Ex-Herthaner

Pierre-Michel Lasogga – "Berlin bleibt mein Zuhause"

Ex-Herthaner Pierre-Michel Lasogga spricht im Morgenpost-Interview über seine Rückkehr mit dem Hamburger SV ins Olympiastadion, verärgerte Fans und seinen Traum von der deutschen Nationalmannschaft.

Foto: Dennis Grombkowski / Bongarts/Getty Images

"Ich hab' noch einen Koffer in Berlin", sang einst Marlene Dietrich und drückte damit ihre Liebe zur Stadt aus. Gleich eine ganze Wohnung hat Pierre-Michel Lasogga noch in Berlin, obwohl er nach drei Jahren bei Hertha BSC nun für den Hamburger SV spielt. Nach seiner Ausleihe in der vergangenen Saison gab ihn Hertha im Sommer für 8,5 Millionen Euro an den HSV ab. Das erzürnte viele Berliner Anhänger. Am Sonnabend kehrt der 22 Jahre alte Stürmer mit den Hanseaten ins Olympiastadion zurück (15.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de). Vor dem Spiel spricht Lasogga über die erwarteten Pfiffe der Hertha-Fans und Kritik.

Berliner Morgenpost: Herr Lasogga, wie geht es Ihnen vor der Rückkehr nach Berlin?

Pierre-Michel Lasogga: Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich bin froh, dass es nach schweren ersten Wochen nicht nur bei mir persönlich, sondern auch bei meiner Mannschaft wieder besser läuft. Unsere Tendenz beim HSV zeigt nach oben – glücklicherweise pünktlich zum Spiel gegen Hertha. Denn das wird ein sehr besonderes Spiel für mich. Ich hatte eine unglaublich schöne Zeit in Berlin. Es ist das erste Mal, dass ich im Olympiastadion auflaufen werde und kein Herthaner mehr bin. Ich freue mich riesig darauf.

Es könnte aber sein, dass Sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden.

Ich versuche, mir darüber keine großen Gedanken zu machen. Ich weiß nicht, wie die Leute auf mich reagieren werden, aber ich glaube nicht, dass sie mich auspfeifen werden. Es gibt auch eigentlich keinen Grund dafür. Ich habe immer alles für die Hertha-Fans gegeben. Der Weggang von Hertha ist mir sehr schwer gefallen. Ich werde im Herzen auch immer ein bisschen Herthaner bleiben und die Hertha-Fans nie vergessen.

Auch in Hamburg sind Sie Publikumsliebling geworden. Woran liegt das?

Vielleicht liegt das an meiner Art. Ich bin ein Arbeitertyp auf dem Feld. Ich haue mich immer rein und gehe ans Limit. Fans haben ein sehr feines Gespür dafür, ob sich einer zerreißt für sie – auch wenn es mal schlecht bei ihm läuft –, oder nicht. Für mich persönlich sind die Fans aber vielleicht noch wichtiger als für andere.

Inwiefern?

Fans geben mir die nötige Bestätigung. Und sie sind brutal ehrlich. Wenn ich gut war, lassen sie es mich spüren. Wenn ich schlecht war, sagen sie es mir auch. Auf dem Feld geben mir die Fans zudem noch einmal einen Extraschub. Sie peitschen mich richtig nach vorn. Ich brauche diese Emotionen von außen. Ich will für die Fans da sein und bin glücklich, wenn sie es auch für mich sind. Das ist fast wie eine Art Dialog, in den wir treten, wenn ich auf dem Feld stehe.

Nach Ihrem Wechsel zum HSV gab es sehr negative Reaktionen der Hertha-Fans im Internet. Wie sind Sie damit umgegangen?

Es gibt solche und solche Fans. Manche haben mich verstanden, manche waren verärgert, und wieder andere sind vielleicht heute noch sauer. Ich kann das auch verstehen. Aber Wechsel gehören nun einmal zum Fußball, und ich habe diesen Schritt gemacht, um mich sportlich weiterzuentwickeln. Da konnte ich auf die Gefühle der Fans leider keine Rücksicht nehmen. Wenn die Leute mich am Sonnabend auspfeifen, muss ich das akzeptieren – auch wenn es hart für mich wäre. Aber an meinem positiven Gefühl zu den Hertha-Fans wird das nichts ändern.

Wie werden Sie reagieren, wenn Sie gegen Hertha treffen? Jubeln oder nicht?

Ich mache mir schon meine Gedanken darüber, aber zu einem Ergebnis bin ich bisher noch nicht gekommen. Wenn ich treffe, werde ich spontan entscheiden, wie ich damit umgehe. Fakt ist aber, dass ich keine Rücksicht auf meine Gefühle zu Hertha nehmen kann. Ich bin Spieler des HSV, und das sehr gern. Und in dieser Funktion will ich treffen und gewinnen.

