Nachwuchsspieler

Hertha BSC nimmt Abschied vom Boateng-Trauma

Foto: imago/City-Press / IMAGO

Charakterlich einwandfrei und auf den ersten Blick körperlich unterlegen: Hertha hat sein Anforderungsprofil beim Nachwuchs verändert. Umsetzer der neuen Philosophie ist U23-Trainer Jörg Schwanke.

Bei Hertha kann niemand mehr die Frage hören. Trotzdem wird sie immer wieder gestellt. "Wer wird der neue Kevin Boateng?" Darin schwingt die doppelte Unterstellung mit, die Berliner hätten den goldenen Jahrgang mit Boateng, Ashkan Dejagah und Patrick Ebert verschwendet. Und gleichzeitig, dass Hertha in der Nachwuchsarbeit nichts mehr auf die Beine gestellt hätte.

Dabei wird die Abteilung seit Jahren mit drei Sternen vom DFB zertifiziert. Besser geht es nicht. In der vergangenen Saison hatte Hertha 35 Junioren-Nachwuchsspieler. Trotzdem entwickelt der Klub seinen Jugendbereich permanent weiter.

Auch U23-Trainer Jörg Schwanke (44) möchte nicht mehr über den Star vom AC Mailand reden. "Boateng ist kein Ergebnis guter Jugendarbeit, sondern ein herausragendes Talent. Ein Glücksfall." Schwanke stellt seine Tasse im Café ab und holt aus: "Das ist wie bei Mario Götze. Der hätte auch von einer Putzfrau trainiert werden können. Solche Fußballer kann man nicht produzieren."

Eine Charakterfrage

"Wir wollen mit fleißiger Arbeit aus dem einen oder anderen etwas machen. Wenn er dafür bereit ist. Wenn er die Mentalität hat und dazu Demut und Leidenschaft an den Tag legt. Dann kann ein Profi aus ihm werden." In Schwankes Stimme schwingt Entschlossenheit mit. Auf den Charakter der Spieler soll mehr geachtet werden. Eine Erkenntnis, die einer selbstkritischen Betrachtung der Nachwuchsarbeit entspringt.

"Unser Umgang war so, dass die Jungs zu schnell zufrieden waren. Man muss immer am Limit arbeiten, um oben im Profibereich anzukommen." Eine Binsenweisheit. Eigentlich. Aber die Kritik sei im Nachwuchs zu kurz gekommen.

Eltern und Berater vermitteln den Teenagern, sie seien die neuen Boateng-Brüder Kevin und Jerome. "Keiner sagt ihnen die Wahrheit. Das ist dann unser Job als Trainer. Aber wir müssen ihnen auch Lösungen präsentieren. Dann sind sie nicht geschockt, wenn sie in den Männerbereich wechseln."

Die charakterliche Einstellung steht über allem. Doch daneben änderten sich viele Stellschrauben in der Arbeit mit den Talenten. Das Nachwuchsleistungszentrum wurde aus dem Verein aus- und in die Profiabteilung eingegliedert.

Umfangreiche Leistungsanalysen

Seit Februar besitzt Hertha eine maßgeschneiderte Datenbank, in der von den Schulnoten bis hin zur Leistungsdiagnostik der Jugendspieler alles erfasst wird. Außerdem sitzen die Trainer der U23, der A- und B-Jugend mittlerweile in einem gemeinsamen Büro, tauschen sich so ständig aus.

"Dazu gibt es bei Hertha die Philosophie, dass die Nachwuchsteams nicht zwingend Meister werden müssen. Der einzelne Spieler steht im Vordergrund", sagt Schwanke. Was wie eine Plattitüde klingt, wird Realität beim Blick auf das Mannschaftsbild der U23. Allein 15 Spieler sind 18 Jahre oder jünger. "Das ist fast noch eine Jugendmannschaft", gibt der Coach nicht ohne Stolz zu.

