Zweitliga-Duell

Hertha in Bochum - So clever spielt ein Aufsteiger

Beim 2:0 in Bochum trafen Niemeyer und Raffael für die Berliner, die nun bereits sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz haben. Damit ist Herthas Aufstieg weit vor Saisonende so gut wie sicher.

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Sie sprangen, tanzten und sangen ausgelassen vor ihrem Fanblock. So als hätten die 90 hart umkämpften Minuten vorher überhaupt keine Spuren hinter lassen. Sowohl die Spieler von Hertha BSC als auch die Anhänger des Zweitliga-Tabellenführers wussten, dass gestern Abend ein Riesenschritt in Richtung Fußball-Bundesliga gelungen ist. Mit 2:0 (1:0) gewannen die Berliner im Spitzenspiel des 29. Spieltages beim VfL Bochum. Hertha hat mit nun 62 Punkten vier Zähler Vorsprung auf den FC Augsburg, gar deren sieben auf Bochum und sogar elf auf Greuther Fürth auf Rang vier – der Aufstieg ist zum Greifen nah.

"Wir sind wieder ein Stück weiter rangekommen, jetzt müssen wir den Sack nur noch zumachen", sagte Hertha Trainer Markus Babbel. Selbst Manager Michael Preetz ließ sich ein "mit einem Auge schielen wir jetzt schon in Richtung Bundesliga" entlocken. Und Peter Niemeyer wusste: "Das war ein Big Point." Das war es in der Tat.

Im Gegensatz zu vielen Befürchtungen entwickelte sich ein durchaus ansehnliches Fußballspiel. Was nicht zuletzt an den Bochumern lag, die sich – anders als in vielen ihrer zuvor 15 ungeschlagenen Spiele – von Beginn an auch um Offensive bemühten. Wenn auch mit wenig Erfolg. "In der Regel ist Hertha immer gut organisiert", hatte Bochums Trainer Friedhelm Funkel vor der Partie noch einmal betont. Diese Organisation sollte seine Mannschaft in den folgenden 90 Minuten über weite Strecken zu spüren bekommen.

Es dauert eine Viertelstunde, da hatten die Berliner das Spiel unter ihre Kontrolle gebracht. Mehr und mehr gelang es dem Spitzenreiter, die Bochumer vom eigenen Tor fern zu halten. Trainer Markus Babbel vertraute dabei der gleichen Elf, die Ende Februar schon in Aachen mit 5:0 triumphiert hatte. Soll heißen: Ohne Raffael. Der Brasilianer durfte zunächst auf der Bank Platz nehmen, dabei hatte er sich trotz der Tatsache, dass seine Frau gestern das zweite Kind entbinden sollte, bereit erklärt, mit nach Bochum zu reisen. Erst in der zweien Halbzeit durfte Herthas Nummer 10 ran.

So musste Raffael von draußen mit ansehen, wie sich für Pierre-Michel Lasogga erste Chancen boten (18., 22.). Der Stürmer sprühte gestern vor Tatendrang. Und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er an der Entstehung der Führung nach 24 Minuten beteiligt war. Nach einem Freistoß und verunglückter Kopfball-Abwehr der Bochumer setzte der 19-Jährige zu einem Schuss an. Statt des Tors fand der Ball Peter Niemeyer mitten im Strafraum, der das Spielgerät unter die Latte wuchtete. 1:0 für Hertha BSC, die Führung war verdient. "Da hatten wir auch ein Quäntchen Glück, das war so sicherlich nicht einstudiert", kommentierte Babbel mit einem Lachen.

Die Freude über diesen Treffer bekam vor allem einer zu spüren: Physiotherapeut Reinhard Mörz. Völlig euphorisiert von seinem dritten Saisontreffer sprang Niemeyer Mörz in die Arme und stibitzte ihm seine graue Wollmütze vom Kopf. Sie hatten Spaß in Bochum, die Herthaner, nicht nur die Protagonisten auf dem Platz, sondern auch die gut 1000 mitgereisten Fans, die in Sachen Lautstärke den Bochumern unter den 24211 Zuschauern gestern Abend in Nichts nachstanden.

Vielleicht waren die Anhänger des VfL auch noch zu sehr geschockt vom frühen Ausfall von Mimoun Azouagh. Levan Kobiashvili hatte den Bochumer Offensivspieler in Höhe der Mittellinie oberhalb des linken Knöchels voll erwischt. Die erste Diagnose bestätigte die Befürchtungen: Bänderriss im Sprunggelenk. "So wie es aussieht, wird er uns bis zum Ende der Saison fehlen", sagte VfL-Coach Funkel. Der Hertha-Verteidiger sah für dieses rüde Einsteigen in der 37. Minute zu Recht die Gelbe Karte. Warum die Bochumer Azouagh, der sich fortan nur noch humpelnd bewegen konnte, noch bis in die Nachspielzeit der ersten Halbzeit weiterspielen ließen, wird das Geheimnis von Trainer Funkel und Co. bleiben.

Kein Geheimnis ist, dass es Rafael war, der nach dem Wechsel für die größte Gefahr vor dem Tor der Hausherren sorgte. Der Brasilianer kam für Patrick Ebert ins Team, der im ersten Durchgang nach einem Foul – so will es zumindest Schiedsrichter Günter Perl (Pullach) gesehen haben – die Gelbe Karte kassiert hatte. Raffael rückte sofort in die Zentrale, Adrian Ramos übernahm dafür Eberts Part auf der rechten Seite. Und hatte fortan zunächst ein Privatduell mit dem Bochumer Gehäuse. 64.Minute: Ramos schickt Nikita Rukavytsya, dessen Flanke nimmt Raffael direkt – linker Außenpfosten. 79. Minute: Wieder taucht der Brasilianer frei vor dem Tor auf, diesmal ist es der rechte Außenpfosten. Beide Situationen entsprangen aus einem Konter. "Auf solche Gelegenheiten haben wir natürlich gelauert", sagte Babbel.

Erst im dritten Versuch durfte auch Raffael jubeln. Eine weite Flanke von Ramos brachte Ronny per Direktabnahme wieder zurück in den Strafraum, wo sein Bruder nur noch einschieben musste. 2:0 – die Entscheidung fiel in der 87. Minute. Es war der verdiente Lohn für eine in der zweiten Halbzeit konzentrierte Leistung, in der die Bochumer trotz allen Bemühens keine Lücke im Defensivverbund der Herthaner fanden. So musste Friedhelm Funkel hinterher auch neidlos anerkennen: "Die reifere Mannschaft hat heute verdient gewonnen."

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