28.11.12

Besser als 2010/11

Hertha BSC steuert ganz unaufgeregt auf Rekordkurs zu

Nach schwierigen Monaten führt Luhukay Hertha mit ruhiger Hand durch die zweite Liga. Die Bilanz ist sogar besser als in der Saison 2010/11.

Von Uwe Bremer
Foto: picture alliance / dpa

Unumstrittene Autorität: Die Spieler von Hertha BSC, hier Stürmer Adrian Ramos (l.), folgen den Vorgaben von Coach Jos Luhukay
Unumstrittene Autorität: Die Spieler von Hertha BSC, hier Stürmer Adrian Ramos (l.), folgen den Vorgaben von Coach Jos Luhukay

So zeitig wie lange nicht mehr ging die Hertha-Gemeinde nach Hause. Beschenkt mit einem blau-weißen Schokoladen-Nikolaus verließen die letzten Mitglieder kurz nach 23 Uhr das ICC. Die Stimmung der turnusgemäßen Versammlung entsprach dem, was Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst über Hertha insgesamt erzählt hatte: Er könne sich se it Jahren nicht an ein so ruhiges halbes Jahr erinnern wie die bisherige Zweitliga-Saison.

In der Tat gleitet das blau-weiße Schiff wie selbstverständlich durch das Unterhaus. Selbstbewusst, aber unaufgeregt – eine Kombination wie sie schon länger keine Hertha-Mannschaft ausgezeichnet hat. So ist bisher nicht weiter registriert worden, dass die Elf gerade auf Rekordspuren wandelt. Mit dem 4:0 in Aue hat Hertha nicht nur seine Serie auf 13 Partien ohne Niederlage ausgebaut.

Platz eins als Weihnachtswunsch

Vor allem hat sich der aktuelle Jahrgang erstmals am Jahrgang 2010/11 vorbeigeschoben. In der Aufstiegssaison unter Markus Babbel kam Hertha auf spektakuläre 74 Punkte – Vereinsrekord. Zum vergleichbaren Zeitpunkt, dem 15. Spieltag, brachte es Babbel mit Mijatovic, Raffael und Ottl auf 29 Zähler. Der Kader 2012 weist nach dem neunten Saisonsieg bereits 32 Punkte aus und empfängt am Donnerstag im Olympiastadion den 1. FC Köln. Für die Stimmung bei Hertha jedoch ist bezeichnend, was Jos Luhukay auf die rhetorische Frage antwortet, wer derzeit das beste Team der Zweite Liga sei: "Braunschweig, die sind Tabellenführer", sagte der Hertha-Trainer. Nun haben die Niedersachsen gerade in Cottbus (1:3) ihre erste Niederlage einstecken müssen, Hertha ist als Zweiter bis auf zwei Zähler herangerückt.

Die unaufgeregte Art des Niederländers tut Hertha gut. Nach den traumatischen sieben Monaten vom vergangenen Dezember, beginnend mit der Entlassung vom Markus Babbel, dem desaströsen Skibbe-Intermezzo sowie der letztlich mit dem Bundesliga-Abstieg besiegelten Ära Otto Rehhagel stand der Hauptstadt-Klub vor einer schwierigen Saison.

Der fleißige Herr Luhukay

Luhukay, den Manager Michael Preetz Mitte Mai als neuen Cheftrainer vorstellte, bestätigte alle Vorteile: Kein Glamourfaktor. Keine Sprüche. Keine Talkshow-Auftritte. Stattdessen wurden die Ärmel hochgekrempelt. Und gearbeitet.

Luhukay stellte mit dem Manager den wohl besten Kader dieser Zweiten Liga zusammen. Mit Peer Kluge wurde ein erfahrener Mann geholt, der das Gerüst um Thomas Kraft, Maik Franz und Peter Niemeyer vervollständigen sollte. Schon beim Saisonstart erfüllte sich, was die Beobachter von Hertha nun schon etwas länger Staunen lässt. "Wir werden am Anfang etwas Probleme haben", hatte Luhukay vorher gesagt. So kam es. Einem Heimremis gegen Paderborn folgten ein 1:3 beim FSV Frankfurt, darauf eine Blamage im DFB-Pokal bei Viertligist Worms.

Luhukays Oktober-Prophezeiung erfüllt sich

Dann fing sich die Mannschaft. Und die nächste Prophezeiung des Trainers kam ins Spiel. "Ab Oktober werden wir dann nur schwer zu schlagen sein", sagte Luhukay. Diese Aussage wurde teilweise belächelt. Aber genau so kam es. Gut, wer pingelig ist, kann monieren, dass Hertha schon seit Ende August nicht mehr verloren hat. Aber seither pflügt Hertha durch die Liga. Nachdem die Sperre von Torwart Thomas Kraft abgesessen war, die Defensive an Stabilität gewann, läuft es. Neun Siege und vier Unentschieden hat die Mannschaft seither geholt. Vor der Partie bei Spitzenreiter Braunschweig Ende Oktober hat Luhukay seine nächste Botschaft publiziert: Zu Weihnachten will er Erster sein. Und siehe da: Fünf Runden später ist der zwischenzeitliche Acht-Punkte-Vorsprung der Eintracht auf zwei Zähler zusammen geschmolzen – Hertha macht Druck.

Dabei ist die Serie kein Selbstläufer. Vor allem in der Defensive plagen die Berliner in Serie Ausfälle. Maik Franz fiel, kaum von einem Kreuzbandriss einigermaßen wiederhergestellt, bis Jahresende wegen einer Schulteroperation aus. Später folgte der Rechtsverteidiger Peter Pekarik mit der gleichen Blessur. Manndecker Roman Hubnik ist seit längerem außer Form. Von Luhukay ist nichts zu hören: kein Jammern, kein Klagen. Er zaubert mit Fabian Lustenberger und John Brooks eine neue Innenverteidigung. Die steht stabil.

Trainer hat besonderen Draht zu Herthas Talenten

Apropos Brooks: "Luhukay hat einen besonderen Draht zu jungen Spielern", sagt Manager Preetz. Mit dem 19-Jährigen, mit Nico Schulz (19) und Fabian Holland (22) laufen regelmäßig Eigengewächse in der Stammformation auf. Fragt man die Jungen, was dran sei an Luhukay, sagt etwa Schulz: "Der Trainer gibt uns das Selbstvertrauen, dass wir es können. Und er zeigt, wo wir uns verbessern können."

Luhukay kann aber auch mit schwierigen Charakteren. Stürmer Adrian Ramos befindet sich seit Wochen im Aufwärtstrend. Und Ronny ist erst unter Luhukay aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht – sechs Tore, sechs Vorlagen. Bei der Versammlung unterm Funkturm forderte ein Mitglied, Luhukay einen Zehnjahresvertrag zu geben. Manager Preetz schmunzelte und hielt den Ball flach: "Nächstes Jahr macht der Trainer in jedem Fall weiter." Alles schick bei Hertha? Trainer Luhukay fühlt sich nicht angesprochen. "Noch haben wir nichts erreicht."

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