Hertha BSC Arne Friedrich: "Ich habe das Pal Dardai nicht zugetraut"

Foto: Reto Klar

Arne Friedrich über Herthas Entwicklung und Verantwortung nach der Karriere. Sein letzter Bundesliga-Klub ist Herthas nächster Gegner.

Berlin.  Treffen mit Arne Friedrich in einem asiatischen Restaurant in Prenzlauer Berg. Auf dem Boden kann man dort sitzen, aber der 36-Jährige sagt: "Dafür habe ich zu lange Fußball gespielt, da komme ich nicht wieder hoch."

Friedrich lacht. Nicht nur Erinnerungen und gespartes Geld sind ihm von der Karriere geblieben. 2013 hat der ehemalige Hertha-Kapitän (231 Bundesligaspiele), WM-Dritte 2006 und 2010 sowie Vize-Europameister 2008 sie beendet. Nach acht Jahren in Berlin ging er nach Wolfsburg. Dann USA. Dann Schluss.

Nun warten neue Aufgaben. Am Sonnabend treffen seine Ex-Klubs Hertha und Wolfsburg aufeinander. Aber das ist nur eines von vielen Themen. Ein Gespräch über beeindruckende Erlebnisse, soziale Verantwortung in Zeiten von Pegida und seine mögliche Rückkehr zu Hertha.

Berliner Morgenpost: Herr Friedrich, Sie haben Ihr halbes Leben Fußball gespielt und viel Geld verdient. Wie findet man seine Rolle, wenn all das vorbei ist?

Arne Friedrich: Für mich war das schwer, obwohl ich gut darauf vorbereitet war. Ich stand vor der Frage: Was machst du jetzt? Viele Ex-Profis gehen dann weiter ihren Weg im Fußballgeschäft, manche auch, weil sie Angst haben, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Ich wollte das nicht: Ich wollte erst einmal viele neue Dinge kennenlernen.

Was zum Beispiel?

Ich habe meinen Trainerschein bis zur A-Lizenz gemacht, war anderthalb Jahre bei der deutschen U18-Nationalelf Co-Trainer. Das habe ich jetzt erst einmal ruhen lassen. Dazu habe ich als TV-Kommentator gearbeitet. Ich habe überall meinen Kopf reingesteckt. Und ich möchte mich noch nicht festlegen. Ich habe nur irgendwann gemerkt, dass ich etwas Sinnvolles tun möchte. Ich will mein Leben mit Werten füllen.

Sie sind neulich nach Mexiko gereist und haben dort mit anderen Helfern ein Haus für eine bedürftige Familie gebaut. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Das war das Beeindruckendste, was ich jemals erlebt habe. Mit 20, 25 fremden Menschen tut man etwas Gutes für Leute, die man nicht kennt. Am Ende haben wir uns alle in einem Kreis aufgestellt, und jeder hat der Familie noch ein paar Worte mit auf den Weg gegeben. Danach hat die Familie gesprochen. Das war ein sehr emotionaler Moment. Ich habe in Mexiko gelernt, was das Leben wirklich ausmacht: Wenn ich gebe, bekomme ich sehr viel zurück.

Sie haben im Oktober Ihre eigene Stiftung gegründet, die sich unter anderem um die Integration von Flüchtlingen und sozial schwachen Kindern kümmert.

Wir wollen, dass die Kinder untereinander in Kontakt treten. Ausgegrenzte Kinder, egal ob sozial schwache, deutsche Kinder oder Flüchtlingskinder, geraten irgendwann in die Gefahr, aus der Gesellschaft zu fallen. Und dann haben wir Subkulturen wie in Frankreich. Wir wollen die Kinder in unseren Projekten mit einem positiven "Virus" anstecken: Seid Kinder, lasst euch nicht von der Gewalt anderer anstecken und nehmt jeden, wie er ist!

"Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt"

Warum ist Ihnen Engagement wichtig?

Als Fußballer hat man alles, aber man fühlt sich doch nicht wirklich ausgefüllt. Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt. Jetzt will ich etwas zurückgeben. Da geht es darum, ­Verantwortung zu übernehmen. Das wollte ich schon als Profi auf dem Platz, und das will ich auch jetzt nach meiner Karriere.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von Schießbefehl-Schlagzeilen der AfD und Pegida-Demonstrationen lesen?

Jeder sollte sich mal die Frage stellen: Wie würde es mir gehen, wenn ich aus meiner Heimat flüchten müsste und in ein Land käme, in dem mich keiner will? Dieses stupide Denken, die nehmen uns etwas weg, müssen wir überwinden. Und ob man das will oder nicht: Die Menschen kommen zu uns. Wenn wir die nicht integrieren, werden wir eines Tages ein riesiges Problem bekommen. In meinen Möglichkeiten möchte ich dabei mithelfen.

Man könnte sagen: Für einen Ex-Profi ist es einfach zu helfen, der muss ja nicht mehr für seinen Lebensunterhalt arbeiten.

Aber das kann auch ein Problem sein: Wenn du nicht mehr arbeiten gehen musst, fehlt dir vielleicht auch der ­Antrieb. Dann fällt man in ein Loch und hat ruck, zuck eine Depression.

Wie dicht dran sind Sie noch am aktuellen Tagesgeschäft im Fußball?

