11.06.13

Fußball

Herthas Scouts – Jäger der verborgenen Schätze

Der Bundesligaaufsteiger Hertha BSC verpflichtet nur Spieler, die Trainer Jos Luhukay bereits kennt. Die Arbeit der Scoutingabteilung aber verändert kaum. Sie geht weit darüber hinaus. Ein Besuch.

Von Jörn Meyn
Foto: Hertha BSC

Gemeinsam stark Sven Kretschmer (r.) und Torsten Wohlert sind Herthas Scoutingabteilung. Für die beiden Ex-Profis ist es oft ein 7-Tage-Job.
Gemeinsam stark Sven Kretschmer (r.) und Torsten Wohlert sind Herthas Scoutingabteilung. Für die beiden Ex-Profis ist es oft ein 7-Tage-Job.

Die Zukunft klebt an der Tapete. Sie ist zwei Meter breit und einen Meter hoch. Sieben rote Fähnchen stecken darin. Sven Kretschmer sitzt in einem kleinen Büro in der dritten Etage der Geschäftsstelle von Hertha BSC und schaut auf eine Europakarte an der Wand. Die Fähnchen zeigen, wo der Bundesligaaufsteiger vornehmlich seine zukünftigen Spieler sucht.

"Was das Scouting für die Profiabteilung angeht, ist Deutschland unser Kernmarkt", sagt Kretschmer. Der 42-Jährige ist der Chefscout des Klubs. Kurzes, dunkles Haar, dichter Vollbart. Ein skeptischer Blick. Über das, was der ehemalige Hertha-Angreifer seit knapp zehn Jahren für die Berliner macht, spricht er ungern. Das Suchen und Finden von Profis und Talenten ist eine Arbeit im Verborgenen. Und sie hat sich bei Hertha seit ein paar Jahren verändert.

Nebenan sitzt Torsten Wohlert. Eine gläserne Tür trennt beide Büros. Kretschmer und Wohlert sind die überschaubare Scoutingabteilung der Berliner. Kretschmer kümmert sich um die Gegnerbeobachtung und sondiert den Markt für den Profikader. Wohlert, früher ein eisenharter Verteidiger in Dortmund, Homburg, Mannheim und Duisburg, ist für den Nachwuchs zuständig.

Vier Zugänge aus Trainer Luhukays Notizbuch

Während im renommierten "Sportslab" des 1. FC Köln Mitarbeiter aus 20 Nationen den weltweiten Fußball beobachten, werden Kretschmer und Wohlert nur noch von Andreas Schießer bei der Videoanalyse unterstützt. Hertha muss die Kosten reduzieren. Auch im Scouting. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass sich der Zweitligameister die Sichtungsarbeit komplett sparen könnte. Mit Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh, Hajime Hosogai und zuletzt Alexander Baumjohann hat Hertha zur neuen Saison ausschließlich Spieler verpflichtet, die scheinbar keiner Beobachtung mehr bedurften. Cheftrainer Jos Luhukay kannte jeden Profi von vorigen Trainerstationen.

Kretschmer muss schmunzeln: "Das verändert das Scouting nicht", sagt er. "Wir hätten diese Spieler nicht verpflichtet, wenn nicht auch wir als Scoutingabteilung von ihnen überzeugt gewesen wären."

Bevor Kretschmer von einem Spieler überzeugt ist, wird dieser umfassend durchleuchtet. Alles beginnt mit einer Analyse des eigenen Kaders schon weit vor Beginn einer jeden Transferperiode. Wo gibt es Handlungsbedarf? Gemeinsam mit Luhukay und Herthas Manager Michael Preetz wird ein Profil des gesuchten Akteurs erstellt.

Beispiel Peter Pekarik: Der gläserne Spieler

Kretschmer erklärt seine Arbeit an einem Beispiel: Vor Beginn der vergangenen Saison wurde deutlich, dass Hertha noch einen Rechtsverteidiger benötigt. Sein Steckbrief las sich wie der eines Spielers, den es eigentlich gar nicht gibt: Erfahren, aber entwicklungsfähig. Ein sofortiger Leistungsträger sollte er sein, aber auch kostengünstig.

