29.06.12

Euro 2012

Warum das EM-Aus gegen Italien auch hausgemacht war

Das deutsche Team galt als fast unbesiegbar. Jetzt ist es an der Zeit, den kritischen Blick auf die Nationalmannschaft wieder zu schärfen.

Foto: DPA

"Der Weg ist noch lange nicht zu Ende", so wollte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach den Spielern Mut machen.

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Thomas Müller schüttelte es. Der Nationalspieler versuchte, seine Tränen unter einem Handtuch zu verbergen. Doch was bleibt schon verborgen bei einer voll ausgeleuchteten Europameisterschaft? Nichts, weder die grenzenlose Enttäuschung des Bayern-Profis noch das Verhalten einiger seiner Kollegen, das erstaunlich komplementär zu Müllers Trauer war. Warf Mats Hummels seiner Freundin tatsächlich Kusshändchen zu, die auf der Tribüne saß, noch bevor er sich bei den deutschen Fans für ihre Unterstützung bedankte? Hatte Mesut Özil tatsächlich nichts anderes im Sinn, als sein Trikot zu den Kumpels zu tragen und dort Küsschen links, Küsschen rechts zu geben?

Natürlich hat jeder Spieler seinen eigenen Umgang mit Niederlagen. Nach dem 1:2 (0:2) im EM-Halbfinale gegen Italien war allerdings erstaunlich, wie gefasst viele deutsche Spieler mit einem Ergebnis umgingen, das sich einreihen wird in die Historie der bitteren Niederlagen gegen die Südländer. Vielleicht wird sie gar zum Meilenstein eines Italien-Traumas der Deutschen ausgerufen, schließlich war es das vierte Scheitern im vierten Versuch, die Italiener in einem K.o.-Spiel zu bezwingen.

Nutzloser Weltrekord

Doch große Gefühlsausbrüche wie bei Müller blieben die Ausnahme. Während 2008 nach der Finalniederlage noch ein konsternierter Michael Ballack den Teammanager Oliver Bierhoff in den Senkel stellte, weil der ihn zu einer Ehrenrunde mit Dankesplakat hatte animieren wollen, zuckelten die Spieler diesmal mit hängenden Köpfen und überaus gesittet in die Kabine. Ähnlich brav hatte das Team vorher gegen die Italiener gewirkt.

Zwar war der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw das ehrliche Bemühen nicht abzusprechen, den ersten Titel seit 16 Jahren zu erobern. Doch Italien zeigte ihr die Grenzen auf und ernüchterte ein Team, das sich zuvor an der eigenen Stärke berauscht hatte. 15 Pflichtspiele in Folge hatte Deutschland gewonnen, das war Weltrekord und fraglos eine große Leistung. Doch was nützen makellose Qualifikationsrunden und verlustpunktfreie Gruppenphasen, wenn am Ende das große Ziel deutlich verpasst wird? Wenn zum vierten Mal hintereinander mindestens das Halbfinale einer WM oder EM erreicht wurde und trotzdem kein Titel dabei heraussprang?

Es ist im Angesicht des Ausscheidens an der Zeit, den kritischen Blick auf die Nationalmannschaft wieder zu schärfen. Kaum ein Spiel eignet sich besser dazu als die Partie gegen die Italiener, deren Mannschaft wie ein Gegenentwurf zur deutschen wirkt: voller Brüche, voller schräger Typen. Da gibt es einen Stürmer wie Mario Balotelli, der mehr Kerben im Lebenslauf hat als alle deutschen Spielern zusammen. Lachen würde der zweimalige Torschütze des Halbfinals vermutlich über einen Aufreger wie den von Jerome Boateng, der sich vor dem Abflug zur EM mit dem Model Gina-Lisa Lohfink erwischen ließ.

Oder Gianluigi Buffon, der Wettskandal-erschütterte Torwart der Italiener. Er ließ die Angriffe der Deutschen an sich abprallen. In Deutschland wäre es fraglich gewesen, ob er nach den ganzen Vorwürfen im Vorfeld überhaupt hätte mitspielen dürfen.

Typen wie Balotelli oder Buffon werden im deutschen Team vergeblich gesucht. Freundliche, hochbegabte Fußballspieler hat der Bundestrainer um sich geschart, die in guten Momenten jede Mannschaft der Welt aus den Schuhen spielen können. Die jüngste Mannschaft des Turniers stellte der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Eine, der die Zukunft gehören müsste. Doch im Konjunktiv wurde noch nie ein Titel geholt.

Sammer: Brauchen mehr Reibung

Im allgemeinen Harmoniegesang vor der EM gingen kritische Stimmen wie die des DFB-Sportdirektors Matthias Sammer oft unter. "Die Mannschaft ist der Star? Dieses Denken ist gefährlich", predigt er, der genau unter diesem Motto 1996 Europameister wurde. Eine große Gefahr sei es, so Sammer, wenn die Nachwuchsarbeit keine Typen mit Ecken und Kanten mehr hervorbringe: "Nur mit stromlinienförmigen Spielern ist kein Erfolg möglich. Es muss auch Anführer geben. Ohne Struktur und Hierarchie in einer Mannschaft ist alles nichts."

