Mit 70.000 gegen Paderborn

Hertha ist der beste Zweitligist Europas

Vielleicht war der Abstieg für Hertha BSC besser als gedacht, denn Verein und Stadt sind zusammengerückt. Das zeigt sich vor allem an den Zuschauerzahlen: Kein Zweitligist in Europa lockt so viele Fans ins Stadion.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Westfalen gelten gemeinhin als reisefreudiges Völkchen. Wenn NRW Ferien hat, so geht ein beliebtes Vorurteil, sind die Autobahnen voll. Auch die Fans des SC Paderborn machen da keine Ausnahme. Dabei sind derzeit gar keine Ferien. Wenn am Sonntag Hertha BSC den SC im Olympiastadion empfängt (13.30 Uhr), werden 3000 Gäste aus Paderborn erwartet. "Ein paar mehr als normal", wie auch SC-Sprecher Matthias Hack betont. Seit Wochen macht die Stadt nun schon mobil, um Herthas Aktion "Gemeinsam für eine Traumkulisse" zu unterstützen. Reisebüros boten Extratouren an, und selbst die hiesige Sparkasse legte Anmeldeformulare für die Tour nach Berlin aus. Motto: "Paderborn erobert Berlin".

Ist diese Sicht der Dinge ob der sportlichen Ausgangslage zumindest fraglich, so darf sich Spitzenreiter Hertha in jedem Fall beim Tabellen-13. bedanken, helfen sie doch tatkräftig mit, das zu schaffen, was Kritikern noch vor wenigen Monaten schier unmöglich zu schien: Das Olympiastadion gegen, genau, den SC Paderborn fast voll zu bekommen. Mehr als 60.000 Tickets wurden bis Montag bereits verkauft. So gibt es berechtigte Hoffnungen, dass am Ende wirklich rund 70.000 Fans ins Olympiastadion strömen werden. So, wie es sich Markus Babbel bei seiner Anfangsrede im Mai 2010 in Berlin gewünscht hatte. Mit dem Selbstbewusstsein des erfolgsgewohnten Profis hatte der Bayer den etwas ungläubig zuhörenden Hertha-Mitgliedern erklärt: "Warum soll das Olympiastadion nicht auch gegen Paderborn voll sein?"

Partner ermöglichen Billigtickets

Die Aktion könnte ein Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Wahrnehmung des Klubs in Berlin sein. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Hertha liegt auf Rekordkurs. Kommen zu den letzten Heimspielen nur unwesentlich mehr Zuschauer als bisher, wird Hertha den Zweitliga-Rekord des 1. FC Köln knacken. Auch in den eigenen Geschichtsbüchern wird die Saison 2010/11 ihren Platz finden: Der bislang beste Zuschauerdurchschnitt in Liga zwei wird mehr als verdoppelt. Beim bislang letzten Aufstieg 1997 sah es noch trauriger aus, im Schnitt 17.530 Zuschauer verfolgten die Spiele. Was für ein Quantensprung. Aktuell ist Hertha der Zweitligist mit den meisten Zuschauern – in ganz Europa! Und Paderborn ist ein Synonym für: Jeder einzelne Fan kommt, um Hertha anzuschauen – und nicht den Gegner.

Sicher: Zumindest für das Spiel am Sonntag wurde der Zuspruch aus der Stadt gewissermaßen erkauft, zeitweise gab es zwei Tickets für zehn Euro zu erstehen. Auf den Kosten bleibt allerdings nicht der Verein sitzen, vielmehr engagierten sich die Sponsoren – sie sind daran interessiert, viele Fans zu locken. "Bei dieser Aktion steht nicht das Finanzielle im Vordergund", sagt Herthas Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller. Er freut sich mehr über den neuen Zusammenhalt: "Das ist eine einzigartige Kulisse für dieses Spiel, die vor der Saison wohl keiner erwartet hätte."

Nun ist der Fan im modernen Fußball aber eben nicht nur dazu da, um sich selbst und die Mannschaft zu feiern. Vielmehr ist er Teil umfassender Marketingmaßnahmen. So freut sich auch Herthas Vermarktungsagentur Sportfive über den Boom: "Der Zuschauerschnitt ist sensationell, wer das vor Saisonbeginn erwartet hätte, wäre wohl in das Reich der Phantasten verwiesen worden", sagt Christian Jäger, der den Bereich Hertha verantwortet. Es gibt gute Gründe, auf die Gunst der Zuschauer zu setzen. Denn, so erklärt Jäger, dieser sei ein wesentlicher Faktor auf dem Weg zu einer noch besseren Vermarktung: "Wir als Vermarktungspartner mehrerer Bundesligisten können ganz gut einschätzen, dass es für die Sponsoren und Partner von Hertha BSC sehr wichtig ist, wie viele Zuschauer ins Stadion kommen. Es ist zwar nur ein Baustein unter vielen Faktoren, aber da setzt Hertha in dieser Saison ein deutliches Ausrufezeichen."

Auch Schiller sieht seinen Verein deutlich im Aufwind: "Ich glaube, dass in dieser Saison Verein und Stadt enger zusammengerückt sind. Die Zuschauerzahlen sind Ausdruck dessen", sagt er. Bei den Sponsoren wird das bereits honoriert. Nicht nur, dass die Deutsche Bahn als Hauptsponsor vor kurzem ihr Engagement verlängerte (wenn auch zu reduzierter Garantiesumme von 4,5 Millionen Euro für de Bundesliga). Im vergangenen September konnte ein siebter Exklusivpartner (Primacall) gewonnen werden, die weiteren sechs verlängerten bereits vor der Saison (Audi, Berliner Volksbank, Coca Cola, Carlsberg und der Radiosender 94,3/rs2 und Air Berlin).

Ohne zu wissen, ob das Abenteuer Zweite Liga ein positives Ende, sprich den Aufstieg, nehmen werde. Umso größer ist die Erleichterung, dass der Klub auch im Unterhaus so gut angenommen wird. "Man kann sagen, dass Hertha das Vertrauen zurückzahlt", sagt Nancy Mönch, Sprecherin der Berliner Volksbank – ein größeres Lob gibt es wohl kaum von einem Werbepartner. "Es ist immer gut, wenn die Partner an einen glauben", sagt Schiller "aber noch besser ist es natürlich, wenn man es am Ende auch beweisen kann."

Keine Dauereinrichtung

Letztlich steht und fällt der Erfolg jeder Kampagne mit der Zahl der Adressaten. Und in einer Saison in der Zweiten Liga, in der Einnahmen vom Fernsehen wegfallen, sind das nun einmal die Stadionbesucher. Mönch sagt über das Projekt "Traumkulisse": "Ich könnte mir vorstellen, dass wir eine solche Aktion wiederholen. Es ist unser Wunsch, dass auch in der Bundesliga das Stadion voll ist." Das will Geschäftsführer Schiller natürlich auch, aber: "Das soll jetzt nicht zu einer Dauereinrichtung werden", sagt er.

Der Traum von der Traumkulisse geht trotzdem überall weiter, auch wenn es am Sonntag noch nicht ganz zu einem ausverkauften Stadion reicht. Den Paderborner Fans kann man das freilich nicht zum Vorwurf machen: Ihr Heimdurchschnitt liegt mit 7394 Zuschauern fast exakt genauso hoch wie die Kapazität im Gästeblock bei Hertha.

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