Hertha

Lustenberger - "Vieles wird schlechter gemacht, als es ist"

Der Mannschaftskapitän des Berliner Fußball-Bundesligisten ist wieder fit und glaubt an eine erfolgreiche Rückrunde. Hier spricht Lustenberger über Comebacks, Klischees und die Extreme in den Medien.

Foto: imago sportfotodienst / imago/photoarena/Eisenhuth

Wegen hartnäckiger Verletzungen absolvierte Fabian Lustenberger 2014 nur 13 Bundesligaspiele. Nun will der 26 Jahre alte Schweizer wieder angreifen. Herthas Hoffnungsträger über Comebacks und Klischees, den intakten Teamgeist und die Sprunghaftigkeit mancher Berliner Medien.

Berliner Morgenpost: Herr Lustenberger, haben Sie sich Vorsätze fürs neue Jahr gemacht?

Fabian Lustenberger: Kaum. Mir würden nicht viele neue Vorsätze einfallen. Klar, ich kann mir vornehmen, mich nicht zu verletzen, aber das kann ich am Ende ja nicht immer beeinflussen.

Haben Sie beim Jahreswechsel 2014 noch einmal Revue passieren lassen?

Ja und nein. Privat war 2014 für mich ein sehr schönes Jahr, weil mein zweiter Sohn geboren wurde. Daran habe ich noch einmal gedacht. Beruflich aber habe ich versucht, einen Cut zu machen. Das Nachdenken über die Hinrunde bringt uns nämlich auch nicht mehr Punkte und bessere Spiele. Da setze ich auf einen Neuanfang.

Kann man sagen, dass 2014 sportlich für Sie persönlich ein Seuchenjahr war?

Das vielleicht nicht. Aber fest steht, dass ich durch die Muskelverletzung am Anfang des Jahres viel zu lange gefehlt habe. Das hat mich nicht nur fast sieben Monate gekostet, sondern auch mental sehr viel Kraft. Ich war froh, als ich zur Hinrunde der aktuellen Saison wieder fit wurde. Die Verletzung danach hat mich zwar wieder zurückgeworfen, war aber nicht ganz so schlimm. Dennoch hat mich etwas gestört...

Was?

Es ist doch normal, dass ich nach sieben Monaten Verletzungspause nicht sofort bei hundert Prozent sein kann. Ich hatte aber das Gefühl, dass man das von mir in der Öffentlichkeit gleich verlangt hat. Ich fand das ungerecht, denn man verlangt das ja auch nicht von einem Spieler, der nach sieben Monaten Pause nach einem Kreuzbandriss zurückkommt. Da heißt es dann, der brauche Zeit. Die hat man mir aber nicht gegeben.

Ihre Muskelverletzung ist mehrfach wieder aufgebrochen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Nach der langen Pause habe ich extrem in meinen Körper reingehört. Als ich zurückkam, habe ich am Anfang bei jeder Aktion geschaut: Hält alles? Das war schwer für den Kopf. Aber irgendwann kam die Sicherheit wieder.

Gab es mal die Angst bei Ihnen, dass es nicht mehr richtig gut wird?

Zweifel daran hatte ich überhaupt nicht, weil ich vor meiner Verletzung 50 Spiele lang am Stück jeweils über 90 Minuten durchgespielt habe. Wenn mein Körper das nicht leisten könnte, hätte ich das ja nie geschafft.

Sind Sie eher Kopf- oder Bauchmensch?

Auf dem Fußballplatz mache ich vieles aus dem Bauch heraus. Da dominiert das Bauchgefühl. Zu Hause bin ich manchmal etwas verkopft und grüble über manche Sachen. Was war beim Spiel gut, was war schlecht? Durch meine Familie werde ich da aber wieder rausgeholt und kann mich vom Fußball auch abkapseln.

Sie haben in der Schweiz eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Gibt es etwas, das Sie davon mit in Ihren Beruf als Fußballprofi nehmen konnten?

