Hertha BSC

Ex-Profi Andreas Schmidt - "Die Rückrunde war erdend"

Foto: ULMER/Bjoern Hake / picture-alliance / Pressefoto UL

Hertha wählt einen Aufsichtsrat: Ex-Profi Andreas Schmidt kandidiert erneut. Die Morgenpost sprach mit ihm über Tradition und Investoren-Einfluss sowie über sein Verhältnis zu Michael Preetz.

Andreas Schmidt ist seit 1991 bei Hertha BSC, zunächst elf Jahre als Profi, die meisten davon an der Seite von Michael Preetz. Nun endet seine erste Amtszeit als stellvertretender Vorsitzender des Hertha-Aufsichtsrates. Schmidt, 40, ist mittlerweile Familienvater und Geschäftsführer bei der Vermögensberatungsfirma Laransa. Am Montag wählen die Mitglieder von Hertha BSC einen neuen Aufsichtsrat. Schmidt, der erneut kandidiert, sprach mit der Berliner Morgenpost über den Einfluss des Finanzinvestoren KKR, das Traditionsbewusstsein der Anhänger sowie über die Perspektiven des Hauptstadt-Klubs.

Berliner Morgenpost: Herr Schmidt, was haben Sie im Aufsichtsrat über Hertha gelernt?

Andreas Schmidt: Ich dachte, wenn man seit Ewigkeiten im Vereine ist, dass man den Verein in- und auswendig kennen würde. Ich wusste nicht, wie viele Gremien und wie viele handelnde Personen es bei Hertha gibt. Es hat mehr als ein Jahr gedauert, bis ich alle Beteiligten kennengelernt habe. Mir war bewusst, dass es relativ wenige operative Aufgaben gibt. Zudem sind wir im Aufsichtsrat nur indirekt in den Bereich eingebunden, der mit Hertha immer am meisten verbunden wird: mit der Profiabteilung.

Sie haben von allen Präsidiums- und Aufsichtsratsmitgliedern ein besonderes Verhältnis zu Michael Preetz. Weil Sie mit dem Geschäftsführer Sport jahrelang in einer Mannschaft gespielt haben.

Es gibt Prozesse in einem Fußballverein, die man sehr gut verstehen kann, ohne Fußball gespielt zu haben. Aber es gibt Situationen, wo es hilft, wenn man selbst Jahre in dem Zirkus dabei war. In schwierigen sportlichen Situationen, wenn auch im Aufsichtsrat über die Mannschaft diskutiert wird, kann man gut darstellen, was in den Spielern vorgeht oder auf dem Platz passiert. Dies ist am häufigsten in Phasen der Verunsicherung nach Niederlagen der Fall.

Wenn Sie sich am Montag erneut zur Wahl stellen, lautet ein Argument bei Ihnen als Ex-Profi: Fußball-Kompetenz. Wie oft hat Michael Preetz die Fußball-Kompetenz von Andreas Schmidt angezapft?

In erster Linie ist fußballerische Kompetenz gefragt, wenn wir im Aufsichtsrat mal etwas diskutieren, was in den Profibereich geht. Michael Preetz stellt dem Aufsichtsrat in der Regel zweimal im Jahr dar, was im zurückliegenden Zeitraum passiert ist und wohin die sportliche Entwicklung gehen soll: Einmal vor der Saison und dann noch mal im Winter. Ähnlich sieht es mit unserem Präsidenten Werner Gegenbauer aus und mit Finanzchef Ingo Schiller, die auch zwei, dreimal im Jahr an Sitzungen des Aufsichtsrates teilnehmen.

Wie oft tagt der Aufsichtsrat?

Das ist teilweise krisenabhängig. Je unruhiger die sportliche Lage, desto häufiger haben wir uns getroffen. Im Schnitt würde ich sagen, haben wir uns etwa sechs Mal im Jahr getroffen, dazu zwei Mitgliederversammlungen und noch ein, zwei Telefonkonferenzen – macht pro Jahr rund zehn Termine.

Wichtigste Veränderung bei Hertha war der Einstieg von Finanzinvestor KKR. Welche Chancen eröffnen sich für Hertha?

