10.02.13

Hertha gegen Union

Wie weibliche Fans dem Derby entgegenfiebern

Fußball ist längst nicht nur Männersache. Die Morgenpost brachte je zwei Anhängerinnen von Hertha BSC und dem 1. FC Union an einen Tisch.

Von Alexandra Gross und Uwe Bremer
Foto: Amin Akhtar

Petra Plociennik, Annette Ehrlich, Kathleen Hoppe und Manu Benes verbindet die Liebe zum Fußball
Petra Plociennik, Annette Ehrlich, Kathleen Hoppe und Manu Benes verbindet die Liebe zum Fußball

Wenn am Montag im Derby 75.000 Zuschauer ins ausverkaufte Olympiastadion strömen (20.15 Uhr, live bei Sport 1), werden auch viele Frauen unter den Besuchern sein. Doch was denken sie, wenn ihr Lieblingsstürmer die große Torchance vergibt oder hoch bezahlte Profis Elfmeter schinden?

Berliner Morgenpost: Wie erleben Sie das Derby am Montag?

Kathleen Hoppe (Hertha-Fan): Mich könnte auch eine Kälte von Minus zehn Grad nicht abhalten, ins Olympiastadion zu gehen. Ich werde mich mit einer Decke bewaffnen und dicke Snowboots anziehen.

Petra Plociennik (Union-Fan): Ich gehe nicht hin. Beim letzten Derby im Olympiastadion habe ich mich sehr über den Topspielzuschlag geärgert. Da bin ich aus Protest weggeblieben. Außerdem hat Union damals gewonnen, da bin ich abergläubisch.

Annette Ehrlich (Union-Fan): Bei mir ist es auch Aberglaube, aber umgekehrt. Ich war damals bei Unions Sieg dabei und bin am Montag wieder live dabei.

Manu Benes (Hertha-Fan): Ich bin im Stadion und seit einer Woche sehr aufgeregt. Weil es ja doch etwas Besonderes ist. Die Qualität bei dem Spiel dürfte ja auch ein bisschen höher sein als gegen andere Vereine.

Wie lauten Ihre sportlichen Wünsche?

Manu Benes: Natürlich der Aufstieg für Hertha BSC, auch wenn die Zweite Liga mehr Spaß macht. Aber aus finanziellen Gründen wäre es wichtig, dass Hertha wieder erstklassig ist.

Union ist ja beim Thema Aufstieg zurückhaltend. Reizt Sie nicht die Bundesliga?

Annette Ehrlich: Nö, wir müssen nicht aufsteigen. Das wäre auch viel zu früh.

Petra Plociennik: Wir wollen ja nicht nur verlieren. Leistungstechnisch ist der Unterschied zur Bundesliga schon sehr groß. Für Union zurzeit noch zu groß. Aber es soll nicht nie sein. Nur, jetzt ist es völlig okay, den Mannschaften an der Liga-Spitze ein bisschen Angst einzujagen. Und nächste Saison spielen wir dann Relegation gegen Hertha.

Kathleen Hoppe: Relegation gerne, aber doch bitte nicht gegen uns! Aber wir haben schon gesagt: Wenn Union in dieser Saison in die Relegation kommt und dann gegen Düsseldorf spielt, dann fahren wir Hertha-Fans mit und würden für Union die Daumen drücken. Und natürlich zünden wir dort dann bestimmt auch keine Bengalos an.

Frauen wird ja beim Fußballgucken gern unterstellt, sie würden immer dazwischen reden.

Petra Plociennik: Das stimmt doch gar nicht, im Gegenteil: Männer quatschen beim Fußballgucken viel mehr dazwischen. Männer sind ja fast alle auch Bundestrainer und rufen rein "Ey, den musst du doch machen!"

Kathleen Hoppe: Männer leben das Fußballspiel mehr, wir hoffen mehr auf das positive Ergebnis. Fußball sehen ist toll und schön, aber wir zittern bis zum Abpfiff, dass unsere Mannschaft auch gewinnt. Männer berauschen sich da mehr an einem Spielzug.

Also fällen Frauen ihre Urteile nicht so schnell?

Petra Plociennik: Nun, ich bin schon sauer, wenn Terodde eine gute Chance vergibt. Aber ich sag das dann einmal und nicht zehnmal. Oder ich lache, weil er ist ja mein Simon ist und er ist auch nur ein Mensch. Wir Frauen sind da großzügiger im Beurteilen von Situationen.