Im letzten Ausbildungsjahr habe ich schon bei den Profis in Luzern gespielt. Da musste ich morgens oft um 6 Uhr mit dem Zug los, arbeiten, trainieren, und dann bin ich abends erst um 22 Uhr wieder zu Hause gewesen. Das hat mich demütig gemacht. Es gibt ja dieses Klischee vom Fußballprofi, der nie etwas anderes gemacht hat und nicht weiß, wie es wirklich ist, wenn man acht Stunden am Tag arbeitet. Ich weiß durch meine Ausbildung mein jetziges Leben viel besser zu schätzen. Ich habe den besten Beruf der Welt. Dennoch vergessen die Leute oft, was alles dazu gehört und dass nicht alles lustig ist.

Was stört Sie denn an Ihrem Beruf?

Mich stört, dass in der Öffentlichkeit immer alles so extrem gesehen wird: Entweder man ist topp, oder man ist flopp. Ein Mittelmaß gibt es nicht. Mittlerweile lese ich einige Zeitungen nicht mehr, um mich nicht aufzuregen.

Wann haben Sie sich das letzte Mal über die Medien geärgert?

Als Roy Beerens in Frankfurt brutal gefoult wurde. Ein paar Wochen früher ist dasselbe mit Marco Reus von Borussia Dortmund passiert, und es gab kein anderes Thema mehr. Aber bei Roy hat niemand ein Wort darüber verloren. Er fällt wochenlang aus, aber das wird links liegen gelassen. Das Verhältnis stimmt da nicht. Ich hätte mir gewünscht, dass gerade unsere Berliner Medien dieses Thema wichtiger genommen hätten.

Sie haben in Berlin schon alles erlebt: Sie haben 2009 um den Titel mitgespielt, sind zweimal abgestiegen, zweimal wieder aufgestiegen...

...und jetzt stecke ich gefühlt – wenn ich der Öffentlichkeit glauben würde – in der größten Krise des Vereins in den letzten Jahren... (lacht)

Also gehen Sie lockerer mit Kritik um?

Ja, absolut. Beim ersten Abstieg 2010/11 hatten wir in der Hinrunde nur sechs Punkte. Aber jetzt in der Hinrunde hatte ich den Eindruck, die Stimmung um uns herum sei noch wesentlich schlechter als damals. Es wird vieles schlechter gemacht, als es ist.

Sie stehen nur einen Zähler vor den Abstiegsrängen.

Niemand sagt, dass alles gut ist. Aber es wird so schlecht gemacht, dass man meinen könnte, wir stünden auf dem letzten Platz und wären gefühlt schon abgestiegen. Das ist unverhältnismäßig und ärgert mich.

In der Hinrunde hatte Hertha ein massives Problem in der Defensive. Auf Ihrer Rückkehr ruhen deshalb viele Hoffnungen, dass es besser wird. Wie gehen Sie damit um?

Ich kann den Leuten nicht versprechen, dass Sebastian Langkamp und ich zurückkommen und wir in der Rückrunde zehnmal zu Null spielen. Ich kann versprechen, dass wir als Team alles dafür tun werden. Aber es wäre fatal, jetzt alles nur auf Basti und mich – oder einen anderen Spieler – zu setzen. Wir müssen das als Team schaffen. Ich versuche jetzt, fit zu werden und in der Rückrunde alles zu geben. Wenn wir das alle machen, haben wir auch eine gute Chance, eine bessere Rückrunde zu spielen.

Wie gefährlich ist die aktuelle Situation und was macht sie zuversichtlich für die Rückrunde?

Wir haben eindeutig zu wenige Punkte und zu viele Gegentore kassiert. Wir haben keine gute Hinrunde gespielt, aber dennoch 18 Punkte geholt. Das sind zwei Punkte weniger als die 20-Punkte-Marke, an der man sich orientiert. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass wir in der Rückrunde 22 Punkte holen werden, um am Ende 40 zu haben. Wir schaffen den Klassenerhalt. Wichtig ist, dass es bei uns innerhalb der Mannschaft stimmt, und das tut es.

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