Immer Hertha Wiedersehen auf der anderen Seite mit Herthas Ibisevic

Herthas Vedad Ibisevic

Foto: dpa

Herthas Vedad Ibisevic

Über ein Treffen mit Vedad Ibisevic – als wir beide noch vom großen Fußball träumten. Autor Jörn Meyn spielte in der US-College-Liga.

Vor mehr als zwölf Jahren standen Vedad Ibisevic und ich uns auf Augenhöhe gegenüber. Ich spielte damals in der US-amerikanischen College-Liga Fußball für die Universität von Southwest Missouri in Springfield.

Ich hatte mir nach dem Abitur ein Sportstipendium ergattert. Fragen Sie mich nicht, wie ich das gemacht habe. Mein Vater stand mit einer alten Videokamera am Spielfeldrand bei uns zu Hause in Schwerin, wo ich in der Oberliga spielte, und filmte, wie ich über den Platz pflügte.

Ein Techniker war ich nicht gerade. Aber die Amerikaner fanden es nach Begutachtung der Bewerbungsaufnahmen ausreichend und nahmen mich.

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Jedenfalls stürmte ich nun für diese Collegeauswahl voller Bilderbuchathleten mit Football-Spieler-Körpern. Das Niveau war ziemlich hoch, fand ich. Vor dem Ligastart bestritten wir ein Testspiel gegen die Universität von St. Louis – damals das drittbeste Team der USA. Das Ganze endete 1:1, weil ich kurz vor Schluss eine riesige Torchance vergeigte.

Aber das ist nicht der Punkt. Für St. Louis stand ein junger bosnischer Stürmer auf dem Feld, der in der folgenden Saison einen Haufen Tore erzielen sollte: Vedad Ibisevic. Seine Familie war aus dem Jugoslawienkrieg über die Schweiz in die USA nach St. Louis geflüchtet. Der eine hat heute, zwölf Jahre nach dieser Partie, eine steile Karriere hingelegt. Der andere spielt jetzt bei Hertha BSC. Kleiner Scherz.

"Die Welt ist klein, was?"

Ibisevic habe ich das am Donnerstag erzählt, als ich ihn im Trainingslager der Berliner in der Türkei zum Interview traf. Er grinste und sagte: "Die Welt ist klein, was?" Aber ich fand, das war nicht der Punkt. Der Punkt ist, warum spielt der 31-Jährige gerade mit Hertha in der Bundesliga oben mit, ich aber stehe mit 32 am Spielfeldrand und schreibe darüber? Warum nicht umgekehrt? Klar, Talent. Davon hatte der Bursche natürlich deutlich mehr abgekriegt als ich. Das konnte jeder abgehalfterte Durchschnittsscout schon damals sehen. Vom Willen mal ganz zu schweigen. Aber das ist doch dennoch kurios, wie sich zwei Lebenswege an einem Punkt auf gleicher Höhe befinden, sich dann völlig voneinander entfernen und heute auf ganz andere Weise erneut zusammentreffen. Ein Wiedersehen auf der anderen Seite – der anderen Seite der Welt und des Spielfelds.

Ich habe zwar damals schon nicht mehr richtig daran geglaubt, dass es bei mir für eine Profikarriere reichen würde, aber davon geträumt habe ich heimlich dennoch ein bisschen. Wir, beide Stürmer, haben davon geträumt – Ibisevic und ich, jeder für sich allein. Er hat sich diesen Traum erfüllt. Er hat heimlich ein Probetraining bei Paris St. Germain absolviert, obwohl ihn das sein eigenes Stipendium in den USA hätte kosten können. Er hat sich in dieser Welt langsam nach oben gekämpft und sagt heute, dass er stolz darauf ist. Ich habe das nicht.

Den Rasen riechen

Vielleicht ist das jetzt mein Trostpreis. Als Fußballreporter kann ich immer noch den Rasen riechen und über Laufwege nachdenken. Ich kann abends Champions League im Fernsehen gucken, obwohl das meine Freundin langweilt und dann sagen: "Ist für die Arbeit." Ich kann in die Türkei fliegen wie jetzt, beim Training in der Sonne stehen und vielleicht verirrt sich auch mal ein Ball zu mir, mit dem ich jongliere und heimlich hoffe, dass die Profis es sehen. Der Meyn ist mit der Kirsche gar nicht so blind, wie er aussieht.

Klar. Lustig ist der Job zwar nicht immer. Er kann auch ziemlich unangenehm sein. Trainingslager ist zum Beispiel im Wortsinn zu verstehen: Journalisten belagern sich, belauern sich rund um die Uhr wie argwöhnische, alte Wachhunde, um nur keine Geschichte zu verpassen, die der andere haben könnte. Das ist hier noch schlimmer als zu Hause. Und einfacher ist die Arbeit sicher nicht geworden in den letzten Jahren, was man so hört. Aber ich habe den Fußball nicht komplett verloren. Er ist für mich immer noch da, nur ist das jetzt ein anderes Spiel, das ich spiele.

Ich glaube, vielen von uns Fußballreportern geht das so. Der Traum nach dem Traum. Kein schlechter Trostpreis.

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