Ich schaue jedes Spiel von Hertha im Fernsehen. Dazu gucke ich die Champions League. Neulich habe ich Michael Preetz getroffen, ein anderes Mal habe ich mit Pal Dardai gesprochen.

Als Sie 2010 zum VfL Wolfsburg gewechselt sind, gingen Sie und Hertha nicht ­gerade im Guten auseinander.

Nach der Saison war es für alle Beteiligten schwierig. Das hat aber keine nachhaltigen Spuren hinterlassen. Nach meiner Rückkehr aus den USA habe ich das Gespräch mit Michael Preetz und Werner Gegenbauer gesucht. Seitdem ist das Verhältnis sehr gut. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit, die bei Hertha geleistet wird.

"Ich ziehe meinen Hut vor Pal"

Seit Januar 2014 sind Sie Mitglied bei Hertha. Können Sie sich vorstellen, eine Aufgabe im Klub zu übernehmen?

Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen. Aber nur, weil ich meine Freiheit behalten und viele Sachen noch ausprobieren möchte. Hertha ist mein Verein. Aber für alles andere bin ich derzeit noch zu sehr auf meinem Findungstrip.

Sie haben mit Dardai gespielt. Haben Sie ihm zugetraut, Trainer zu werden?

Als Pal vor einem Jahr geholt wurde, hielt ich das für die absolut richtige Entscheidung, um Hertha vor dem Abstieg zu retten. Ich habe ihm dann aber nicht zugetraut, die Mannschaft so weiter­zuentwickeln, wie er das geschafft hat. Da lag ich völlig falsch. Ich ziehe meinen Hut vor Pal.

Nun hat Hertha in der Rückrunde noch nicht gewonnen, und die Leistungskurve zeigt nach unten. Brechen sie ein?

Jede Elf hat irgendwann in der Saison eine Schwächephase. Das ist ganz normal. Wichtiger finde ich, dass Hertha weiterhin den eigenen, ballorientierten Stil spielt. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen um Hertha. Sie haben mit Vladimir Darida einen Weltklasseeinkauf gelandet. Gleiches gilt für Vedad Ibisevic. Und die anderen Teams sind auch nicht konstant. Deshalb glaube ich, dass Hertha am Ende ­Vierter wird.

2008/09 waren Sie bei einer ähnlich erfolgreichen Saison dabei. Auch damals wurden Sie Vierter. Sehen Sie Parallelen?

Man kann das nicht vergleichen. ­Herthas große Stärke im Moment ist das System. Damals hatten wir ­bestimmte Typen. Jetzt steht ist da ein sehr gutes Kollektiv.

Sie waren der letzte deutsche Nationalspieler bei Hertha. Glauben Sie, dass Mitchell Weiser der nächste werden kann?

Absolut. Aber auch Marvin Plattenhardt. Er spielt seriös in der Defensive und hat dazu einen unglaublich guten linken Fuß. Zudem hat er sehr viel Zug zum Tor. Er hat eigentlich alles, was Jogi Löw gern sehen will. Plattenhardt kann es in die Nationalelf schaffen.

Dardai hat die Partie gegen Wolfsburg als Schlüsselspiel bezeichnet…

... und damit hat er recht. Schlägst du die, hast du acht Punkte Vorsprung auf einen direkten Konkurrenten um die Europapokal-Plätze.

Warum tut sich der VfL nach Platz zwei und Pokalsieg 2015 nun so schwer?

Da spielen viele Dinge eine Rolle: Der VW-Skandal hat den Verein durchgeschüttelt. Finanziell wird das mit Sicherheit Auswirkungen haben. Dazu gab es die Diskussion über zu wenige Zuschauer. In dieser Saison war schon sehr vieles, was für Unruhe gesorgt hat. Und natürlich: Kevin De Bruynes Abgang. Julian Draxler ist ein toller Einkauf, aber er kann De Bruyne noch nicht ersetzen. Von André Schürrle hätte ich mir viel mehr erwartet. Nach der WM ist er noch nicht wieder auf sein Niveau gekommen. Deshalb ­glaube ich auch, dass Hertha am ­Sonnabend gewinnen wird.

Was macht Sie da so sicher?

Hertha ist fußballerisch einfach stärker. Individuell ist Wolfsburg besser besetzt, aber kollektiv arbeitet Hertha besser zusammen.

"Vielleicht komme ich irgendwann zurück, um Cheftrainer zu werden"

Wolfsburg steht am Mittwoch zum ersten Mal im Champions-League-Achtelfinale. Was trauen Sie dem VfL zu?

Gegen Gent werden sie wahrscheinlich weiterkommen. Aber danach wird, denke ich, Schluss sein.

Sie haben zum Anfang dieses Gesprächs viel über Verantwortung gesprochen. Können Sie sich irgendwann vorstellen, als Trainer Verantwortung zu übernehmen?

Bei der U18 des DFB habe ich mal gesehen, was das für ein wahnsinnig intensiver Job ist. Das hat mir Spaß gemacht. Aber jetzt möchte ich erst einmal raus aus dem aktiven Fußball und andere Erfahrungen sammeln. Vielleicht komme ich irgendwann zurück, um selbst Cheftrainer werden.

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