Hertha setzt im Nachwuchs nicht mehr zwingend auf große athletische Typen. Gefragt sind die auf den ersten Blick körperlich unterlegenen Fußballer, weil sie in ihrer Ausbildung immer nach Lösungen gegen große Spieler suchen müssen. Später, wenn der physische Nachteil ausgeglichen ist, bleibt die Handlungsschnelligkeit. Beispielhaft dafür stehen die erst 17-jährigen Farid Abderrahmane, Tobias Hasse, Yanni Regäsel, Shawn Kauter oder Nils Körber.

Im Juni standen die fünf noch im Finale der B-Juniorenmeisterschaft, jetzt gehören sie zur U23. Der Trend zu jungen Jahrgängen, in denen die Altersgrenzen nicht nach oben ausgereizt werden, hat System bei den Berlinern. Die Spieler werden mehr gefordert.

Hertha will nicht ewig warten

Wenn das allerdings zwei Jahre lang nicht fruchtet, endet die Zusammenarbeit. Eine harte Linie. Hertha möchte aber nicht mehr warten, ob hoch talentierte Spieler, wie der seit dieser Saison in Ingolstadt spielende Alfredo Morales, mit 22 Jahren doch noch eine Einstellung zum Profifußball finden.

Wie es anders geht, zeigt Hany Mukhtar. Der kam als 17-Jähriger zu ersten Zweitliga-Einsätzen. Dazu wurde ein Fördertraining unter Leitung der Profitrainer organisiert. "Das ist ein riesiger Anreiz für die Jugendspieler, weil sie sich nur über Leistung dafür qualifizieren. Und sie können da wieder herausfallen, wenn sie nachlassen", sagt Schwanke.

Diese Durchlässigkeit in den Profibereich und die neue Linie in der Nachwuchsarbeit können Herthas Nische werden. Beim Geld kann der Klub nicht mit der Konkurrenz etwa aus Wolfsburg oder Hoffenheim mithalten. Aber Hertha kann talentierten Spielern Profi-Einsätze bieten. So standen vergangene Saison zehn Eigengewächse im Kader von Cheftrainer Jos Luhukay.

Talent Andrich macht Hoffnung

Das beste Argument sind deshalb für Schwanke nicht die Pokale in der Vitrine, sondern die Spieler, die sich wie Verteidiger John Brooks (20) bei den Profis etablieren. Ihm folgen könnten Anthony Syhre und Robert Andrich (beide 18). Letzterer gilt als großes Talent und war bereits im Wintertrainingslager der Profis in der Türkei dabei, verletzte sich dort aber.

Trotzdem wurde er mit einem Profivertrag ausgestattet. Der defensive Mittelfeldspieler soll nun bei der U23 seine körperlichen Defizite aufholen und dann wieder Anlauf bei den Profis nehmen. Verteidiger Syhre wurde dieses Jahr vom DFB mit der Fritz-Walter-Medaille in Bronze als herausragender Nachwuchsspieler ausgezeichnet.

"Die Auszeichnung ist toll, und ich freue mich für Tony", sagt Jörg Schwanke. "Jetzt ist die Entscheidung bei dem Spieler: Ruht er sich darauf aus, oder geht er den Weg weiter?" Der Coach weiß, dass diese DFB-Prämie keinen Automatismus auslöst.

Der Name Boateng fällt nicht

Vor fünf Jahren erhielt das viel gelobte Hertha-Talent Lennart Hartmann diese Auszeichnung. Aktuell spielt der 22-Jährige beim Viertligisten Berliner AK. Den Weg zum international anerkannten Fußballstar ging dagegen Herthas erster Preisträger von 2005 – Kevin Boateng.

Doch Schwanke erwähnt den Namen nicht noch mal. Es scheint, als ob Hertha den Ballast dieses Namens abgelegt hat. Für Schwanke ist es das Größte, wenn ein Spieler den Willen zum Profi zeigt und dafür belohnt wird: "Wenn ein Spieler im Olympiastadion für Hertha BSC aufläuft. Nicht nur einmal, sondern dauerhaft. Dann haben wir einen guten Job gemacht. Das ist die größte Belohnung."

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