Bundesliga

Neuzugang Valentin Stocker ist Herthas Eisvogel

Foto: imago / Eibner Europa

Den einzigen Kategorie-I-Spieler musste Hertha mit Adrian Ramos nach Dortmund ziehen lassen. Zugang Valentin Stocker soll nun dabei helfen, den Hertha-Angriff variabler und torgefährlicher zu machen.

Jos Luhukay hat seine Spieler aufgestellt. Zehn Profis stehen in einer Formation, die seit 30 Jahren im Profifußball nicht mehr praktiziert wurde: im 3-4-3 – drei Verteidiger, vier Mittelfeldspieler, drei Stürmer. Diese Taktik erlebte bei der Weltmeisterschaft in Brasilien eine Renaissance. Chile mit seiner Dreier-Abwehrkette etwa kegelte Turnierfavorit Spanien aus dem Turnier. Zum Eingewöhnen hat Luhukay im Trainingslager in der Steiermark die Profis von Hertha BSC erst mal ohne Gegner auf ihre Positionen verteilt.

Einer von ihnen ist Valentin Stocker. Der Neue, vom FC Basel gekommen, steht im Sturm gemeinsam mit Julian Schieber und Sami Allagui. Das Angreifer-Trio ist zentral platziert, so dass die Außenbahnen noch frei sind. Dort sollen Johannes van den Bergh (auf links) und Marcel Ndjeng auf rechts Angriffe vortragen.

Königstransfer der Berliner

An der Verpflichtung von Stocker lässt sich die Idee festmachen, wie Hertha BSC in der kommenden Saison Erfolg haben und die Lücke des zu Borussia Dortmund gewechselten Adrian Ramos stopfen will

Auf dem Papier ist Stocker bisher der Königstransfer der Berliner. 3,12 Millionen Euro hat der Hauptstadt-Klub für den Schweizer Nationalspieler nach Basel überwiesen, so viel wie für keinen andern der insgesamt sieben Neuen. "Wir sind sehr froh, dass Valentin da ist, aber er ist kein Kategorie-I-Spieler", sagt Luhukay. Mit Kategorie I meint er Profis, die aus einem der Top-fünf-Klubs aus den besten Ligen kommen, also aus England, Spanien, Italien oder Deutschland, und eine Ablöse von mehr als zehn Millionen Euro zuzüglich Gehalt kosten.

"Hertha kann sich keinen Kategorie-I-Spieler leisten"

Luhukay: "Als Fan fände ich es toll, wenn wir mal einen Spieler von Real Madrid oder dem FC Barcelona begrüßen könnten. Aber im Moment ist es so: Hertha BSC kann sich keinen Kategorie-I-Spieler leisten." Sondern einen Profi wie Stocker. Der hat reichlich Titel mit dem FC Basel gewonnen, zuletzt wurde er im Mai Schweizer Meister. Er war mit der Schweiz bei der WM in Brasilien. Sein ehemaliger Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld hat Stocker geadelt: "Er gehört auf seiner Position zu den torgefährlichsten Spielern in Europa."

"Nach sieben Jahren in der ersten Mannschaft des FC Basel war es Zeit für einen Wechsel", sagte Stocker. Fredi Bobic und der VfB Stuttgart wollten ihn haben. Hertha war früher dran, bemühte sich intensiver, so dass Stocker sich für einen Vier-Jahres-Vertrag bei Hertha entschied. Die "Neue Zürcher Zeitung" kolportiert ein Jahres-Salär für Stocker von 1,8 Millionen Euro. Das ist für Hertha-Verhältnisse viel Geld, aber nicht unbedingt im Liga-Vergleich. Zumal Hertha mit Torjäger Ramos der einzige Kategorie-I-Spieler abhanden gekommen ist (wechselte für 9,7 Millionen Euro zum Liga-Konkurrenten Borussia Dortmund).

Die Analyse von Luhukay: "Wir haben keinen Spieler im Kader, von dem wir zehn bis 15 Saisontore erwarten können." Deshalb geht es darum, die 16 Tore, die Ramos im vergangenen Spieljahr erzielt hat, "in dieser Saison auf zwei, drei oder vier Spieler zu verteilen."

Stocker muss wegen der WM nacharbeiten

Einer von denen soll Stocker sein. In der Schweiz kam er vergangenes Jahr auf 13 Tore und sieben Vorlagen. Er fühlt sich wohl in der neuen Mannschaft. "Ich wurde sehr gut aufgenommen." Da er aber nach der WM (ebenso wie John Brooks/USA) drei Wochen später ins Training eingestiegen ist, muss Stocker nacharbeiten. "Wir haben einen großen, ausgeglichenen Kader, sind teilweise dreifach besetzt. Es macht Spaß, aber das Training ist intensiv und verlangt mir alles ab."

Stocker ist gespannt auf die neue Herausforderung. "Durch den Weltmeister-Titel ist die Attraktivität der Bundesliga noch mal gestiegen. Ich freue mich sehr, diesen Schritt machen zu können, habe aber auch Respekt. Es ist eine wahnsinnige Motivation, mich in dieser Liga durchzusetzen."

Luhukay setzt auf die Frische und Unbekümmertheit des Neuen. In der Bundesliga wird es noch nicht so bekannt sein, dass Stocker ein gelernter Kunstturner ist. Daheim in Luzern gibt es eine Gold-Medaille von einem regionalen Team-Turnwettkampf aus Jugendtagen. Beobachter loben seine Körperbeherrschung, eine extreme Gelenkigkeit, mit der Stocker sich selbst aus schwierigen Situationen befreien kann.

Luhukay stockt Offensive auf

Hertha wird im Grundsatz weiter auf eine Viererkette und damit auf das zuletzt gespielte System 4-2-3-1 setzen. Aber Luhukay arbeitet deshalb an der 3-4-3-Taktik, um mehr Chancen zu erarbeiten. Daran hatte es bei den Berlinern in der vergangenen Rückrunde gehapert. Das soll sich ändern.

Im bisherigen System agiert Hertha mit vier Offensiv-Kräften. Im neuen sollen es fünf werden: Zwei Spieler über die Außenbahnen und drei im Zentrum. "Ich will mehr Überraschungen, mehr Kreativität, wir wollen für den Gegner schwerer auszurechnen sein", sagt Luhukay.

Da soll Sami Allagui seinen Fähigkeit einbringen, Haken wie ein Hase schlagen zu können. Von Genki Haraguchi ist seine Antrittsschnelligkeit gefragt, von Änis Ben-Hatira dessen Dribbel-Stärke. Und Stocker gilt als Eisvogel. Einer, den man manchmal fast übersieht. Der aber im entscheidenden Moment die Nerven behält und Tore macht.

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