Herthas 2:0 gegen Paderborn

70.621 machen Babbels Berlin-Traum wahr

Der Star waren die Zuschauer: Der 2:0-Sieg von Hertha BSC gegen Paderborn geriet fast zur Nebensache. Ein beinahe ausverkauftes Olympiastadion war an diesem Tag der eigentliche Höhepunkt. Genau das hatte sich Trainer Babbel bei seinem Amtsantritt gewünscht.

Es lief die letzte von 90 Minuten eines Fußballspiels, und Patrick Ebert wollte ohne großen Aufwand die verbleibende Zeit hinter sich bringen, da richtete der Paderborner Daniel Brückner einen sehnsuchtsvollen Appell an den Kollegen von Hertha BSC. Er ermunterte Ebert, ruhig noch einmal Engagement an den Tag zu legen, damit sie alle noch ein wenig Fußball spielen könnten – "vor einer so tollen Kulisse". Mit dem Ergebnis, einem 2:0 (2:0) für die Gastgeber, hatten auch die Verlierer sich da längst abgefunden. Da wollten die Paderborner nun wenigstens noch so intensiv wie möglich eine Atmosphäre auskosten, von der sie wissen, dass sie sie als Aktive auf dem Rasen so schnell nicht wieder erleben werden.

Genau gesagt waren es 70.621 Zuschauer, die die Zweitliga-Partie Hertha BSC gegen SC Paderborn hatten sehen wollen – eine unglaubliche Zahl. Eine, für die Berlins Trainer Markus Babbel "einen Dank aussprechen" mochte "an unglaubliche Fans, die meinen Traum von einer solchen Kulisse in einem solchen Spiel haben wahr werden lassen, für den ich anfangs ein bisschen belächelt worden bin."

Mit Hilfe seiner Sponsoren hatte der Klub die "Aktion Traumkulisse" initiiert – mit Erfolg. Paderborns Trainer Andre Schubert bescherte das "zwei Erkenntnisse", die er nach der Partie dann gleichermaßen humor- wie respektvoll zum Ausdruck brachte. "Erstens: Wer wie der SC Paderborn so viele Zuschauer anlockt, der gehört definitiv in Liga zwei. Zweitens: Wer gegen einen Gegner wie uns so viele Zuschauer anlockt, der gehört in die Bundesliga. Und da wird Hertha auch hingehen."

Mit nun 59 Punkten ist es für den Tabellenführer wohl tatsächlich nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diese These bewahrheiten und der Hauptstadtklub als Aufsteiger feststehen wird. Gleichwohl war der 18. Saisonsieg keinesfalls ein Fußballfest, eher schon "ein hartes Stück Arbeit", urteilte Babbel: "Aber ich habe den Willen der Mannschaft gespürt, dieses Spiel unbedingt gewinnen zu wollen." Wille war das eine, ein wenig Glück das andere. Wie beim Führungstor durch Pierre-Michel Lasogga. Vorlagengeber Christian Lell mochte nicht allzu vehement bestreiten, dass sein letztlich präzises Zuspiel doch eher ein verunglückter Schuss gewesen war: "Gut, dass Pierre noch knapp an den Ball gekommen ist."

Zu Glück und Willen kam dann noch eine Standardsituation – und mit ihr das 2:0. "Endlich hat auch Andre sein erstes Tor geschossen", sagte Manager Michael Preetz erleichtert über den Kapitän und Manndecker Mijatovic, der in der Nachspielzeit der ersten Hälfte im Anschluss an eine Ecke per Kopf sein Premierentor im Hertha-Trikot erzielte.

Bemerkenswert: Noch am Freitag hatte Mijatovic 39 Grad Fieber. Und doch trug auch er bis zu seiner Auswechslung 76 Minuten lang dazu bei, dass sein Team defensiv so gut wie überhaupt nichts zuließ. Ein Schuss von Kapitän Krösche, der noch die Außenseite des rechten Pfostens streichelte, blieb die einzige einigermaßen gelungene Torannäherung – da aber waren schon 78 Minuten gespielt. Zwar reklamierte Jens Wemmer für sich und die Seinen, "eigentlich ein sehr gutes Spiel gemacht" zu haben. Tatsächlich wirkte es über die komplette Spielzeit hinweg so, als wollten die Gäste das Spiel erst nur nicht verlieren. Und es dann wenigstens nicht hoch verlieren.

Dass auch auf Berliner Seite den für das Offensivspiel zuständigen Kollegen nicht recht viel gelingen mochte, begründete Rechtsverteidiger Lell mit der Spielweise der Paderborner. Erst recht bei nach einem so langen Winter auf einmal ungewohnten 21 Grad "war es schwerer, das Spiel zu machen, anstatt sich wie die Paderborner einfach nur hinten rein zu stellen", sagte er. So war das Geschehen über weite Strecken recht zäh. Den Berlinern fehlte es an Tempo im Spiel und Präzision bei ihren Pässen. "Und wir hätten mehr über außen spielen müssen", mäkelte der rechte Mittelfeldspieler Patrick Ebert: "Dadurch hätten die Paderborner mehr laufen müssen und wären bei den warmen Temperaturen früher müde geworden." Gleichwohl war es auch Ebert, der laut offizieller Statistik von zwölf Zweikämpfen nicht einen einzigen für sich hatte entscheiden können. Ihm exemplarisch also, aber auch einigen seiner Kollegen schien der Anspruch an sich selbst eine Last, die Erwartungen einer so großen Zuschauermenge nach dem verlorenen Derby gegen den 1. FC Union nicht ein zweites Mal zu enttäuschen.

Dabei legte die Traumkulisse nicht einmal so sehr Wert auf ein spielerisches Feuerwerk. Der Mehrzahl der Fans genügte es schon, Teil des Spektakels geworden zu sein. Verteidiger Lell gewann auf dem Rasen gar diese Erkenntnis: "Für die Zuschauer schien in der zweiten Halbzeit das Spiel phasenweise zweitrangig zu sein. Sie haben mehr sich selbst gefeiert – aber ja auch völlig zu recht."

Und die Stadt will und wird auch weiter dabei sein, wenn Hertha die letzten Schritte zum großen Ziel hin unternimmt. Von den für die noch ausstehenden Heimspiele gegen VfL Osnabrück, 1860 München und FC Augsburg insgesamt verfügbaren 224.000 Karten sind bereits jetzt 110.000, also ziemlich genau die Hälfte verkauft; die Partie am letzten Spieltag im Fußball-Unterhaus gegen den aktuellen Rangzweiten Augsburg ist sogar schon so gut wie ausverkauft. Spätestens dann hofft Trainer Babbel, "dass mein zweiter Traum auch in Erfüllung geht".

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