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Bundesliga

Hertha BSC ist ein Fall für den Psychologen

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Herthas Bundesliga-Fußballer sind derzeit vor allem eines: sich selbst ihr größter Gegner. Zu sehen war das auch beim mühsamen 3:2 gegen Regionalligist Türkiyemspor. Co-Trainer Christoph John rät deshalb, auch in den mentalen Bereich zu investieren - nicht erst in Zeiten von Krisen, sondern ganzjährig.

Er hätte den Ball stoppen können, Platz dazu war da. Dann nur noch zielen – und treffen. Ballast abwerfen. Jubeln. Über ein Tor, und viel mehr: eine richtige Entscheidung. Aber Maximilian Nicu (und später auch Cicero) traf die falsche Entscheidung. Wieder einmal. Statt in Ruhe konzentriert abzuschließen, bolzten beide Profis von Hertha BSC den Ball aus fast identischer Position über das Tor.

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So geriet das Testspiel gegen Regionalligist Türkiyemspor nicht zur insgeheim erhofften Seelenmassage, sondern einmal mehr zur Frust bereitenden Qual. „Wir hätten das Spiel früher und höher für uns entscheiden müssen“, klagte Verteidiger Christoph Janker.

Reihenweise Fehlentscheidungen

Herthas Bundesliga-Fußballer, hat Cotrainer Christoph John nicht erst nach dem mühsamen 3:2 gegen den drei Klassen tiefer spielenden Lokalrivalen festgestellt, sind derzeit vor allem eines: sich selbst ihr größter Gegner. Standesgemäß gingen sie gegen Türkiyemspor früh in Führung – aber wahrscheinlich war sogar selbst das ein Fehler. „Sie dachten danach, jetzt geht alles von selbst“, vermutete John, nachdem Patrick Ebert, Cicero und Raffael Hertha nach nur fünf Minuten sehenswert in Führung kombiniert hatten. Aber schon ein wenig Gegenwehr der Amateure genügte, um die Profis des Bundesliga-Tabellenletzten aus der Bahn zu werfen. Fehlpass reihte sich an Fehlpass; wo schnell zu spielen war, wurde der Ball gehalten, und wenn sich ein Flachpass anbot, flog der Ball meterhoch ins Aus.

So geht das ja nun schon seit Wochen, ja Monaten. „Das Bemühen ist da“, sagt John väterlich. „Aber sie ziehen sich selbst runter. Sie treffen zu viele Entscheidungen, mit denen sie sich das Leben selbst schwer machen.“ John, der engste Mitarbeiter von Cheftrainer Friedhelm Funkel, hat auch „technische Mängel bei dem einen oder anderen“ ausgemacht. In erster Linie aber resultiere die fast mit Händen zu greifende Verunsicherung aus den vielen Negativerlebnissen der jüngeren Vergangenheit. Und wenn sich im Spiel erst einmal wieder Fehler auf Fehler gehäuft hat, dann, so John, „versuchen sie, mit einer besonders komplizierten Aktion den negativen Gesamteindruck zu korrigieren“ – was meist erst recht misslingt und die Situation nicht besser macht.

Vormals inflationär verwendete Schlagworte wie „Kopfproblem“ verbieten sich spätestens seit dem tragischen Ende von Nationaltorwart Robert Enke fast von selbst. Doch wird auf den Tribünen der Fußball-Republik wirklich eine andere, eine Kultur der Nachsichtigkeit Einzug halten? Selbst ein vermeintlich bedeutungsloser Charity-Kick wie der von Hertha und Türkiyemspor vor 439 meist nicht der Hardcore-Fanszene zugehörigen Zuschauern lässt das Gegenteil erwarten. Warum sie denn nicht schneller spielten und passten, riefen Ungeduldige aufs Feld; von den hoch bezahlten Profis wird auch in Zukunft nur eines erwartet: Leistung, zuverlässig, fortwährend.

Christoph John hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sporthochschule in Köln gearbeitet, als Fußballlehrer ist die Arbeit mit dem Nachwuchs seit über eineinhalb Jahrzehnten sein Fachgebiet. Aus dem Umgang mit in ihrer Entwicklung meist längst nicht abgeschlossenen Menschen hat er die Erfahrung gemacht: „Wir trainieren die Fußballer und beschäftigen Physiotherapeuten, sie gehören wie selbstverständlich zum Trainerstab.“ Aber was ist mit dem Kopf? John rät, auch in den mentalen Bereich zu investieren – nicht erst in Zeiten von Krisen, sondern ganzjährig. Eine „Misserfolgs-Vermeidungs-Strategie“ sähe er hierin angewandt. Aufgabe eines solchen „Sportpsychologen“, an dessen Berufsbezeichnung John die erste Silbe besonders betont, sei „die optimale Vorbereitung auf den jeweils nächsten Wettkampf“: Spielern im Tief würde das mentale Kreuz gestärkt, solche im Hoch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Ex-Trainer Favre sträubte sich

In Zeiten der öffentlichen Rundumverfolgung nicht der schlechteste Weg. Für viele Klubs noch immer Neuland – aber nicht für Hertha. Schon seit einem Jahr arbeitet der Sportpsychologe und Mentaltrainer Dirk Gratzel mit dem Nachwuchs. Geplant war, die Zusammenarbeit mit Saisonbeginn auch auf den Profikader auszuweiten, aber Ex-Trainer Lucien Favre sträubte sich in letzter Sekunde. Erst Mitte September, nach dem 0:4 gegen Freiburg, trat Gratzel erstmals vor die da längst verunsicherte Mannschaft – womit der Eindruck entstand, Hertha reagiere nur auf die Krise, statt ihr aktiv entgegengewirkt zu haben.

Nach dem Trainerwechsel hat sich Gratzel wieder zurückgezogen. Geschäftsführer Michael Preetz wollte dem neuen Duo Funkel/John Gelegenheit geben, sich uneingeschränkt einen Eindruck vom Zustand der Mannschaft zu machen. „Generell aber“, sagt auch Preetz, „ist Sportpsychologie ein Feld, das zum modernen Fußball dazugehört.“

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