft", sagte der HSV-Coach vor dem heutigen Aufeinandertreffen (17.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de). "Da müssen wir auch wieder hinkommen!"

Dass die Hanseaten von Hertha BSC als Vorbild sprechen, ist durchaus bemerkenswert. Vor nicht einmal zehn Monaten teilten die Klubs ja noch ein gemeinsames Schicksal, standen knietief im angstdurchtränkten Acker des Abstiegskampfes. Während der HSV schließlich in der Relegation steckenblieb – am Ende aber denkbar knapp in der Bundesliga blieb –, konnte sich Hertha diesem Nervenkitzel entziehen. Dennoch: Der Unterschied zwischen den beiden Traditionsvereinen, er ließ sich seinerzeit nur im besseren Berliner Torverhältnis finden.

Weil nach dem Klassenerhalt aber nun mal vor dem Neuanfang ist, wuchsen in Hamburg genauso schnell neue Hoffnungen wie in Berlin. Mindestens, muss man hinzufügen, denn anders als Hertha-Manager Michael Preetz, der sich bei seinen Sommereinkäufen in Bescheidenheit übte, gingen die Hamburger auf große Shoppingtour.

Viel Geld, wenig Erfolg: Hamburgs Zugänge verpuffen

Gut 20 Millionen ließ sich der selbsternannte Bundesliga-Dinosaurier sein neues Personal kosten. Zum Vergleich: Die übrigen Teams, die 2014/15 in der unteren Tabellenhälfte landeten, investierten im Durchschnitt die Hälfte. Bei Hertha waren es knapp sieben Millionen. Davon, dass der Profi-Etat des HSV (65,8 Mio) 2014/15 weit über dem der Berliner lag (42 Mio), ganz zu schweigen.

So groß der Traum von der sorgenfreien Zukunft an der Elbe war, so ernüchternd gestaltet sich derzeit die Wirklichkeit. Während bei Hertha die Zugänge einschlugen wie selten zuvor und ein beeindruckender Teamspirit entstand, wollte sich in Hamburg kein rechter Heilsbringer finden. Die jüngste Bilanz: ein Sieg aus zehn Spielen. Hamburgs Vorsprung auf den Relegationsplatz beträgt nun noch vier Punkte. Und jetzt kommt auch noch Hertha, der vermeintliche Angstgegner. Jedes der vergangenen fünf Duelle ging verloren, nicht ein einziges Tor brachte der HSV gegen die Berliner zustande.

In Hamburg nähern sie sich gerade der ebenso vertrauten wie verhassten Abstiegsregion, Hertha indes strebt mit erstaunlicher Beharrlichkeit gen Europa. "Wir haben in der englischen Woche schon sechs Punkte geholt, warum sollen es nicht neun werden?", fragte Trainer Pal Dardai. Ein Satz, frei von hauptstädtischer Arroganz, stattdessen vollgepackt mit gesundem Selbstvertrauen.

Herthas Traum von Europa wird immer realer

45 Punkte hätte Hertha im Erfolgsfall auf der Habenseite. Die Teilnahme am internationalen Wettbewerb, sie würde damit immer weniger Traum, immer mehr greifbare Realität. Womit sich auch zunehmend die Frage aufdrängt, welche Herausforderungen im Fall der Fälle auf die Berliner zukämen.

Sicher ist: Das Abenteuer Europa würde Hertha eine erhebliche Mehrbelastung bescheren. Sechs Gruppenspiele wären gesetzt, englische Wochen keine Ausnahme, sondern stetiger Begleiter. Beispiel FC Augsburg: Der Europa-League-Starter hat schon jetzt so viele Partien absolviert wie in der gesamten vergangenen Saison.

Der verdichtete Spielplan verursachte dabei im Alltagsgeschäft Bundesliga gehörige Probleme. Nach verkorkstem Saisonstart hat Trainer Markus Weinzierl sein Team zwar stabilisiert, von einer erneuten Europa-League-Qualifikation ist Augsburg allerdings weiter entfernt als geografisch von Hamburg.

Preetz wird den Berliner Kader weiter verstärken müssen

Kein Einzelfall. Auch Stuttgart (2012/13), Frankfurt oder Freiburg (beide 2013/14) kamen während ihrer Europa-Touren in arge Nöte. In zwei Wettbewerben zu bestehen, gelang nur denen, die über einen entsprechend großen Kader verfügten.

"Ob wir nächstes Jahr 35 Spiele haben oder deutlich mehr, wissen wir auch dann noch nicht, wenn wir beim HSV gewinnen", sagt Michael Preetz. Noch sei es für Planspiele zu früh, doch auch er ahnt: Im Sommer könnte noch mehr Arbeit als sonst auf ihn zukommen.

Vorerst aber soll alle Aufmerksamkeit dem HSV gelten. Weitermachen wie gehabt, mit stabiler Defensive und treffsicheren Stürmern – zwei weiteren Qualitäten, die Hertha dem HSV voraus hat. Worauf es für Hamburg ankommen wird, brachte unterdessen Gojko Kacar auf den Punkt. "Wir müssen als Team wieder geschlossen arbeiten", sagte der frühere Herthaner. Auch er hatte als Vorbild wohl seinen Ex-Klub im Sinn.

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