Annette Ehrlich: Ich diskutieren dann auch mit Männern, frage sie, ob sie denn auch an jedem Arbeitstag zu einhundert Prozent voll da sind.

Petra Plociennik: Bei so einer Frage muss aber schon ein Sicherheitsabstand von drei Stunden da sein.

Kathleen Hoppe: Oh ja, bloß keine Fragen direkt nach Abpfiff, wenn die eigene Mannschaft verloren hat. Das wäre fatal.

Annette Ehrlich: Männer erwarten von den Spielern die absolute Perfektion. Mir aber ist klar, dass das auf dem Feld Jungs sind. Die haben manchmal auch die Hose voll, wenn sie vor so einer Kulisse auftreten. Ich sehe da den Menschen und nicht den Fußballgott.

Was fällt Ihnen, liebe Union-Fans, zu Hertha ein?

Petra Plociennik: Die haben Geld. Also jedenfalls mehr als wir.

Annette Ehrlich: Solange ich Fußball gucke, war Hertha – jedenfalls fast immer – weit weg von uns, weil höherklassig. Da gibt es wenig Berührungspunkte.

Und umgekehrt?

Manu Benes: Als die Mauer noch stand, hatten wir ja eine große Fan-Freundschaft mit Union und ich fände es sehr schön, wenn wir das einigermaßen wieder hinbekommen würden. Ich finde es blöd, wenn zwischen den Vereinen einer Stadt Krieg herrscht. Wir müssen in einer Stadt zusammenhalten.

Kathleen Hoppe: Bei uns stört mich, wenn diese "Scheiß-Union"-Rufe kommen. Da ist null Sinn hinter und ein Armutszeugnis. Union ist alles andere als ein Feindbild.

Gehen Frauen mit Niederlagen anders um als Männer?

Kathleen Hoppe: Beim Sieg sind Männer total euphorisch, freuen sich richtig ekstatisch und können sich die Szenen eines Spiels x-mal anschauen. Wenn Hertha verliert, geht die erste halbe Stunde nichts. Der Mann ist dann ruhiger, er lacht nicht und knabbert an der Niederlage. Bei dem einen dauert das eine halbe Stunde, beim anderen drei Stunden. Und nach dem Derby würden es dann wohl vier Stunden sein.Annette Ehrlich: Wir sind da viel gelassener. Eine Niederlage ist eine Niederlage und gut ist.

Erleben Sie manchmal, dass Sie mit Ihrer Leidenschaft für Verein und Fußball nicht ernst genommen werden?

Manu Benes: Ich kenne das nicht. Der Gedanke, dass Frauen nicht ins Fußballstadion gehören, ist doch altbacken. Ich bin seit 50 Jahren dabei und habe es immer erlebt, dass Frauen zum Fußball gehen.

Annette Ehrlich: Ich erlebe schon manchmal Ungläubigkeit. Zum Beispiel wenn jemand sieht, dass ich meine Union-Bankkarte aus dem Portemonnaie ziehe. Dann guckt mich mancher völlig entgeistert an.

Petra Plociennik: Ich werde manchmal belächelt. Oder Männer, die schon seit 40 Jahren zum Fußball gehen, glauben nicht, dass unsere Begeisterung ernsthafter Natur ist. Eher eine Modeerscheinung.

Annette Ehrlich: So eine Meinung kommt aber nicht von ungefähr. Wenn man sich bei einer EM oder WM mal mit Frauen auf der Fanmeile unterhält, dann kennen die gerade mal Schweinsteiger. Mehr aber auch nicht. Dass dann Männer einen nicht ernst nehmen, okay. Aber hey, Frauen müssen ja auch mal mit dem Fußballgucken anfangen. Und dann haben sie am Anfang eben noch nicht so viel Ahnung.

Kathleen Hoppe: Ich merke, dass man in einer großen Runde als Frau positive Aufmerksamkeit erntet, wenn man mal drei kluge Worte zum Fußball sagt und nicht nur den Namen Schweinsteiger ausspricht.

Hat die WM 2006 die Frauen zum Fußball gebracht?

