Abwehrarbeit

Herthas Defensive macht den Aufstieg möglich

Wichtige Spiele gewinnt Hertha BSC wieder in der Defensive. Dabei sind die vier Akteure in der Mitte längst auch Motor im Spiel nach vorn. Trainer Babbels kreatives Abwehr-Zentrum hat sich gefunden.

Foto: picture alliance / Eibner-Presse

Der Tross hatte es eilig, den Trainingsplatz zu verlassen. Fast in Mannschaftsstärke und geschlossen stapfte die erste Elf von Hertha BSC in Richtung Kabine, während die Reserve noch ein bisschen im Regen weiterarbeiten musste. Kalt und windig war es am Schenckendorffplatz am Mittwoch, dazu regnete es teilweise in Strömen. Nur ausgerechnet einem Brasilianer machte das scheinbar gar nichts aus: Raffael. Mit einer Mütze auf dem Kopf stand er da und gab bereitwillig Auskunft über seinen zweiten Sohn Raicky, den seine Frau Jamilly in der Nacht auf Dienstag im Krankenhaus Westend zur Welt gebracht hatte. "Ich war das erste Mal dabei. Es war gut. Sensationell", schwärmte Raffael. Ganz offen erzählte er davon, wie er geweint habe, "ganz viel, natürlich". Jetzt wünsche er sich noch eine Tochter, dann sei aber auch gut mit Kinderkriegen. Und bevor dann auch der 26-Jährige seinen Mitspielern ins Warme folgte, lüftete er noch ein kleines Geheimnis: Was er seinem Bruder Ronny nach seinem Tor in Bochum gesagt hatte. Alle Kameras hatten das eingefangen, aber keiner konnte es verstehen. Er habe ihn umarmt und gesagt: "Danke mein Bruder, dass du mir die Gelegenheit gibst, dieses Tor für mein Kind zu erzielen."

Die Balance stimmt wieder

Bei all diesen Emotionen war dabei schon seit dem Sieg in Bochum etwas untergegangen, dass Raffael zwar das 2:0 erzielt hatte. Das Spiel aber wurde in einer anderen Abteilung gewonnen: In der Defensive. Selbst Bochums Trainer Friedhelm Funkel sprach von einer "hervorragenden" Abwehrarbeit bei Hertha, und das ist schon ein Lob von höchster Stelle, kennt sich doch kaum ein Trainer so gut mit defensiven Spielsystemen aus wie Funkel. Recht hatte er, und betrachtet man die letzten Partien, scheinen sich vor allem im Zentrum vier gefunden zu haben: Die beiden Innenverteidiger Andre Mijatovic und Roman Hubnik sowie auf der "Doppelsechs" Fabian Lustenberger und Peter Niemeyer. In Bochum erstickten sie das Spiel des VfL schon im Keim und erzwangen so das zehnte Spiel zu Null. Hinten läuft es wieder bei Hertha.

"Fabian war lange verletzt, und in der Hinrunde haben wir lange mit einem anderen System gespielt, das auch gut funktioniert hat", sagt Niemeyer. Dass sie die vier erst aneinander gewöhnen mussten, glaubt er zwar nicht: "Ich denke dass wir uns von Anfang an gut verstanden haben." Trotzdem ist offensichtlich, dass seit einigen Spielen endlich die Balance zwischen Defensive und Offensive zu stimmen scheint.

Nur zwei Gegentore in fünf Spielen

In den letzten fünf Spielen hat Hertha nur zwei Gegentreffer kassiert. Das liest sich schon deutlich anders als die Resultate direkt nach der Winterpause, als die Mannschaft zwar Siege einfuhr, dafür aber immer viele Tore brauchte: 4:2 gegen Düsseldorf, 6:2 in Karlsruhe, selbst in Bielefeld musste Hertha einen Gegentreffer hinnehmen (3:1). Von Rang eins im Ranking der besten Abwehrreihen rutschten die Berliner rapide ab – jetzt liegen sie immerhin wieder auf Platz drei.

Niemeyer sagt: "Vor allem in den Auswärtsspielen haben wir inzwischen eine ganz gute Balance, Anfang der Rückrunde haben wir viel zu viele Gegentore bekommen." Ein Fakt, auf den Trainer Markus Babbel mit einer unpopulären Maßnahme reagierte: Er unterbrach das Experiment mit Raffael auf der Sechs neben Niemeyer vorerst, brachte immer öfter Rückkehrer Lustenberger. Mittlerweile dosiert Babbel über diese Personalie ziemlich genau, wie offensiv seine Defensive stehen soll. "Es gibt Spiele wie gegen Bochum, da möchte ich, dass wir im defensiven Mittelfeld besonders kompakt stehen, dafür brauchte ich Peter und Fabian", sagt Babbel. Dann gäbe es aber auch die Partien, in denen er schnell von hintenraus spielen möchte – dann darf eben Raffael ran, je nach Bedarf. Allerdings verschwimmt diese Trennung immer mehr, und das liegt vor allem an Niemeyer. Der von Bremen ausgeliehene 27-Jährige reißt das Spiel immer mehr an sich und avanciert zum Organisator auf dem Platz. Und bei Hertha sind sie längst froh, dass sie in den Leihvertrag eine Kaufoption haben einbauen lassen: Steigt Hertha auf, wird Niemeyer automatisch ein Berliner. 700.000 Euro wird – denn am Aufstieg zweifelt ernsthaft wohl kaum noch einer – das zwar kosten. Doch die Investition ist langfristig sicher gut angelegt.

Niemeyer reißt die Kollegen mit

Denn das Spiel der hochgeschossenen Blondschopfes überträgt sich auf seine direkten Mitspieler in der Zentrale. Mit positiven Folgen. Zuletzt ging von keinem Mannschaftsteil – von Stürmer Pierre-Michel Lasogga und Raffael einmal abgesehen – soviel Torgefahr aus. Hubnik traf in der Rückrunde gleich dreimal, Niemeyer gelangen zwei Tore plus zwei Vorlagen, Mijatovic und Lustenberger erzielten je ein Tor. Und wenn Raffael vor der Abwehr spielt, muss sich Babbel ohnehin keine Sorgen um mangelnde Offensivaktionen machen.

Zu Lasten der Abwehrarbeit allerdings geht das nicht. Auf die gesamte Saison hochgerechnet, gewinnen alle vier Spieler mehr als jeden zweiten Zweikampf, Lustenberger (64 Prozent) und Hubnik (63) sogar deutlich mehr, Mijatovic gewinnt ganz starke 84 Prozent der Kopfballduelle. "Nur mit einer stabilen Abwehr kannst du aufsteigen", sagt Niemeyer aller Floskel-Gefahr zum Trotz, "In der Hinserie war das o.k., aber da haben wir nicht so viele Tore geschossen." 25 Treffer auf der Habenseite waren es genau, 34 sind es bereits jetzt, fünf Spiele vor Saisonende. Mit ihren sieben Toren sind die defensiven Akteure maßgeblich an diesem deutlichen Aufschwung beteiligt. Es gehört offenbar zu den besonderen Fähigkeiten des zentralen Quartetts, dass es inzwischen beides vereint: stabile, kompakte Abwehrarbeit auf der einen, Torgefahr auf der anderen Seite.

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