Sie haben immer noch eine Wohnung in Berlin. Wo, würden Sie sagen, ist Ihr Zuhause?

Berlin. Berlin wird mein Zuhause bleiben. Wenn ich frei habe, fahre ich sehr oft nach Berlin. Dort kann ich runter kommen. Berlin tut mir gut. Natürlich bleibt das Ruhrgebiet meine Heimat. Dort lebt meine Familie und ich bin sehr gern dort. Aber irgendwie hat mich Berlin in diesen drei Jahren gefesselt. Ich kam nach Berlin und dort hat alles für mich gepasst. Manchmal ist das ja so im Leben, dass man irgendwo hinkommt und sagt: Hier fühle ich mich wohl.

Haben Sie Kontakt zu den Hertha-Kollegen?

Ich telefoniere fast täglich mit Sascha Burchert. Wir sind richtig gute Freunde geworden. Das wird auch vor dem Spiel so bleiben. Ich bin keiner, der sagt, ich will vor dem Spiel keinen Kontakt.

Warum haben Sie sich für den HSV und gegen Hertha entschieden?

Es war keine Entscheidung gegen Hertha, sondern eine für den HSV. Beim HSV passiert gerade eine Menge. Durch die Umstrukturierungen entstehen viele Möglichkeiten. Das braucht sicherlich noch seine Zeit, aber ich wollte ein Teil der Mannschaft sein, die den HSV wieder nach oben bringt. Zudem hatte ich das Gefühl, hier in Hamburg richtig in die Mannschaft eingegliedert zu sein. Hier habe ich einfach das große Vertrauen gespürt.

Sind Sie jemand, der das Vertrauen besonders braucht?

Ja. Wenn man spürt, dass alle hinter einem stehen, dann macht man manchmal auch Tore, bei denen man hinterher gar nicht weiß, wie man das eigentlich hingekriegt hat.

Haben Sie dieses Vertrauen in Berlin am Ende nicht mehr gespürt?

Dazu möchte ich nichts mehr sagen. Das ist Vergangenheit. Beim HSV hat sich einfach alles gut angefühlt für mich – Umfeld, Trainer, Fans.

Beim HSV haben Sie jetzt aber wieder einen neuen Trainer – der dritte in einem Jahr.

Leider Gottes gehören diese Trainerwechsel heutzutage dazu. Das ist schon manchmal verrückt, wie schnell das alles geht. Aber für uns als Mannschaft ist es zuletzt stetig bergauf gegangen. Jetzt funktionieren wir wieder als Team, jeder ist für den anderen da. Seit dem Spiel gegen München spürt man das bei uns.

Zu Beginn der Saison haben Sie in Hamburg zum ersten Mal wirklich Kritik einstecken müssen. Es hieß, Sie seien nicht fit und brächten nicht die Leistung, die man nach der hohen Ablösesumme von Ihnen erwartet hatte. Wie sind Sie damit umgegangen?

Kritiker gehören in unserem Sport dazu. Das muss man akzeptieren. Ob man dann auf sie hört, muss jeder selbst für sich entscheiden. Mir war es eigentlich egal, was diese Leute über mich gesagt haben. Ich weiß ja, was ich kann und warum es zum Anfang noch nicht lief. Ich hatte in der Sommervorbereitung eine Knöchelverletzung und habe dadurch fast drei Wochen verpasst. Das war nicht einfach so aufzuholen. Jetzt wird es aber langsam wieder besser.

Uli Stein hat gesagt, dass Sie früher nur das Ballnetz getragen hätten.

Ich glaube, ich habe angemessen darauf reagiert. Kritiker lässt man am besten mit Toren verstummen.

Gab es danach noch eine Aussprache?

Nein. Dafür gibt es auch keinen Grund.

Haben Sie während der WM in Brasilien mal daran gedacht, dass Sie mit ein bisschen mehr Glück vielleicht auch hätten bei der Nationalmannschaft dabei sein können?

Ja, ab und an schon. Ich denke auch, dass die Chancen nicht so schlecht für mich gestanden hätten, wenn ich mich damals in Stuttgart vor dem Testspiel gegen Chile nicht verletzt hätte. Aber ich muss jetzt nach vorn schauen und wer weiß: Im Fußball geht es ja manchmal schnell.

Gab es seither wieder Kontakt zu Bundestrainer Joachim Löw?

Nein, noch nicht. Aber die Nationalmannschaft bleibt mein Ziel. Ich kann mich nur durch gute Leistungen anbieten. Und so viele echte Stürmer wie mich gibt es ja nicht in Deutschland.

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