Mitgliederversammlung
Michael Preetz verschafft Hertha eine Atempause
Montag, 7. Dezember 2009 17:48 - Von Uwe BremerHertha BSC ist nicht führungslos - das ist die gute Nachricht von der Mitgliederversammlung. Vor allem Manager Michael Preetz konnte mit einer sehr ehrlichen Rede auch bei den verärgerten Mitgliedern punkten. Bei Bier und Currywurst beschlossen die Vereinschefs den Abend. Sie haben einen klaren Auftrag erhalten.
Gerd Graus hatte Pech. Der Pressesprecher von Hertha BSC ist Vegetarier, er hätte diesen Imbiss nicht ausgesucht. Doch die Macher des Fußball-Bundesligisten um Manager Michael Preetz und Finanzchef Ingo Schiller, Präsident Werner Gegenbauer und weitere Präsidiumsmitglieder hatten „Curry 195“ am Kudamm gewählt, um einen aufregenden Abend zu beschließen. Bei einem Berg Currywürste und einer Lage Schultheiss fiel gegen ein Uhr nachts die Anspannung langsam ab. Gegenbauer hielt sich an einen Fleischspieß, Graus lächelte tapfer und orderte „Pommes mit Salz“.
Zuvor war es im ICC hoch hergegangen. „Die Mitglieder waren unzufrieden und kritisch. Sie hatten viele Fragen, die wir versucht haben, zu beantworten“, sagte Präsident Gegenbauer. Bei aller Hektik wurde die wichtigste Botschaft um 23.27 Uhr von Versammlungsleiter Dr. Dirk Lentfer verkündet: Die Mitglieder hatten mit 72,6 Prozent für das Präsidium gestimmt. Nach den vielen Schlagzeilen im Vorfeld über den vermeintlichen Präsidenten-Sturz waren gerade 18,6 Prozent für eine Abwahl. Benötigt hätten die Gegner eine Dreiviertel-Mehrheit.
Störer haben sich eingeschlichen
Auch wenn vorab in den Medien die Kritiker zu einer schlagkräftigen Opposition hochgejazzt worden waren, blieb wieder einmal die Erkenntnis: Die Mitglieder vertrauen den handelnden Personen. „Die Leute wollen keine führungslose Hertha. Sie wollen, dass wir die Karre wieder aus dem Dreck ziehen“, sagte Gegenbauer.
Vertrauen ist gut, vor allem aber ist es eine Verpflichtung. Allen voran für Michael Preetz (42). Der stand kurz vor Mitternacht draußen vor den vielen verchromten Türen des ICC. Der ehemalige Torjäger atmete tief durch, die Schultern fielen nach unten. Ihm war anzusehen, dass die ersten sechs Monate als Manager viel Energie gekostet hatten. Für niemanden war die Mitgliederversammlung so wichtig wie für Preetz. Er steht am Anfang der neuen Karriere. Sein Arbeitsnachweis bisher mit Platz 18 nach 14 Liga-Partien ist ein Desaster. Entsprechend bedeutsam war es für Preetz, die Mitglieder zu überzeugen. Zudem war seine Rede als interner Nachweis gegenüber dem Präsidium wichtig. Motto: Auch wenn die Zeiten schwierig sind, ich, Preetz, gehe voran.
Kritiker in den Medien monierten, die Ansprache habe nicht das Niveau des FC Barcelona gehabt. Richtig, dafür war Preetz zunächst die Anspannung anzumerken. Dazu kamen wiederholte Zwischenrufe und Pöbeleien aus dem Publikum. Vor allem einige Ultras in den hinteren Rängen fielen auf. Wie sich am Montag herausstellte, hatten sich einige von ihnen unberechtigt Zugang zur Versammlung erschlichen. Sie waren keine Mitglieder.
Doch Preetz warf in die Waagschale, was er hat: seine Integrität. Er bekannte: „Ich bin konservativ erzogen. Für mich sind Werte wie Respekt, Offenheit und Verlässlichkeit wichtig.“ Preetz war als Spieler kein Lautsprecher und begann auch in der neuen Funktion nicht, populistische Sprüche zu klopfen. Geradezu demonstrativ kam er auf seine am meisten umstrittene Verpflichtung zu sprechen, auf Artur Wichniarek – und erntete erwartungsgemäß Pfiffe und Buhrufe. Dem Unmut setzte Preetz umso energischer entgegen: „Ich werde jetzt den Teufel tun und den Stab über Artur brechen. Er gehört zu uns.“
Ruhig und sachlich – Preetz war authentisch. Er verlor kein Wort über Vorgänger Dieter Hoeneß (der Ex-Manager spielte insgesamt keine Rolle). Selbst jene Mitglieder, die nicht mit den Inhalten des neuen Managers einverstanden war, räumten ein: „Michael, Sie sind ein integerer Mann.“ Die Rede traf die Gemütslage der meisten Anwesenden. Entsprechend eindeutig lehnten die Mitglieder später die Abwahl-Anträge ab. Die Botschaft lautete: Hertha setzt auf Kontinuität. Damit hat der Manager sich und dem Verein eine Atempause verschafft.
Die Winter-Käufe müssen passen
Das wusste Preetz nur zu genau, als er nach dem Kraftakt vor dem ICC auf den Messedamm schaute. „Und wir haben nach wie vor keinen einzigen Punkt mehr.“ Hertha ist weiter Schlusslicht der Liga.Wie es um die Zukunft des Hauptstadt-Klubs und um die noch junge Manager-Karriere von Preetz bestellt ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die Kader-Zusammenstellung im Sommer von Preetz und Ex-Trainer Lucien Favre ist missglückt. Bei den Einkäufen im Winter sollte Preetz mit Friedhelm Funkel ein besseres Händchen beweisen. Nur, wenn Hertha die Rückrunde sportlich deutlich positiver gestaltet als die Hinrunde, kann die leise Hoffnung, vielleicht doch die Klasse halten zu können, aufrecht erhalten werden.
All diese Mosaiksteine benötigt der Manager, damit er auch in der nächsten Saison weiter die Verantwortung tragen darf. Wenn er in der kommenden Versammlung im Mai wieder vor die Mitglieder tritt, wird eine gute Rede nicht reichen. Hertha und Preetz brauchen dann sportliche Argumente.
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