03.06.12

Saison 2012/13

Hertha wappnet sich für die zweite Bundesliga

Verblasster Ruhm und Aufsteiger aus der Provinz – Absteiger Hertha erwartet in der kommenden Saison einiges an Kuriosem in der zweiten Liga.

Von Michael Färber
Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER
Hertha BSC
Sandhausen, Ahlen, Regensburg: Hertha-Fans müssen in der nächsten Saison weit reisen

Jos Luhukay, der Trainer von Hertha BSC, sprach von nichts anderem als einem "Betriebsunfall", den sein neuer Arbeitgeber erlitten habe und der schnellstmöglich wieder zu korrigieren ist. In der Wirtschaft ist dabei gern von "Klinken putzen" die Rede.

Es gilt, sich die Reputation, die durch so einen Abstieg aus der Fußball-Bundesliga verloren geht, wieder zurück zu holen. Nicht weil man den Großkopferten der Branche, Double-Gewinner Borussia Dortmund, Rekordmeister Bayern München oder auch Schalke 04 etwa, Paroli bietet. Sondern weil man über die Dörfer tingeln muss, um den Nachweis zu erbringen, dass man eigentlich ja doch zu Höherem berufen ist.

Dörfer? Wer jetzt erbost aufschreit, hat Recht. Zumindest einen kurzen Moment lang. Schließlich tummelt sich in der Zweiten Liga inzwischen die Erfahrung aus 8030 Spielen und 237 Bundesliga-Jahren, und die elf deutschen Meistertitel (ja, darunter sind auch zwei von Hertha BSC) sind ebenfalls in den Chroniken fest verankert.

Doch der Blick auf die Landkarte des Unterhauses der deutschen Eliteliga macht deutlich: Die Mischung, die Hertha BSC in den kommenden 34 Spielen erwartet, könnte kaum bunter sein.

Sechs bis sieben Stunden im Zug

Da ist jede Menge Ruhm aus der – wie man von den Protagonisten oftmals zu hören bekommt – guten alten Zeit, der allerdings längst verblasst ist. Der 1. FC Köln und der 1. FC Kaiserslautern, wie Hertha mit dem frischen Stempel Absteiger versehen, haben schon weitaus Glanzvolleres erlebt, Titel und Europacup-Abende für die Geschichtsbücher zum Beispiel.

Auch die Löwen von 1860 München werden sich daran gern erinnern. Dann sind da die grauen Mäuse, die früher einmal als unabsteigbar galten (VfL Bochum), als Titelkandidaten gehandelt wurden (MSV Duisburg, damals noch als Meidericher SV), und die inzwischen nur noch wahr genommen werden, wenn sie am Spieltag der Gegner für die kommenden 90 Spielminuten sind (sorry, FSV Frankfurt).

Natürlich warten stimmungsvolle Duelle mit den Ostklubs Dresden, Cottbus und Aue sowie die Derbys gegen den 1. FC Union. Und es wartet nach dem Abstieg in die Dritte Liga der für Hertha durchaus Stadion füllenden Vereine Karlsruher SC (beide Fan-Lager hegen eine innige Freundschaft) und Hansa Rostock jede Menge Provinz auf die Hauptstadt.

Keine Frage, der SV Sandhausen, der VfR Aalen und Jahn Regensburg machen die Saison 2012/13 für Hertha BSC zur echten Landpartie. Die Fans dürfen sich jedenfalls schon jetzt auf Zugfahrten von sechs bis sieben Stunden freuen. Bei Zweitliga-Anstoßzeiten von 13 und 13.30 Uhr am Wochenende wartet ein ausgewachsenes Schlafdefizit.

Idylle pur für die Gäste

Provinz? Immerhin ist Sandhausen mit seinen knapp 15.000 Einwohnern rund dreimal so groß wie Hoffenheim, und das spielt schließlich in der Bundesliga. Und wer kann schon auf so prominente ehemalige Spieler verweisen wie Aalen mit Dieter Hoeneß? Vom "Jahnsinn" in Regensburg ganz zu schweigen.