Leider scheint genau dieser Fehler Deutschland den Finaleinzug gekostet zu haben. Anführer à la Sammer wurden am Donnerstag im deutschen Team jedenfalls nicht gesichtet. Sami Khedira ist zwar auf dem besten Weg, ein Leitwolf zu werden, doch im zweiten Turnier der Karriere war seine Zeit noch nicht gekommen. Bastian Schweinsteiger kämpfte während der gesamten EM mehr mit seinem lädierten Knöchel als mit den Gegenspielern. Vor dem Halbfinale sendete er klare Signale in Richtung Bundestrainer. Sein Sprunggelenk mache ihm Sorgen, hatte er in einem Interview mit Morgenpost Online gesagt und von erheblichen Problemen berichtet. Gar einen Platz auf der Bank wollte er akzeptieren, wenn Löw das für richtig hielte. Doch der Bundestrainer stellte ihm eilig eine Stammplatzgarantie aus: "Wenn er trainieren kann, wird er spielen." So kam es – Schweinsteiger gehörte zu den schwächsten Deutschen.

Schweinsteiger im tiefen Tal

Während ein fitter Schweinsteiger zweifellos jene Führungsfigur sein kann, die dem deutschen Spiel gegen Italien fehlte, wird Kapitän Philipp Lahm es nicht mehr gelingen, sich eine Aura wie einst Michael Ballack, Oliver Kahn oder Torsten Frings zuzulegen. Bis auf sein Tor gegen Griechenland blieb auch Lahm blass bei der EM.

Blass wäre bei Lukas Podolski noch geschmeichelt. Zwar kommt er auf mittlerweile 101 Länderspiele. Doch er wirkt immer öfter wie ein Anachronismus im deutschen Spiel. Beeindruckte er früher durch gewaltige Schusskraft, scheint er heute Mühe zu haben, das schnelle Passspiel der deutschen Mannschaft mitspielen zu können. Für ihn wird sich bald zeigen, wohin sein Weg führt. Der Wechsel von der Fahrstuhlmannschaft 1. FC Köln zum FC Arsenal ist Chance und Risiko zugleich: Entwickelt er sich in London weiter, kann er zum Weltklassespieler reifen. Bleibt sein fußballerisches Repertoire beschränkt, wird er auf Sicht um seinen Platz in der Nationalmannschaft bangen müssen.

Es muss zudem die Frage gestellt werden, ob der Umgang des DFB mit seinen Nationalspielern nicht mittlerweile übertrieben ist. Wie schon in den vergangenen Jahren hat der Verband die Spieler auch in Polen abgeschottet. Wer das Teamhotel in Danzig sah, kam sich vor wie in Fort Knox: zwei Sicherheitsringe, Polizeisperren, kilometerlange abgehängte Zäune, patrouillierendes Sicherheitspersonal. Wie 2010 in Südafrika wurde die totale Abgeschiedenheit gewählt und für die Spieler eine klinisch reine und weitgehend reizfreie Umgebung geschaffen. Aus der Trutzburg drang kaum etwas heraus, und wenn, rief der DFB die große Maulwurfsuche aus, weil Aufstellungen zu früh bekannt geworden sind.

Doch jene urdeutsche Abgeklärtheit fehlte dem deutschen Team. Wurde Joachim Löw noch nach dem Viertelfinale gepriesen, weil er gegen die mauernden Griechen maßgerechte personelle Umstellungen vorgenommen hatte, so muss er sich nach dem Ausscheiden gegen Italien vorhalten lassen, sich in Taktikfragen zu devot am Gegner orientiert zu haben.

Löw hatte Toni Kroos erstmals in die Startformation beordert, offenbar mit dem Auftrag, die Kreise von Italiens Mittelfeldstar Andrea Pirlo einzuengen, was mitunter wie Manndeckung aus den 80er-Jahren aussah. Da Pirlo allerdings auf die Sonderbewachung pfiff und stur im Zentrum blieb, war der deutsche Spielgestalter Mesut Özil immer wieder gezwungen, von der überfüllten Mitte auf die Außenbahn auszuweichen – kein guter Platz für einen Taktgeber. Aus Löws geplantem Taktikcoup war ein Nachteil geworden. Und auch die Entscheidungen, Gomez für Klose zurück ins Team zu beordern und Podolski für Reus spielen zu lassen, entpuppten sich als falsch.

Der Bundestrainer ist unantastbar

Um eines klarzustellen: Löw ist und bleibt unantastbar. Er hat hervorragende Arbeit geleistet und ist der Vater einer Mannschaft, die – auch an dieser Stelle – zu Recht hoch gelobt wurde. Doch auch er hatte sich den Titelgewinn als Ziel gesetzt und wird nun analysieren müssen, warum es auch im dritten Anlauf unter seiner Führung nicht geklappt hat.

Vielleicht ist die Mannschaft schlicht ideologisch überfrachtet. Eine toreschießende Wollmilchsau wird gewünscht. Multikulti soll sie sein, aber bitte geschlossen die deutsche Hymne singen, am besten mit der Inbrunst der Italiener. Fußballerisch wenn möglich modern und offensiv spielen, aber stets mit Rückbesinnung auf die deutschen Tugenden, quasi elf grätschende Rastellis.

Irgendwie hat sie im Gezerre ihre eigene, naturgegebene Identität aus den Augen verloren. Während die Italiener spielen, was sie können, kommt die deutsche Elf daher wie ein Schweizer Taschenmesser, das alles kann – aber nichts wirklich in Perfektion. Vielleicht ist das der Ansatz, an dem Joachim Löw seine Truppe am ehesten packen kann, um sie auf das nächste Level zu hieven.

Denn bei aller Trauer über das Aus im Halbfinale wäre eine große Fußballdepression die falsche Reaktion. Das deutsche Team bleibt gesegnet mit dem wohl stärksten Kader weltweit. Wer allerdings an einen Selbstläufer glaubte und forderte, der DFB solle schon einmal seine Trophäenvitrine erweitern für all die Pokale, wird nun schweigen. Zumindest bis 2014.

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