03.02.10

Bernd Gersdorff

Der Mann, den Hertha vor Hoeneß haben wollte

Bernd Gersdorff, einst Hertha-Profi, ist heute Sprecher eines Konzerns. Was nur wenige wissen: Hätte er ja gesagt, wäre er auch Hertha-Manager geworden - an Stelle von Dieter Hoeneß. Nun plaudert er vor allem mit den Kollegen über Fußball. Wer hört nicht gerne die Geschichte vom letzten Hertha-Sieg in München? Oder über das sportliche Duell Gersdorff-Hoeneß?

Von Julien Wolff
Foto: privat
Bernd Gersdorff wäre beinahe Hertha-Manager geworden
Bernd Gersdorff wäre beinahe Hertha-Manager geworden

Die zahlreichen Fernseh-Analysen sind gut, ein persönliches Gespräch mit einem ehemaligen Nationalspieler ist besser. Wenn Bernd Gersdorff montagsfrüh gegen acht Uhr in sein Büro in Salzgitter kommt, möchten seine fußballbegeisterten Kollegen sofort seine Meinung wissen. War es Elfmeter? Warum hat Hertha nicht gewonnen? Hat ihn in seiner Zeit als Spieler auch mal jemand so hart gefoult? Das Bundesliga-Wochenende will ausgiebig aufgearbeitet sein. "Ein bisschen fachsimpeln, das macht einfach Spaß", sagt Gersdorff.

Von 1976 bis 1980 spielte der heute 63-Jährige für Hertha BSC, 1975 gelang ihm der Sprung in die Nationalmannschaft. Beruflich hat er mit Fußball jetzt nichts mehr zu tun: Gersdorff ist seit zehn Jahren Sprecher der Salzgitter AG. Zudem ist er bei dem Stahltechnologie-Konzern Leiter der Abteilung Kommunikation. Er beantwortet Presseanfragen, vertritt das Dax-Unternehmen aus Niedersachsen in der Öffentlichkeit und betreut mit seinem Team den Internetauftritt. Aus dem ehemaligen Fußball- ist ein Kommunikations-Profi geworden. "Mich stört es überhaupt nicht, dass ich nicht in der Fußball-Branche tätig bin. Ich vermisse nichts. Im Gegenteil, ich liebe meinen Beruf", sagt Gersdorff. Der Journalismus habe ihn schon immer begeistert, weshalb er früher die Stadionzeitung von Eintracht Braunschweig produziert hat. Gutes Ausdrucksvermögen, souveränes Auftreten, Sprachgefühl, 20 Jahre Berufserfahrung als Repräsentant und Manager beim Sportartikelhersteller Adidas: Gersdorff erfüllt die Voraussetzungen für seinen Job.

Die Gelegenheit, in der Bundesliga Fuß zu fassen, hatte er allerdings. Im Herbst 1996 war Hertha auf der Suche nach einem Manager – und Gersdorff Wunschkandidat für den Posten. Trainer war damals Jürgen Röber, Präsident Robert Schwan. Mit dem Aufsichtsrat traf sich Gersdorff, damals Manager bei Adidas, zweimal zu Verhandlungen. "Ich war schon in Berlin und sollte auch einen Vorstandsposten bekommen. Die Auflage war allerdings, dass ich sofort anfange. Das ging mir zu schnell."

Zudem hatten er und seine Frau gerade ihre Tochter Mia-Maria aus Guatemala adoptiert. Gersdorff wollte seine Familie nicht nur ein paar Mal im Monat sehen. Vier Wochen später habe der Verein dann Dieter Hoeneß gefragt, ob der nicht Herthas Geschäfte führen will. Der heutige Manager des VfL Wolfsburg sagte damals "Ja". War Dieter Hoeneß nur zweite Wahl? Gersdorff: "Diese Geschichte kennen nur wenige. Dieter Hoeneß gehört dazu, ich habe mit ihm mal drüber gesprochen. Wir haben keine Probleme miteinander."