Es ist vielleicht genau das, was den Charme der bevor stehenden 39. Saison ausmacht. Die spontane "Umbenennung" des Hardtwaldstadions in Sandhausen etwa, wo Fans zu Ehren des Aufstiegstrainers ein Transparent ("Gerd Dais Stadion") aufgehängt haben. Der Drittliga-Champion 2012 wird zu Recht als Wald-Meister tituliert, wegen unzähliger Bäume, die die Spielstätte umsäumen und jedes Heimspiel als stille Beobachter verfolgen.

Ein findiger Förster hätte mit einem schicken Hochsitz flugs seine ganz persönliche Ehrenloge. Überhaupt erwartet den Gast Idylle pur: Die Gemeinde Sandhausen steht wegen ihrer Sanddünen unter Naturschutz.

Für Sandhausen ist der Sprung in die Zweitklassigkeit der größte Moment der hiesigen Sportgeschichte – vom 13:12 im längsten Elfmeterschießen der deutschen DFB-Pokalhistorie gegen den VfB Stuttgart vielleicht einmal abgesehen. Doch das ist ja auch schon wieder 17 Jahre her.

Ungewollter Aufstieg

Aalens markantester Moment überhaupt datierte vom Anfang des 19. Jahrhunderts, als ein gewisser Napoleon seine Truppen abzog. Er hätte es auch bleiben sollen, denn der Aufstieg des Vereins für Rasenspiele war gar nicht vorgesehen.

Immerhin plant man im Ostalbkreis mit zehn Millionen Euro. Und der Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Moser stellte bereits fest: "Wir brauchen durchgängig mehr Professionalität." Mit Trainer Ralph Hasenhüttl und Sportdirektor Markus Schupp beginnt der VfR freilich nicht bei Null.

Die Vorgabe, sich auf "einem Mittelfeldplatz halten" zu wollen (Präsident Berndt-Ulrich Scholz) oder sich gar die Bundesliga als Fernziel zu wünschen (Alt-Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle), ist dann wohl doch eher der Euphorie um den erstmaligen Aufstieg geschuldet.

Besser so, als erst noch durch die nervenaufreibende Relegation zu müssen wie die Regensburger – um dann wie Sportchef Franz Gerber festzustellen: "Wir fangen bei unter Null an. Ich befürchte, dass diese Mannschaft auseinander fällt." Trainer Markus Weinzierl ist schon weg, ihn zog es als Nachfolger von Luhukay zum Bundesligisten FC Augsburg.

Gefeiert wurde trotzdem, so sehr, dass das Bistum Regensburg sogar eine Lichterprozession kurzfristig abgesagt hat. Man wollte sich nicht ins Gehege kommen.

Favoritenstatus für Jos Luhukay

Doch auch die Oberpfälzer müssen aufrüsten. Eine Rasenheizung muss her, auch eine Stahlrohrtribüne, um das Fassungsvermögen des Jahnstadions auf das Mindestmaß von 12.000 Plätzen zu erhöhen und die erforderlichen 3000 Sitzplätze zu schaffen. Ein geplanter Neubau werde durch den Aufstieg jedoch nicht beschleunigt, wie Regensburgs Oberbürgermeister Hans Schaidinger bereits wissen ließ.

Sandhausen, Aalen und Regensburg – drei Beispiele, die belegen, wie ländlich es in Liga zwei auch zugehen wird. Drei Beispiele, die aber auch deutlich machen, mit welchem Favoritenstatus Jos Luhukay und der personell mutmaßlich runderneuerte Bundesliga-Absteiger in die Mission "Betriebsunfall korrigieren" gehen werden.

Analysen, Meinungen und Kommentare im Morgenpost-Online-Blog immerhertha.de

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