Annette Ehrlich: Der Sachverstand durch die WM ist bei den Frauen sicher gestiegen. Aber die Anhängerschaft im Liga-Betrieb ist dadurch nicht gestiegen. Sicher gibt es viel mehr weibliche Fans für die Nationalmannschaft, aber wegen der WM gehen die Frauen jetzt nicht zu Union oder Hertha. Das haben die Vereine aus eigener Kraft geschafft.

Was ärgert Sie am Fußball?

Manu Benes: Wenn Spieler Elfmeter schinden, das ist furchtbar und unsportlich.

Kathleen Hoppe: Diese ganze Theatralik ist unmöglich. Die fassen sich an den Kopf, dabei sind sie am Fuß getroffen worden. Das ist unmöglich.

Petra Plociennik: Was mich besonders ärgert, das sind Fehlentscheidungen, also vermeintliche Fehlentscheidungen, denn man sieht ja im Stadion nicht viel. Und Spucken ist das Letzte.

Annette Ehrlich: Ich schließe mich den Mädels an. Aber was mich auch noch auf die Palme bringt: Der gute Herr Rösler von Fortuna Düsseldorf. Kauen wir doch mal dem Schieds- und Linienrichter ein Ohr ab. Diese Volllabern von Schiedsrichtern ist für mich genauso unsportlich wie das Schinden von Elfmetern. Weil es ja auch die Entscheidungen beeinflusst.

Was würden Sie sich für den Fußball wünschen. Vom DFB, der Uefa oder der Fifa?

Annette Ehrlich: Ich finde diese unglaubliche Polizeipräsenz unnötig. Und ich verstehe es auch nicht, denn im Stadion fühle ich mich sicherer als auf jedem Köpenicker Stadtfest.

Petra Plociennik: Ich wünsche mir, dass es in den Stadien so bleibt wie es ist, nämlich eine Veranstaltung für Erwachsene und kein Disneyland. Da darf auch mal eine Zigarette geraucht werden. Ich will als Erwachsener im Stadion nicht eingeschränkt werden.

Annette Ehrlich: Ich brauche auch kein Popcorn beim Fußball.

Kathleen Hoppe: Wir haben in Deutschland die positive Situation im Gegensatz zu anderen Ländern, dass die Stadien bei uns sicher sind. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Frauen zum Fußball gehen.

Und was sollte man abschaffen?

Manu Benes: Das Auswechseln in der Nachspielzeit. Wenn die Spieler dann vom Platz schleichen, um Zeit zu schinden. Das geht mir richtig auf den Zünder.

Petra Plociennik: Ich finde, die Mehrfachbestrafung sollte abgeschafft werden. Und ich brauche auch keinen Videobeweis. Dieses Lesen im Kaffeesatz ist doch auch ganz schön.

Kathleen Hoppe: Aber manchmal ist der Videobeweis auch wünschenswert, bei ganz schlimmen Fehlentscheidungen. Vielleicht wäre es gut, wenn man eine Netto-Spielzeit einführt. Damit würde man auch die Schleicherei bei Ein- und Auswechslungen verhindern.

Manu Benes: Was ich gut fände: Wenn jemand verletzt vom Platz muss und am Spielfeldrand behandelt werden muss, weil er vom Gegner gefoult wurde, dann müsste in der Zeit, in der Mannschaft A auf ihren verletzten Spieler verzichten muss, die Mannschaft B auch einen Spieler für die Zeit der Behandlung vom Platz schicken. Das wäre nur fair, weil sie ja an der Ursache der Unterzahl schuld sind.

Bill Shankly, früher Spieler des FC Liverpool, hat einmal gesagt: "Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch viel ernster ist." Welchen genauen Stellenwert hat denn der Fußball und Ihr Verein in Ihrem Leben?

Annette Ehrlich: Ein wunderbarer Satz, den unterschreibe ich sofort. Der Verein ist Leidenschaft pur, das lebt man mit all seinen Facetten. Natürlich habe ich die Bauarbeiter beim Stadionbau mit Kakao und Kuchen versorgt. Das ist Herzblut, das ist Liebe.

Manu Benes: Fußball ist wie die große Liebe! Fußball ist meine Konstante. Ich hatte schon mehrere Partner, aber Hertha ist immer geblieben.

Kathleen Hoppe: Fußball ist im Vergleich zu vielen anderen Dingen im Leben nichts – aber im Fußball ist Hertha alles!

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