Bundesliga

John Heitinga ist Herthas gefragter Herbergsvater

„Es ist fünf vor zwölf“, warnt der Abwehrspieler vor dem Spiel in Köln, die prekäre Situation nicht zu unterschätzen. Doch besonders Heitinga ist nun gefragt, die Berliner aus der Krise zu führen.

Foto: Dean Mouhtaropoulos / Bongarts/Getty Images

Es gibt zwei John Heitingas – den Hertha-Profi und den Kümmerer. Der eine soll die Abwehr schön dicht machen, der andere dafür sorgen, dass sich alle schön wohlfühlen. In den vergangenen Tagen war vornehmlich Letzterer gefragt: Weil Salomon Kalou wegen zweier Länderspiele mit der Elfenbeinküste über den halben Globus flog, nahm sich Heitinga der Angelegenheiten seines Kollegen vor Ort an.

Beide wohnen im selben Mehrfamilienhaus in Charlottenburg, und in Kalous Wohnung gab es eine Menge zu tun. Da kam ein Raumausstatter. Heitinga ließ ihn rein. Da brachte ein Lieferant Unterhaltungstechnik. Heitinga klärte das. Und da war dieser Mensch, der das Monats-Abo für die Parkplätze in der Tiefgarage erneuert. Heitinga sorgte dafür, dass Kalou nicht bald Frost kratzen muss.

Ein kleines Helfersyndrom also ist zu diagnostizieren beim 31-Jährigen. Das kann ja nicht schaden. Vor allem deshalb, weil aktuell besonders Heitingas Arbeitgeber jede Hilfestellung benötigt. Nach zwei Niederlagen in Folge und nur elf Punkten aus elf Partien findet sich Hertha auf Tabellenplatz 14 wieder. "Niemand im Team ist glücklich mit der Situation", sagt Heitinga. Besonders nervt ihn aber dieses seltsame Fremdeln in auswärtigen Stadien: "Das letzte Mal, als Hertha auswärts gewonnen hat, war es Februar. Das ist eigentlich Wahnsinn", sagt Heitinga. In dieser Saison ist in der Ferne erst ein einziger Punkt herausgesprungen.

Hartes Restprogramm bis zur Winterpause

Weil es zu Hause aber zuletzt auch nicht mehr klappte, steckt der Hauptstadtklub in einer bedrohlichen Situation: Nur noch ein einziger Zähler trennt Hertha vom Relegationsplatz 16. Dazu haben sich bis zur Winterpause fast ausschließlich furchteinflößende Gegner angekündigt: der FC Bayern, Mönchengladbach, Dortmund, Frankfurt und Hoffenheim. Vor diesem unangenehmen Restprogramm bis Weihnachten steht heute zunächst noch die Partie beim Aufsteiger 1. FC Köln an (18.30 Uhr, Liveticker bei immerhertha.de).

Wenn man sich in diesen Tagen mit Heitinga unterhält, bekommt man den Eindruck, dass sich viele seiner Hoffnungen auf Besserung an diese Begegnung krallen. Von einem möglichen "Wendepunkt" spricht er dann und schiebt das alte Fußballer-Mantra hinterher, nachdem sich mit einem Spiel alles schnell ändern könne.

Wenn man ihm folgt, bedeutet das aber auch, dass dieses eine Spiel ebenso die Kraft besitzt, alles noch viel schlimmer zu machen. Heitinga weiß das. Deshalb spricht er vor der Partie gegen den FC eine deutlichen Warnung aus: "Es ist fünf vor zwölf", sagt der Niederländer. "Wir müssen realistisch sein: Das Programm der nächsten Wochen wird hart. Wir müssen jetzt anfangen, Punkte zu sammeln und wieder ein Team werden, das schwer zu schlagen ist."

Falls also irgendjemand in der Mannschaft von Trainer Jos Luhukay bisher das Prekäre der Lage noch nicht begriffen haben sollte, Heitinga hilft auch hier gern nach.

Auf dem Feld noch nicht der gewünschte Anführer

Doch neben der Mahnertätigkeit kommt es gegen Köln und in den Wochen danach bis zur Winterpause vor allem darauf an, dass der Vize-Weltmeister von 2010 auch auf dem Spielfeld mehr Verantwortung übernimmt. Durch die Verletzung von Kapitän Fabian Lustenberger hat sich nun diesbezüglich ein Vakuum ergeben. Dazu kommt der kurzfristige Ausfall von Ersatzkapitän Peter Pekarik.

"Jetzt müssen andere Spieler vorweg gehen", sagt Heitinga, meint aber nicht nur sich selbst. Dennoch ist es so, dass Heitinga nun das einlösen muss, was sie sich bei Hertha von ihm bei seiner Verpflichtung im Sommer erhofft hatten: ein neuer Typ Anführer sein, an den sich andere anlehnen können.

Heitinga ist das bisher trotz seiner umfangreichen Erfahrung (spielte in den Niederlanden, Spanien, England und bestritt 87 Länderspiele) nur abseits des Platzes gelungen. Dort wirkt er oft wie ein Herbergsvater, kümmert sich nicht nur um Kalou und Landsmann Roy Beerens bei dessen erster Auslandsstadion, sondern beendet auch kleine Rangeleien im Training wie am Mittwoch. Auf dem Feld aber, wo ein Führungsspieler sich seine Rolle durch Leistung erwirbt, tat er sich bisher nicht hervor.

Lobende Worte für Brooks

Durch den Ausfall Lustenbergers wird Heitinga nunmehr die Verantwortung für die Abwehrkette übertragen. An seiner Seite wird aller Voraussicht nach mit John Brooks, 21, ein Profi spielen, dessen Leistungen stets schwankten und dem deshalb eine starke Führungskraft neben sich helfen dürfte. Von ihm hält Heitinga viel: "John ist ein Spieler der Zukunft, denn er hat alles, was man braucht: Er ist groß, stark, schnell und gut am Ball", sagt der zehn Jahre ältere Heitinga, ergänzt aber auch: "Er muss jetzt auf seinem besten Level spielen."

Mit Brooks will er dafür sorgen, dass sich in Köln neben der penetranten Auswärtsschwäche auch eine andere verflüchtigt: die wacklige Defensive. Schon 21 Gegentore kassierte Hertha in elf Spielen – durchschnittlich knapp zwei pro Partie. "Das ist zu viel, denn wir sind kein Team, das immer drei Tore erzielen kann", sagt Heitinga. "Wir müssen unbedingt stabiler werden."

In seiner Karriere habe er so mache sportliche Krise erlebt und wisse daher, was zu tun sei, sagt Heitinga: das Negative ansprechen, sich aber auf das Positive fokussieren. Und das sei, "dass ich in jedem Training sehe, welche Qualität die Mannschaft hat", sagt Heitinga. Sie müsse das jetzt nur endlich zeigen. Er selbst würde dabei gern helfen.

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