Nach dem Europa-League-Sieg
Hertha schöpft Hoffnung für das Abstiegsduell
Freitag, 6. November 2009 23:33 - Von Julien WolffDie Berliner können doch siegen - und zwar durch die Stürmer. Das hat das Europa-League-Spiel beim SC Heerenveen gezeigt. Die drei Tore des Stürmerduo Domovchiyski/Wichniarek machen den Berlinern nun Mut für die brisante Bundesliga-Partie gegen Köln am Sonntag.

Mitten in der Nacht drehte sich das Türschloss. Der Held des Tages kam spät nach Hause. Müde, aber glücklich kehrte Artur Wichniarek (32) gestern nach dem Flug von Groningen nach Berlin zur Familie zurück. Beim 3:2 (1:2) im Europa-League-Spiel beim SC Heerenveen wenige Stunden zuvor war der Stürmer von Hertha BSC der entscheidende Mann gewesen. In der Nachspielzeit hatte er nach Vorarbeit von Valeri Domovchiyski (23) den Siegtreffer erzielt, zuvor zwei Tore des Bulgaren vorbereitet. Hertha hat dank der Angreifer wieder Chancen auf den Einzug in die K.o.-Runde. „Das Spiel war für mich und die Mannschaft wie ein Neuanfang“, sagt Wichniarek.
Rechtzeitig vor dem richtungsweisenden Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Köln am Sonntag (17.30 Uhr, Olympiastadion) hat Hertha den Bann der Torlosigkeit durchbrochen. Nach 462 Minuten ohne Treffer gibt die Leistung des Duos Wichniarek/Domovchiyski Hoffnung für das Abstiegsduell.
„Das Positive ist, dass unsere Stürmer Tore erzielt haben. Den ersten Schritt haben wir gemacht, jetzt muss es weitergehen“, sagt Kapitän Arne Friedrich. Der erste Erfolg nach zwölf Spielen ohne Sieg war insbesondere für Wichniarek eine Befreiung. Die vergangenen Wochen gehörten zu den schwersten seiner Karriere. In der Liga ist der Pole nach elf Spieltagen noch ohne Tor. Fans verspotteten und fremde Menschen beschimpften ihn, wenn er in Berlin unterwegs war. Funkel stellte ihn nicht mehr von Beginn an auf. Hinzu kam Ärger mit der Staatsanwaltschaft in Polen wegen des Verdachts der Veruntreuung von Geld als angeblicher Teilhaber der Firma seines Vaters. Wichniarek war gereizt, fühlte sich in die Rolle des Sündenbocks gedrängt.
„Jeder weiß, dass Artur eine schwere Zeit durchgemacht hat. Jetzt hat er ein Tor geschossen und zwei vorbereitet – viel besser geht es nicht“, freut sich Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger für seinen Kollegen. Es habe richtig Spaß gemacht, nach dem Spiel in die Kabine zu kommen und mit ihm den Sieg zu feiern.
Seine Familie, betont Wichniarek, habe immer an ihn geglaubt. „Davor habe ich großen Respekt.“ Sein erstes Pflichtspiel-Tor für die Berliner widmete er seiner im Sommer 2008 verstorbenen Mutter. Wie er es bei seinem vorherigen Verein Arminia Bielefeld getan hatte, zeigte er nach dem Treffer nachdenklich mit beiden Händen Richtung Himmel.
Die Partie in Heerenveen war für ihn auch eine Versöhnung mit den Fans. Während sie ihn bei Heimspielen zuletzt schon vor dem Abpfiff ausgepfiffen hatte, belohnten sie am Donnerstag nahezu jeden Sprint mit Applaus. „Das ist sehr positiv“, sagt Wichniarek.
Doch auch nach dem Erfolgserlebnis fiel auf, dass Wichniarek nicht der Erfinder der Selbstkritik ist. So konnte er sich erneut Seitenhiebe gegen den beurlaubten Ex-Trainer Lucien Favre verkneifen. „Man hat gegen Heerenveen gesehen, dass sich die vier Wochen Arbeit unter dem neuen Trainer gelohnt haben.“ Er fühle sich wieder spritziger. In den vergangenen Wochen hatte Wichniarek mehrfach die Vorbereitung unter Favre kritisiert. Dafür erntete der Pole Widerspruch von seinem Vorgesetzten. Funkel sagte: „Die Stürmer werden jetzt zu Recht gelobt, so wie sie zu Recht in den vergangenen Wochen kritisiert worden waren. Und mein Vorgänger hat hervorragende Arbeit geleistet. Sonst wäre Hertha in der Vorsaison nicht beinahe Meister geworden.“
Gegen Köln werden 50000 erwartet
Funkel erzählte, er habe ein langes Gespräch mit Wichniarek gehabt. „Artur nimmt die Herausforderung kämpferisch an. Das sehen auch die Fans.“ Insofern darf man Sonntag gespannt sein auf die Reaktion des Berliner Anhangs. Nach der überzeugenden Vorstellung in Heerenveen werden Wichniarek/Domovchiyski wohl auch gegen Köln in der Startformation beginnen. „Die Tore tun den Beiden gut. Ich hoffe, dass das Team das gewonnene Selbstvertrauen in die Partie gegen Köln mitnimmt“, sagt Manager Michael Preetz. 50000 Zuschauer werden im Olympiastadion erwartet. Trainer Funkel weiß, dass die Aufgabe Klassenerhalt für den Letzten nur auf einem Weg zu erreichen ist: „Ob Artur, die Mannschaft, das Präsidium oder die Fans: Es wird nur gemeinsam gehen.“ Gestern Nachmittag ließ er seine Profis auf dem Schenckendorffplatz trainieren.
Die Situation in der Liga ist nach wie vor prekär. Wichniarek: „Ich hoffe, dass wir das Glück jetzt mal wieder auf unserer Seite haben.“




