Auf Peter Pekarik vom VfL Wolfsburg kam Kretschmer, nachdem er viele Gespräche mit Spielerberatern und den derzeit neun aktiven Scouts in ganz Deutschland geführt hatte, die exklusiv für Hertha arbeiten. Die Berater versorgen den Klub mit Informationen zu Vertragsmodalitäten und der generellen Bereitschaft des Spielers zu einem Wechsel.

Die über das gesamte Bundesgebiet verteilten Scouts liefern die Erkenntnisse über die Fähigkeiten des Profis. Nach jeder Partie, die sie für Hertha sehen, bewerten sie die Spieler mit Noten und Beschreibungen. Eingepflegt werden diese Informationen in eine Datenbank. Seit sechs Jahren arbeitet Kretschmer mit einem Programm des Anbieters Scout7.

Als Pekarik in den Fokus rückte, konnte Kretschmer so in kurzer Zeit auf alle Leistungsdaten des Slowaken zurückgreifen. "Es gibt heute den gläsernen Spieler", sagt der Chefscout. "Entscheidend ist nur, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen."

Um das Risiko zu minimieren, falsche Schlüsse zu ziehen, verteilt Hertha das klassische Sichten auf mehrere Schultern. Kretschmer verwendet hier gern die Formulierung "im Idealfall", denn ideal läuft es nicht immer. Nachdem ein Spieler von mehreren Scouts empfohlen wurde, machen sich Kretschmer oder Wohlert selbst ein Bild. Danach folgen Trainer oder Manager.

Am Ende steht der Charaktertest: "Bevor wir einen Spieler verpflichten, schauen wir ihn uns oft im Training bei seinem Klub an: Wie präsentiert er sich dort? Wie geht er mit seinem Trainer und den Mitspielern um? Danach gibt es keine Geheimnisse mehr", sagt Kretschmer.

Früher teure ausländische Profis, heute günstige aus Deutschland

Das Beispiel Pekarik zeigt, wie sich das Scouting bei Hertha in den vergangenen Jahren verändert hat. Fahndeten die Berliner in den Nullerjahren oft nach Spieler im Ausland (Marcelinho, Alex Alves, Gilberto, André Lima) – die zudem meist hohe Ablösesummen kosteten –, beschränken sie sich heute zunehmend auf den deutschen Markt. "In erster Linie suchen wir in der ersten, zweiten und dritten Liga", sagt Kretschmer. Die Qualität habe sich verbessert, die Kosten seien geringer.

Doch Hertha ist mit dieser Erkenntnis nicht allein. Viele Klubs sichten mittlerweile vornehmlich im Inland. Und weil Hertha nicht dieselben finanziellen Mittel wie die meisten Mitbewerber hat, wird der Markt enger. "Wir gleichen das durch ein gutes Netzwerk und Schnelligkeit aus", sagt Kretschmer.

Zudem verschiebt sich das Scouting zunehmend in den Jugendbereich. Hertha ist aufgrund der hohen Verbindlichkeiten gezwungen, verstärkt auf eigene Talente zu setzen. Der Kernmarkt für diese Nachwuchsspieler seien Berlin und Brandenburg, so Kretschmer. "Berlin hat 5,5 Millionen Menschen inklusive Speckgürtel. Da sind schon ein paar gute Kicker dabei. Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, diese jungen Talente so früh wie möglich zu uns zu holen."

Der Traum, mit acht Berlinern aufzulaufen

Doch auch hier ist der Markt voll von Bewerbern. Die Mechanismen sind die gleichen wie im Profibereich. Es kommt vor, dass Kretschmer zehn bis 20 Videos von Beratern am Tag zugesendet bekommt, die einen Spieler anpreisen. Das Suchen wird hier zu einer Jagd nach den verborgenen Schätzen. Hertha versucht, mit der vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ausgezeichneten Nachwuchsakademie zu punkten.

Das Ziel, sagt Kretschmer, und das ist wieder so ein "Idealfall", sei es, irgendwann mit acht Berlinern in der Startelf aufzulaufen. "Das ist natürlich eine Illusion, und vielleicht wird sie nie Realität", so der Chefscout. Weil Hertha diesen Weg eingeschlagen hat, endet die Arbeit von Kretschmer und Wohlert auch nicht mit dem Einstellen der Transferaktivitäten zur neuen Saison. Vielmehr ist sie ein ständiger Prozess: "Wir haben keine Zeit, uns auszuruhen", sagt Kretschmer. "Wir müssen weiter Gas geben, sonst geht die Entwicklung an uns vorbei."

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