Mit dem Abstieg begann einst der Ausverkauf

Zur aktuellen Vereinsführung um Manager Michael Preetz hat Gersdorff keinen Kontakt. Seine Verbundenheit zu Hertha ist dennoch groß. In dieser Woche ist Gersdorff wieder in Berlin und besucht den ehemaligen Hertha-Spieler Hans Weiner in seiner Kneipe "Hanne am Zoo" . Das tue er immer, wenn er in der Hauptstadt sei. "Wir sprechen über die guten alten Zeiten." Besonders gern hören Hertha-Fans die Geschichte von dem legendären Spiel beim FC Bayern am 29. Oktober 1977. Gersdorff gelang damals etwas Historisches: Er erzielte nach einem Solo den 2:0-Endstand und sorgte somit für den bis heute letzten Sieg der Berliner bei den Münchnern, für die er 1973 eine Saison gespielt hatte. "Wir hatten vor den Bayern Respekt, aber keine Angst. Die Mannschaft war von sich überzeugt und hat deswegen verdient gewonnen."

Im selben Jahr erreichte er mit Hertha das Finale des DFB-Pokals. Auch nach Verlängerung stand es gegen den 1. FC Köln 1:1. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Also musste ein Wiederholungsspiel her, das die Berliner 0:1 verloren.

Zwei Jahre später traf Gersdorff erneut bei den Bayern. Die Berliner schafften im Ligaspiel ein 1:1, nachdem ein gewisser Dieter Hoeneß die Gastgeber in Führung gebracht hatte. Am Saisonende mussten die Berliner in die Zweite Liga – nach einem dramatischen Abstiegskampf. Im letzten Spiel gewann Hertha vor über 50.000 Zuschauern im Olympiastadion 4:2 gegen den VfB Stuttgart. Bayer Uerdingen verlor beim 1. FC Köln an diesem Tag aber nur 0:1, und so entschied bei Punktgleichheit das Torverhältnis. Hertha fehlten zwei Treffer zum Klassenerhalt. Präsident Wolfgang Holst sprach von der "bittersten Stunde für Hertha BSC".

Es war das Ende einer Ära und der Beginn des Ausverkaufs einer großen Hertha-Mannschaft: Uwe Kliemann wechselte zu Arminia Bielefeld, Wolfgang Sidka zu 1860 München, Michael Sziedat zu Eintracht Frankfurt und Gersdorff zum US-Klub San Jose Earthquakes. "Ich habe mit George Best gespielt. Franz Beckenbauer spielte Anfang der 80er-Jahre für Cosmos New York, Karl-Heinz Granitza für Chicago Sting. Der Fußball in den USA bekam damals einen ersten Schub. Das war zum Ende der Karriere eine perfekte Zeit." Später spielte er auch noch für die San Diego Sockers, ehe er nach Deutschland zurückkehrte.

Er macht sich Sorgen um Hertha

Einen erneuten Abstieg von Hertha BSC will Gersdorff auf keinen Fall erleben: "In der Winterpause sah es hoffnungslos aus. Der Sieg in Hannover hatte Hoffnung geschürt. Aber für eine Aufholjagd braucht Hertha jetzt dringend weitere Siege." Er mache sich Sorgen um seinen Verein. Man dürfe allerdings bei all der Enttäuschung über die zahlreichen Niederlagen in dieser Saison nicht vergessen, dass der Druck auf die Spieler im Vergleich zu seiner aktiven Zeit größer geworden sei. "Das Geschäft ist schnelllebiger geworden. Vor allem durch das Fernsehen geht es um viel mehr Geld. Damals war das eine ganz andere Zeit."

Früher hätten die Spieler nicht so sehr in der Öffentlichkeit gestanden wie heute. Ein Vorteil, auf der einen Seite. Auf der anderen hätte Gersdorff nichts dagegen gehabt, vor 30 Jahren das Gehalt eines aktuellen Bundesliga-Profis einzuwenden gehabt. "Diese Summen hätten wir uns auch gewünscht, da wird wohl niemand etwas anderes behaupten."

Die finanziellen Vorteile des Fußballer-Daseins haben für ihn aber nie im Vorgrund gestanden. Er war Kicker aus Leidenschaft. Nach seinem Karriereende spielte Gersdorff regelmäßig in der Freizeit und nahm gemeinsam mit Paul Breitner und Franz Beckenbauer an zwei Senioren-Weltmeisterschaften teil. "Irgendwann taten mir meine Knie ziemlich weh, da habe ich lieber aufgehört. Jetzt schaue ich eben nur noch im Stadion oder am Fernseher zu."

Schon damit er seinen Arbeitskollegen am Montagmorgen seine persönliche Analyse mitteilen kann.

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