Berliner Teenie-Torjäger

Konkurrenz schaut neidisch auf Herthas Lasogga

Am 12. Spieltag ging sein Stern auf: Bei der Heimpartie Hertha gegen Bochum spielte Pierre-Michel Lasogga erstmals von Anfang an und erzielte prompt zwei Tore. Heute geht es wieder gegen den VfL, dann ist der 19-Jährige allerdings kein Nobody mehr.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Der Rahmen wird besonders sein: Flutlicht, rund 30.000 Zuschauer und eine Live-Übertragung zur besten Sendezeit im frei empfangbaren Fernsehen. Wenn Pierre-Michel Lasogga (19) am Montagabend beim VfL Bochum für Hertha BSC aufläuft, ist ihm die große Bühne sicher (20.15 Uhr, Sport1und live im Ticker von Morgenpost Online ). Damit schließt sich für ihn ein Kreis. Einerseits, weil er in Gladbeck geboren wurde und somit nur 33 Kilometer entfernt von Bochum aufwuchs. Andererseits, weil es am Montag exakt eine Halbserie her ist, dass sein Stern aufging. Im Hinspiel hatte Lasogga erstmals den eigentlich gesetzten Rob Friend aus der Startelf verdrängt. Und im Duell der Bundesliga-Absteiger das Vertrauen von Trainer Markus Babbel mit zwei blitzsauberen Toren zum 2:0-Sieg gerechtfertigt. Das gestrenge Fachmagazin Kicker vergab die Note 1,5 für die Lasogga-Premiere in Herthas Anfangsformation. "An Bochum habe ich tolle Erinnerungen, damals ging alles für mich los", sagt er. "Das Spiel war sozusagen für mich der Startschuss in die Saison. Das sind natürlich Erinnerungen, die man sein ganzes Leben lang behalten wird."

Manchmal heißt es ja, die Zweite Liga sei ein Auffangbecken für diejenigen Profis, die es in der Bundesliga nicht mehr schaffen. Oder andersherum das Sprungbrett für die Talente, die Bühne, um auf sich aufmerksam zu machen. Kein Spieler im Unterhaus hat das in dieser Saison so überzeugend genutzt wie Lasogga. Nils Petersen vielleicht noch, allerdings steht der mit 21 Treffern angehende Torschützenkönig dieser Saison zuletzt nicht mehr so im Rampenlicht – sein Klub Energie Cottbus hat mit dem Aufstiegsrennen nichts mehr zu tun.

So steht also Lasogga von allen am meisten im Fokus. Das weckt Begehrlichkeiten, auch bei der direkten Konkurrenz. "Ich verfolge Pierre-Michel Lasogga schon seit seiner Zeit in Leverkusen. Ich habe mir insgeheim gewünscht, er würde für uns auflaufen", sagt ganz unverblümt Mike Büskens, Trainer der SpVgg Greuther Fürth. Sein Cottbuser Kollege Claus-Dieter Wollitz pflichtet bei: "Lasogga hat eingeschlagen wie eine Bombe. Er ist dafür verantwortlich, dass niemand mehr darüber spricht, dass der teuerste Einkauf nur noch auf der Bank sitzt." Wollitz meint Rob Friend, den für 1,8 Millionen Euro von Bundesligist Borussia Mönchengladbach gekauften kanadischen Nationalspieler. Lasogga hat Friend längst den Rang abgelaufen.

Die Entwicklung von Lasogga ist rasant. Er spielt gerade sein erstes Jahr bei den Profis. Erstmals wurde der durchsetzungsstarke Stürmer zur deutschen U 21-Nationalmannschaft eingeladen. Dazu gibt es reichlich Anfragen der Medien – derzeit prasselt eine Menge ein auf den Teenie. Der Verein schottet seinen Rohdiamanten mittlerweile konsequent ab. Interviews außerhalb des Vereinsgeländes oder zu Themen, die nicht direkt den Fußball betreffen, werden abgesagt. Hertha will, dass sich Lasogga nicht verzettelt, die Konzentration soll auf dem Job liegen.

Dabei besteht die Gefahr, dass Lasogga abhebt, eigentlich nicht. Selbst der Konkurrenz fällt seine Geradlinigkeit auf. "Er neigt nicht dazu, Flausen im Kopf zu haben", sagt Büskens: "Er verfolgt seine Ziele bewusst."

Das Resultat lässt sich nicht nur in seinen bislang zehn Toren sowie vier Vorlagen messen, auch sein Marktwert ist explodiert. Hätte Hertha im vergangenen Oktober noch eine Ablösesumme von etwa 200.000 Euro aufrufen können, ist sein Wert aktuell sicher schon im siebenstelligen Bereich anzusiedeln. "Er hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Das ist kein Zufall, denn er ist gewillt, jeden Tag besser zu werden", schwärmt Büskens. Diese Eigenschaft war auch Wollitz schon in der Vorsaison aufgefallen, weshalb der Coach kürzlich verriet, dass er schon einmal stark an einer Verpflichtung interessiert war. Dann aber begann die starke Phase seiner Stürmer Emil Jula und eben Petersen. Für Lasogga sah er keine Einsätze – und folgerichtig von einer Anfrage ab. Ein feiner Zug, der ihm nun die Möglichkeit gibt, über den jungen Hertha-Stürmer zu schwärmen: "Mir macht es Spaß, wenn Spieler eine solche Entwicklung haben, und auch ihr Trainer den Mut hat, auf sie zu setzen."

Diese Anerkennung ist insofern bemerkenswert, als die meisten Trainer es ablehnen, Statements über Einzelspieler fremder Mannschaften abzugeben. Jos Luhukay, Trainer des direkten Konkurrenten FC Augsburg, sagt zu Lasogga zum Beispiel nur: "Es gibt viele Spieler, die durch tolle Leistungen großen Anteil am Erfolg ihrer Vereine haben." Ein Lob aus der Fremde ist also doppelt wertvoll.

Eines aber kann niemand seriös vorhersagen: Wie weit nach oben Lasoggas Weg noch führen kann. Vom DFB gab es Lob für das gelungene U 21-Debüt samt einem Tor gegen die Niederlande und einem Assist gegen Italien. Der nächste Karriereschritt wartet nach dem erhofften Aufstieg mit Hertha: die Bundesliga. Lasoggas Qualitäten sind seine Abschlussstärke, dazu seine physische Präsenz – ein typischer Strafraumstürmer eben, wie er nur noch selten anzutreffen ist. Gleichzeitig sind Lasoggas fußballerische Qualitäten beschränkt.

Die Herausforderung für ihn lautet also, seine aktuell überdurchschnittlichen Leistungen alsbald eine Etage höher zu bestätigen.

In Bochum ist jedoch Zweite Liga angesagt. Aufstiegskampf. Wie blank die Nerven auf Seiten der Mannschaft von Friedhelm Funkel liegen, merkt man an dessen Reaktion auf Presseanfragen. Herthas Abstiegstrainer geht zwar an sein Handy, lässt dann aber höflich und bestimmt verlauten, er werde zum Spiel "überhaupt nichts" sagen. Und zu Lasogga auch nicht. Zumindest das kann man ihm angesichts der Geschichte aus dem Hinspiel nicht verdenken. Zumal es nicht zu einem Duell mit einer weiteren Überraschung dieser Spielzeit kommen wird: Der Nordkoreaner Chong Tese, den Bochum vor der Saison verpflichtet hatte und der wie Lasogga bislang zehn Tore erzielte, zog sich im Spiel beim FSV Frankfurt einen Anbruch der Halswirbelsäule zu und fällt aus.

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