Der Verein hat mit diesem Deal seine Verschuldung beseitigt. Der Klub hatte in der Vergangenheit teilweise erhebliche Auflagen der DFL zu erfüllen , die auch die Eigenkapital-Situation betrafen. Wenn man eine hohe Verschuldung hat, wie das bei Hertha der Fall war, ist Liquidität immer ein Thema. Mit dem neuen Vertrag hat sich Hertha eine erhebliche Handlungsfreiheit eröffnet. Die finanzielle Basis, die Einnahmesituation hat sich verbessert. Damit kann das fortgesetzt werden, was begonnen wurde: Die Mannschaft langsam, effektiv zu verstärken, damit sich Hertha auf Sicht in der Bundesliga wieder etablieren kann.

Welche Risiken hat der Deal für Hertha?

Als uns das Thema KKR vorgestellt wurden, haben wir im Aufsichtsrat intensiv diskutiert. Wir haben uns gefragt, ob es da einen Haken gibt. Wir haben mit Herrn Schiphorst, mit Herrn Klein und Herrn Körber Leute aus unterschiedlichen Bereichen beisammen. Aber wir haben keinen Haken gefunden. Endgültig beantworten, welche Auswirkungen der KKR-Deal für Hertha hat haben wird, kann man vielleicht erst in einigen Jahren, weil man dann, ähnlich dem UFA/Sport-Five-Deal in den 90er-Jahre, die gelebte Praxis sieht. Hertha hat mit diesem Vertrag seine kurz- und mittelfristigen Probleme gelöst. Dies auf eine Art und Weise, dass es keine Probleme mit der Deutschen Fußball-Liga gibt, da KKR Hertha als Partner zur Seite steht, aber eben nicht den Verein beherrscht.

Sie als Mann aus der Finanzwelt: Wo sehen Sie das Hauptinteresse von KKR?

KKR weiß, dass Hertha BSC ein anderes Investment ist als klassische Investments bei Private Equity. Der bestimmende Faktor, das Mitsprache-Recht, das sonst üblich ist, liegt im Fall Hertha nicht vor. Auch die Rendite-Erwartungen von KKR, das vermute ich, werden dem Umfeld Profifußball angepasst sein. Ich kann mir vorstellen, dass KKR auf eine kontinuierliche Entwicklung setzt. Die dann dazu führt, dass die Anteile von KKR an Hertha an Wert gewinnen. KKR wird sich den Wert der Bundesliga angeschaut haben: Die generelle Bedeutung, die zu erwartende Umsatz-Entwicklung. Da ist Berlin ein richtig interessanter Standort.

Wo hat die Bundesliga noch erhebliches Steigerungspotenzial? Es wurde gerade ein teurer TV-Vertrag abgeschlossen, die meisten Stadien sind ausverkauft, o.k., im Olympiastadion können im Schnitt noch 20.000 Tickets mehr verkauft werden.

Beim den TV-Geldern werden in England, in Spanien, mittlerweile auch in der Türkei erhebliche Einnahmen erzielt. Die Bundesliga wird vermutlich bei der internationalen Vermarktung zulegen. Auch bei den digitalen Inhalten sehe ich noch erhebliche Spielräume.

Was entgegnen Sie den Traditionalisten unter den Hertha-Fans, die sagen: Mit dem Investor gibt Hertha seine Eigenständigkeit auf. Da wird die Seele des Fußballs verkauft.

Hertha hat seine Eigenständigkeit nicht eingebüßt, weil es keine Abhängigkeit gibt. Tradition ist grundsätzlich wichtig für die Fans. Teile der Anhänger wünschen sich, dass der Verein so bleibt wie früher. Aber ein Klub ist heute ein Unternehmen, das hohe Ausgaben hat und sich refinanzieren muss. Der Wettkampf um die Gelder ist größer geworden. Man wird als Verein heute nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn man eine gesunde finanzielle Basis hat. Diese Basis kann man mit Investorengeldern stärken. Private Equity hat in Deutschland für viele Leute einen negativen Touch. Beim FC Bayern sind Adidas, Audi und Allianz beteiligt, alles bekannte deutsche Unternehmen, die positiv besetzt sind. Schauen wir mal in einigen Jahren, wie diese KKR-Beteiligung dann beurteilten wird. Problematisch wird es meiner Meinung nach, wenn der ein Verein abhängig ist von einem Investor ist, wie es bei Paris St. Germain oder beim FC Chelsea der Fall ist. Dort schießen die Investoren regelmäßige riesige Summen zu, weil finanzielle Lücken geschlossen werden müssen. Da haben die Fans zu Recht Sorge, dass bei späterem Desinteresse des Investors schwer wiegende Probleme auftreten können. Bei Hertha ist das anders. Ich sehe das KKR-Investment als einen weiteren Schritt zur Professionalisierung. Ein Schritt, den Hertha gehen musste, um in dem Konkurrenzgeschäft Fußball-Bundesliga zu bestehen.

