11.12.12

Hertha

Ersatztorwart Burchert hat den schwersten Job im Team

Wenige Einsatzchancen, aber volle Konzentration: Der Ersatztorwart der Berliner gibt immer hundert Prozent - oft für null Minuten.

Von Jörn Meyn
Foto: picture alliance / Annegret Hils

Bankangestellter: Erst elf Mal kam Burchert in der Liga für Hertha zum Einsatz
Bankangestellter: Erst elf Mal kam Burchert in der Liga für Hertha zum Einsatz

Der große Bruder war schuld. Natürlich. So ist es ja meistens. Und so war es auch bei Sascha Burchert, als er sich mit sechs Jahren dafür entschied, Fußballtorwart zu werden. "Ich wollte machen, was er macht", erzählt Herthas Ersatztorwart. Und da Nico Burchert, der knapp zwei Jahre ältere Bruder, nun mal im Tor stand, gab es für Sascha keinen Zweifel daran, dass auch sein Platz auf dem Rasen zwischen den Pfosten ist.

Dass sich der gebürtige Berliner sein späteres Leben als Fußballprofi mit dieser frühen Entscheidung besonders schwer gemacht hat, dürfte ihm spätestens in der aktuellen Zweitligasaison bewusst geworden sein.

Denn neben der umjubelten Hinrunde der Herthaner und dem erfolgreichen Rückrundenstart in Paderborn am vergangenen Sonnabend wird oft übersehen, dass Sascha Burchert einen der härtesten Jobs beim Aufstiegsaspiraten hat. An Herthas etatmäßiger Nummer eins, Thomas Kraft, der auch gegen die Ostwestfalen wieder eine tadellose Leistung gezeigt hatte, ist für Burchert als zweiter Torwart derzeit kein Vorbeikommen.

Doch obwohl die Chancen auf Einsatzzeit überaus gering sind, muss der 23-Jährige jederzeit voll konzentriert sein: "Von draußen zuzusehen, ist natürlich schwierig für mich", sagt Burchert. Er versuche, sich dennoch vor jeder Partie so vorzubereiten, als ob er von Beginn an spielen würde. Denn seine Aufgabe ist klar: "Wenn die Mannschaft mich braucht, bin ich da."

Erst in elf Ligaspielen brauchten ihn die Kollegen, seit er 2008 Profi wurde, dreimal davon in dieser Spielzeit. Weil Kraft zu Saisonbeginn noch gesperrt war, setzte Herthas Trainer Jos Luhukay in den ersten Begegnungen auf Burchert als vorübergehende Nummer eins. Es gehört zur Geschichte des Sascha Burchert, dass Hertha just zu diesem Zeitpunkt noch in der Findungsphase steckte und holprig in die Saison startete.

Im Hinrundenspiel gegen den kommenden Gegner am Sonnabend, den FSV Frankfurt, verursachte er einen Strafstoß, wurde dafür vom Platz gestellt, und seine Mannschaft musste die bisher einzige Saisonniederlage hinnehmen. Endlich durfte er spielen, doch am Ende war er irgendwie der Verlierer. So wie vor drei Jahren, als Burchert im Heimspiel gegen den Hamburger SV reinkam, mit zwei unglücklichen Klärungsversuchen aber an zwei Gegentoren beteiligt war und seine Mannschaft 1:3 verlor.

Der Berliner Boulevard nannte ihn den "Torwart-Trottel". Damit hatte er zu kämpfen: "Damals war ich noch jung und habe mir viele Gedanken darüber gemacht", sagt Burchert. Heute würde er selbstbewusster mit negativen Erlebnissen umgehen.

Derby-Sieg als Belohnung

Es sind die positiven Momente, die ihn antreiben. So wie der Derbysieg gegen den 1.FC Union am vierten Spieltag. Nicht zuletzt der starken Leistung ihres Ersatztorwarts hatte Hertha den ersten Erfolg im Stadtduell überhaupt zu verdanken. "Das war die Belohnung für meine Arbeit", sagt Burchert. "Es war das schönste Spiel, das ich bisher für Hertha machen durfte. Das macht Lust auf mehr."

Mit seiner Rolle als Mann dahinter, der immer einhundert Prozent geben muss, um dennoch meist null Minuten zu spielen, will sich Burchert nicht zufrieden geben. "Irgendwann ist es dann natürlich auch mein Ziel, die Nummer eins zu sein", sagt er. Er wolle sich weiterentwickeln. Im Sommer läuft sein Vertrag bei den Blau-Weißen aus, "und ich könnte mir auch vorstellen, woanders hinzugehen", sagt Burchert. Aber er macht keinen Hehl daraus, dass es die Berliner sind, bei denen er seine Ziele am liebsten erreichen würde: "Hertha ist mein Verein und bleibt mein erster Ansprechpartner." Doch die Perspektive muss stimmen. Beide Seiten haben Gespräche vereinbart.

Bis sich an seiner Situation als Bankangestellter bei Hertha etwas ändert, hat Burchert noch eine andere Rolle im Team gefunden. Er habe einen guten Bezug zu den Kollegen: "Sie vertrauen mir, und ich versuche, mich während der Spiele um sie zu kümmern, damit sie das Maximale aus sich herausholen können. Ich bin dann quasi der Unterstützer." Daneben ist es das tägliche Training, auf das er sich fokussiert: "Natürlich lebe ich besonders für jede Trainingseinheit. Da kann ich zeigen, was ich kann." Für ihn gehe es auch darum, stets die Konzentration bei den anderen hochzuhalten.

Und wenn er doch mal einen Rat braucht, kann er ja bei seinem älteren Bruder Nico nachfragen. Auch er ist heute Ersatztorwart beim Ligakonkurrenten SC Paderborn.

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