Bundesliga

Homophobe Plakate in der Ostkurve bringen Hertha in Verruf

Hertha BSC ist einer der wenigen Fußball-Bundesligavereine, die sich gegen Homophobie stark machen. Nun sorgen ausgerechnet schwulenfeindliche Plakate von Fans im Berliner Olympiastadion für Ärger.

Foto: Hertha-Inside / Hertha-Inside.de

Es sollte eine schnelle und witzige Replik werden, die sich die Hertha-Ultragruppe "Hauptstadtmafia" im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach ausgedacht hatte. Doch die Antwort auf eine große Choreografie der Gästefans, die als Exil-Gladbacher die Zuneigung zu ihrem Klub demonstrierten, war nur schnell – aber alles andere als lustig.

Über den schwulenfeindlichen Witz konnten nur wenige lachen. "Liebe mit Distanz – BMG lutscht Unions Schwanz", stand als Seitenhieb auf den Stadtrivalen 1. FC Union auf zwei riesigen Transparenten in der Ostkurve. Diese homophoben Banner bringen nicht nur Hertha als Verein in Verruf, sondern könnten auch ein gerade von den Fans erkämpftes Privileg gefährden.

Es ist selten, dass Fans etwas von einer Choreografie der gegnerischen Anhänger mitbekommen. Um so größer ist der Ansporn, darauf reagieren zu können. Ein Sport unter Fußballanhängern. Auch Gerd Eiserbeck zollte der Ultragruppe "Hauptstadtmafia" zunächst Anerkennung für die schnelle Reaktion: "Beim ersten Anblick dachte ich noch: Hut ab! Wie konnten sie so schnell reagieren?" Sein zweiter Gedanke hatte dann nichts mehr mit Respekt für die Aktion zu tun: "Dass der Scherz auf Kosten einer Gruppe geht, ist dabei schade."

Hertha-Junxx existieren seit 2001 als Fanklub

Eiserbeck ist Vorstandsvorsitzender des schwul-lesbischen Fanklubs Hertha-Junxx und sozusagen der Kollateralschaden des Angriffs aus der Ostkurve. Die Gästefans aus Mönchengladbach wurden mit diesem geschmacklosen Spruch auf das Korn genommen, getroffen wurden jedoch die eigenen Anhänger. Die Hertha-Junxx existieren als Fanklub seit 2001 und gelten als einer der ersten schwul-lesbischen Fanklubs der Bundesliga. Im Stadion sind sie mit einem eigenen Banner präsent. Darauf steht aktuell: "Schwule Fans sind Hertha als man denkt."

Schwierigkeiten mit den Berliner Anhängern nach der Gründung des Fanklubs hatte Eiserbeck kaum. Ein paar Wortwechsel am Anfang, als sie mit der Regenbogenfahne ins Stadion kamen. Sonst nichts. In der sehr männerdominierten Fußballfanszene nicht selbstverständlich. Um so mehr trifft ihn dieses Banner: "Das war das erste Mal, dass ich im Olympiastadion solch ein Transparent gesehen habe."

Erneuter Vorfall gegen Schalke

Doch auch innerhalb der Ostkurve, den gut 7500 Fans fassenden Fanblock von Hertha im Olympiastadion, stieß das Transparent nicht nur auf Zustimmung. Vor und nach dem Zeigen gab es kontroverse Diskussionen zwischen den verschiedenen Gruppierungen. "Sonst haben wir solche Sprüche nicht. Das ist einfach eine Stilfrage. Und so etwas ist nicht unser Stil", sagte Steffen Toll, Vorsitzender des Förderkreises Ostkurve, in dem sich viele Anhänger organisieren. Ein Ausrutscher, der kurzen Zeit geschuldet, erklärte er. Man habe nicht viel Zeit für eine vorherige Diskussion gehabt.

Doch schon im nächsten Spiel wurde erneut ein Banner gezeigt. Dieses Mal von wenigen Fans, die sich hinter dem Transparent versteckten. "Fuck you – Ultras Gaysenkirchen", ist darauf zu lesen. Erneut wird Homosexualität als beleidigungswürdig angesehen und werden Symbole der Schwulen- und Lesbenbewegung zur Beschimpfung benutzt. "Es gibt immer wieder welche, die Probleme mit uns Homosexuellen haben. Das ist in der Fankurve wie in der Gesellschaft", sagte Eiserbeck.

Bemühungen des Bundesligisten werden unterlaufen

Für Hertha als Verein ist der Vorgang mehr als unangenehm. Damit werden ernsthafte Bemühungen, die in den letzten Wochen und Monaten unternommen wurden, unterlaufen. Im Mai wurde der Klub öffentlichkeitswirksam mit Aufstiegskapitän Peter Niemeyer Mitglied im "Berliner Toleranzbündnis", das sich für Vielfalt und gegen Homophobie einsetzt.

Dazu gehörte Vize-Präsident Thorsten Manske zu den Erstunterzeichnern der "Berliner Erklärung" für Vielfalt im Sport, die neben ihm auch Union-Präsident Dirk Zingler unterschrieb. Aktuell ist Hertha im Gespräch mit dem Berliner Fußballverband, um die Aktion "Rote Karte für Homophobie" zu unterstützen

Für die Fans in der Ostkurve könnte es ein Nachspiel geben

Schwulenfeindliche Plakate wie gegen Schalke oder Mönchengladbach sind deshalb für den Verein inakzeptabel. Die Fanbetreuung des Klubs versucht aktuell ein klärendes Gespräch zwischen der Ultragruppierung "Hauptstadtmafia" und den "Hertha-Junxx" zu vermitteln. Der schwul-lesbische Fanklub hat seit seiner Gründung von Vereinsseite Unterstützung bei verschiedenen Aktionen erfahren. "Da können wir uns wirklich nicht beschweren", sagte Gerd Eiserbeck.

Für die Herthafans in der Ostkurve können die schwulenfeindlichen Entgleisungen noch ein Nachspiel haben. Ein gerade erst erkämpftes Privileg könnte in Gefahr geraten. Bis zu dieser Saison mussten die Fans Transparente vor Spieltagen beim Verein vorlegen. Hertha wollte somit diskriminierende Inhalte oder Sprüche, die den Klubrichtlinien widersprechen, verhindern. Auch wenn der größte Teil der Banner ohne Diskussion genehmigt wurde, ein lästiges Ritual. Seit dieser Spielzeit verzichtet die Klubführung darauf. Homophobe Transparente als Antwort auf dieses Privileg wirken da nicht vertrauensfördernd.

Fotos verbreiten sich im Internet

Auch innerhalb der Ostkurve ist man sich einig, dass diese Plakate den Fans einen Bärendienst erwiesen haben. Beim nächsten der vierteljährlichen Treffen zwischen Verein und Fanvertretern sollen die Vorkommnisse aus den beiden Heimspielen gegen Mönchengladbach und Schalke aufgearbeitet werden. Der Schaden, der dem Image von Hertha zugefügt wurde, ist jetzt schon immens. Schließlich zirkulierten die Bilder der Aktion in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter.

Dass es auch anders geht, zeigte sich im letzten Heimspiel gegen Leverkusen, bei dem auch der sich zu seiner Homosexualität bekennende Regierende Bürgermeister und Hertha-Fan Klaus Wowereit zusah. Da gab es keine schwulenfeindlichen Plakate im Stadion. Nur das Regenbogenbanner der Hertha-Junxx wehte im Wind. Wie in jedem Spiel.

Zur Startseite