Wie sehen Sie die Perspektiven: Kann Hertha den Anhängern ein weiteres Jahr als Zielstellung 'sicherer Klassenerhalt' verkaufen?

In der Beziehung war die Rückrunde dieser Saison erdend. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Zum Ende der Hinrunde gab es Erwartungen, dass Hertha als Aufsteiger jetzt einfach mal um die Plätze der Europa League spielen könnte. Aber man hat gesehen, dass eine Saison lang ist. Hertha hat mit hohem Aufwand gespielt. Irgendwann war es nicht mehr möglich, wichtige Spieler zu ersetzten, die verletzt ausgefallen sind. Auf die nächste Saison geschaut: Welche Vereine kommen für den Abstieg in Frage? Da wird Hertha vermutlich automatisch dazu gezählt werden. Einfach deshalb, weil Hertha noch nicht so lange erstklassig ist und mit Ramos einen ganz wichtigen Spieler verliert. Ich halte es für eine gute Lösung zu sagen: Hertha will den Klassenerhalt so früh wie möglich sicherstellen. Es bleibt dabei: Eine Mannschaft zu entwickeln, braucht Zeit. Das dauert länger als ein oder zwei Jahre.

Wie ist es um die Möglichkeiten bestellt, dass Hertha den Abstand zu den Klubs im oberen Tabellendrittel verkürzen kann?

Ich sehe keinen Verantwortungsträger im Verein, der sagt, dass Hertha in zwei oder drei Jahren zu den Großen der Liga gehören wird. Alle in der Liga schauen auf Borussia Dortmund. Die standen unmittelbar am Abgrund. Und haben sich mit kontinuierlicher Arbeit befreit und nach oben gearbeitet. Das ist das Positivbeispiel. Aber es gibt viele andere Beispiele, wir haben das auch in Berlin erlebt. Hertha hat vier harte Jahre samt zwei Abstiegen hinter sich. Andere Vereine, die zuletzt sportlich eigentlich vor Hertha lagen, haben Rückschläge erlitten: Hannover, Bremen, Stuttgart, Frankfurt und der HSV. Die haben alle ein ähnliches Potenzial wie Hertha. Deshalb denke ich, dass es richtig für Hertha ist, langsam und kontinuierlich zu planen.

Heißt das, Hertha wird auf Jahre keinen Europacup spielen?

Schauen wir es uns an: Neben Bayern und Dortmund können Schalke, Leverkusen, Wolfsburg und Gladbach sicher sein, dass sie oben mitspielen werden – solange sie keine Doppelbelastung haben. Es ist kein Zufall, dass international außer Bayern und Dortmund zuletzt keine deutschen Mannschaften richtig weit gekommen sind. Nicht in der Champions League und nicht in der Europa League. Bei allem Lob für die Bayern, Dortmund und die Nationalmannschaft: Selbst die Vereine, die in Deutschland zwischen Rang drei und sieben stehen, schaffen es nur in Ausnahmejahren, eine stabile Bundesliga und eine gute Europa League zu spielen.

Die Gretchen-Frage für Montag: Wofür steht Andreas Schmidt?

Nicht nur für mich, sondern für die bisherige Aufsichtsratsbesetzung gilt: Es ist bei allen angekommen, dass Hertha nicht mehr wie in der Vergangenheit große wirtschaftliche Risiken eingehen sollte. Wenn das schief geht, ist der ganze Verein in seiner Existenz gefährdet. Kontinuität ist notwendig. Eine gewisse Bescheidenheit ist eingekehrt. Wir wissen, dass Zeit und Entwicklung nötig ist, um dort wieder anzugreifen, wo sich die Sportstadt Berlin selbst gern sieht.

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