12.02.13

Aus dem Fanblock

Einmal Derby hautnah - "an der Spree gibt es nur Hertha BSC"

Derbys sind immer emotional und für jeden Fan etwas Besonderes. Es aus dem Fanblock zu sehen, bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

Von Niclas Kakomanolis
Foto: dpa

Kaum in Worte zu fassen: Die Choreografie der Herthafans im Derby gegen den 1.FC Union Berlin
Kaum in Worte zu fassen: Die Choreografie der Herthafans im Derby gegen den 1.FC Union Berlin

Als sich Ronny den Ball schnappte, um ihn sich zum Freistoß zurecht zu legen, war jedem Einzelnen klar: Jetzt wird's was geben. Die Ostkurve des Berliner Olympiastadions verwandelte sich ruckartig in ein Meer aus Revolverhänden, die bereit waren Union Einen einzuschießen.

Der ganze Block schrie seinen Namen: "Roooooonyyyyyy!" Die obligatorische Methode Herthas "Scharfschützen" anzufeuern, wenn er wieder zu einem Freistoß antritt. Gespannt schaute ich auf den Ball. Die Tippelschritte vor Ausführung des Freistoßes erschienen mir ewig. Von der Seite höre ich nur: "Der ist drin!"

"Schön wäre es", dachte ich mir. Als das ich den Ball dann fliegen sah, über die Rot-weiße Mauer hinweg mitten ins Herz der Unionfans, gab es für mich und jeden Einzelnen in der Ostkurve kein Halten mehr. Wir brüllten uns die Seele aus dem Leib und lagen uns alle in den Armen. Doch noch die große Blamage abgewendet. Dabei sah es zu Beginn nicht ein bisschen danach aus.

Derbytreff am Zoologischen Garten

Es war alles hergerichtet für ein Fußballfest der Superlative. Derbytime – Hertha gegen Union. Mit Abstand das Spiel des Jahres für jeden Fan, egal ob Blau-weiß oder Eisern. Seit Tagen schon kann ich meine Vorfreude nicht verbergen. Und so machte ich mich mit Nervosität im Bauch auf den Weg zum Bahnhof Zoo, wo ich mich mit dem Rest der Herthafans auf das Spiel einstimmen wollte.

Nach einer langen Winterpause ein schönes Wiedersehen mit "alten Bekannten". Die Stimmung war überragend/bombastisch. Jeder war bereit alles zu geben, um die alte Dame zum Sieg zu schreien.

Als ein sehr lautes "HA HO HE HERTHA BSC" wohl sogar die Löwen im Zoo von ihrem Mittagsschläfchen geweckt haben muss, war klar: Die Unionfans sind zu ihrem Derbytreff an der Gedächtniskirche eingetroffen. Die Polizei hielt die Fanlager stets auseinander und so blieb es bei friedlichen Fangesängen. Nach zwei Stunden, gegen 17 Uhr, setzte sich der riesige Herthatross in Bewegung. Stets in Begleitung der Polizei, runter in die U2 – Ziel: Olympiastadion.

Olympiastadion strahlt prächtig im Abendhimmel

Da war ich nun. Das Olympiastadion strahlte prächtig im Abendhimmel der Hauptstadt. Es sollte das bekommen, was es verdient. Es roch schon ganz nach Erstligafußball am heutigen Montag.

Man hätte fast glauben können der FC Bayern ist zu Gast, doch immer wiederkehrende Unionschals und Mützen holten mich aus meinen Träumen zurück in die Realität. Doch "nur" Zweitligafußball. Aber das war heute egal. Es zählte die Stadtmeisterschaft gegen den Erzrivalen. Das Stadion war noch geschlossen und so vertrieb ich mir meine Zeit mit dem Rest der Leute an der Bratwurstbude, bis das Stadion seine Pforten öffnet.

Als es dann soweit war, ging es geradezu durch das Osttor direkt in die Kurve. Auf dem Boden der unteren Reihen lag schon das Material für die Choreografie bereit und ich war gespannt, was sich darunter verbirgt. Das Stadion füllte sich nach und nach und immer mehr zeichnete sich die Farbenvielfalt der Stadt ab. Grotesker Weise die Ostseite in Blau-weiß, die Westseite links und rechts vom Marathontor in Rot-weiß. Ein tolles Bild, das Stadion in solch einer Fülle zu sehen. Es war kalt, sehr kalt und ich war froh in meiner dicken Jacke eingepackt zu sein und nicht wie die Spieler auf dem Platz beim Warmmachen, in kurzen Hosen spielen zu müssen. Der Anpfiff rückte immer näher.

Die Stimmung in der Berliner Ostkurve ist unbeschreiblich

Ein paar Minuten vor dem Anpfiff ging es los. Der Capo (= Vorsänger) nahm sich das Mikro und begann mit seinem "Arbeitstag". Er begrüßte alle Herthaner in der Kurve und wies noch mal auf die Wichtigkeit des Spieles hin. Damit heizte er die Stimmung derartig auf, dass einem schon fast warm wurde im Eisschrank Olympiastadion.

Er startete mit den ersten Liedern. "In Berlin, an der Spree, gibt's nur Hertha BSC…". So laut, dass es ja die Eisernen auf der anderen Seite hören und verstehen können. Ich konnte es kaum erwarten. "Nur nach Hause" von Frank Zander erklang im weiten Rund und jeder Herthaner hob seinen Schal in die Luft und verwandelte das Stadion in ein blau-weißes Meer. Damit war klar, die Mannschaften laufen gleich ein und die Choreografie startet. Ein riesiger Banner schoss aus den untersten Reihen nach oben und verdeckte im Nu die ganze Kurve. Darunter sah man fast nichts, nur die groben Umrisse und die hell aufleuchtenden Bengalos von der anderen Seite. Ein unbeschreibliches Gefühl.

"In Berlin, an der Spree, gibt's nur Hertha BSC…"

Der Anpfiff. Die Stimmung war wie immer in dieser Kurve atemberaubend. Gänsehautfeeling pur. Doch irgendwie sah ich nicht das Spiel, was ich erwartet hatte. Union war besser. In der neunten Minute dann der Schock. Das erste Tor für Union. Ich war sprachlos. Die rot-weiße Wand gegenüber war kaum zu bändigen. Wie auch, wenn man als Außenseiter im Stadtderby in Führung geht. "Nicht schon wieder", dachte ich.

Ich fühlte mich zurückversetzt in das letzte Derby-Heimspiel, wo Hertha mit eins zu zwei verloren hatte. Doch die Kurve war gleich zur Stelle und wusste worauf es ankommt: Die Mannschaft nicht hängen zu lassen und sie weiter voranzutreiben. Doch es änderte sich nichts. Union dominierte das Spiel und Hertha schien keine Antwort zu finden. Ein Albtraum für jeden Fan. Ein Albtraum der nach der Halbzeit durch das zwei zu null komplettiert wurde.

Meine Hoffnungen auf einen Derbysieg gingen in diesem Moment den Bach hinunter und ich wurde gleichzeitig wütend: "Wie kann man jedes Spiel so dominierend sein und ausgerechnet gegen Union so schlecht spielen?", kam mir sofort in den Sinn. Kopfschütteln – bei allen im Fanblock.

Die Blamage gerade noch abgewendet

Vergebens probierte der Capo die Stimmung wieder auf ein Level zu bringen, wie zu Beginn des Spiels. "Hey, jetzt reißt euch doch mal zusammen und gebt alles hier. Es ist noch nichts verloren." Doch die Enttäuschung bei vielen war zu groß. Die Zeit verstrich unerbittlich. "Jetzt muss aber langsam mal der Anschlusstreffer fallen, sonst wird das nichts mehr.", grübelte ich. Kurz danach geschah es: Das Kopfballtor von Ramos in der 73.Minute, der einen wieder hoffen lies.

Die Freude war trotzdem gedämpft weil man wusste, dass man immer noch im Spiel des Jahres zurückliegt. Doch die Mannschaft wurde besser, mit ihr auch die Stimmung in der Ostkurve. Spätestens jetzt wussten es alle: Da ist noch was drin. Und dann dieser Freistoß. Ein Freistoß ins Glück. Wieder Ronny. Wieder ein Tor von enormer Wichtigkeit. Jetzt noch eins? "Wir wollen Hertha siegen sehen, die Ganze Kurve singt im Chor, auf geht´s Hertha schießt ein Tor", schallte es durch das Stadion. Doch es sollte nicht sein, der Abpfiff. Hertha spielt unentschieden.

Ronny wahrt die Ehre der Herthafans

Wie beim Derby-Hinspiel, wahrt Ronny die Ehre jedes Herthafans. Was hätte man sich nicht alles anhören können in der Familie, im Freundeskreis oder bei der Arbeit. Doch ein Spiel hat 90 Minuten. Diese Fußballweisheit wurde wieder bestätigt.

Ich war im ersten Moment unendlich froh über dieses Tor und den damit verbundenen Ausgleich, doch richtig freuen konnte ich mich nach dem Spiel nicht so recht. Zu gerne hätte ich Hertha siegen sehen. Mit dem Unentschieden lässt es sich nach diesem Spielverlauf aber auch gut leben. Berlin bleibt blau-weiß und Hertha bleibt Stadtmeister. Was will man mehr?

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