Euro 2012
Wie deutsch-italienische Paare das Halbfinale schauen
Egal ob sie getrennt oder zusammen das Fußballspiel verfolgen, eines eint die deutsch-italienischen Paare doch: die gemeinsame Farbe Rot.
Das letzte Länderspiel Deutschland gegen Italien fand nicht im Sommer 2006 statt, sondern am 30. Juli 2011 in Casale Monferatu, zwischen Mailand und Turin. Dort heiratete der Berliner Gregor Lehmphul die Italienerin Silvia Tritto. Er musste damals "Si" und "Ja" sagen, wie das bei binationalen Ehen in Italien üblich ist. Das Thema der anschließenden Hochzeitsfeier war "Länderspiel" und alle Tische hatten die Namen der Nationalspieler beider Länder von 2006. Am Schiedsrichtertisch saß das Brautpaar Gregor und Silvia. Kurz nach Mitternacht, direkt nachdem die Hochzeitstorte angeschnitten wurde, traten die Männer in Anzügen gegeneinander an. Sie nahmen das Spiel sehr ernst. Als Silvia das merkte und es immer hitziger wurde, pfiff die Frau im weißen Hochzeitskleid ab. Ergebnis: 3:3.
Bei aller Harmonie, aber in diesem Jahr wollen Silvia und Gregor das Spiel nicht zusammen schauen. Gregor geht zu Freunden in Friedrichshain und Silvia hat sich mit ihren italienischen Freundinnen einen Tisch im Restaurant Papà Pane in Mitte bestellt. Sie wollen einfach vermeiden, dass es zu Streit kommt. "Nicht dass wir das zu wichtig nehmen", sagt Silvia, "aber es ist so einfach entspannter." Sie könne dann in Ruhe "Forza!" und "Avanti!" an den Stellen rufen, an denen sie möchte und muss sich nicht auf die Zunge beißen. Aber danach treffen sie sich ohnehin in ihrer Wohnung in Mitte – und egal, wer gewonnen hat, sie werden gratulieren und nebeneinander einschlafen.
Einen Tipp will Silvia aber auf keinen Fall abgeben für dieses Spiel. "Ich bin da abergläubisch", sagt sie. "Das mache ich lieber nicht." Gregor hingegen tippt auf ein 2:1 – auf jeden Fall einen Sieg für die Deutschen.
Das Trauma von 2006
In Berlin gibt es viele Paare wie Gregor und Silvia, die sich gerade genau diese Frage stellen: Wie gehen wir beim Fußballspiel miteinander um. Es kursieren Geschichten von Berliner Paaren, die traumatische Erinnerungen haben an das Spiel während der WM 2006, als Deutschland nur knapp nach zwei Toren in den letzten Spielsekunden verlor. Einige deutsch-italienische Paare sollen damals sogar für Wochen nicht mehr miteinander gesprochen haben.
Für Natalina Longo und Moritz Hanisch käme das nicht in Frage. Die beiden 33-Jährigen wollen das Spiel auf jeden Fall zusammen schauen. Moritz tippt auf einen deutschen Sieg – genau wie Gregor auf ein 2:1. Natalina tippt auf ein klares 2:0 und erinnert damit wieder an das letzte Spiel aus dem Jahr 2006. Dabei, so sagen die beiden lächelnd, sind die Erinnerungen an jenes Spiel bei ihnen schon sehr schwach geworden. "Ist ja auch schon wirklich lange her", sagt Moritz Hanisch, "aber so richtig gestritten haben wir nicht."
Sie waren damals schon seit zwei Jahren zusammen und wer sie fragt, bekommt unterschiedliche Antworten: "Die Italiener haben sich ins Finale geschmuggelt", sagt Moritz, "da waren einige falsche Schiedsrichterentscheidungen vorangegangen." Natalina lenkt ein: "Aber gut gespielt haben sie dann doch." Sie hätten sich noch am Abend wieder vertragen und sich daran erinnert, dass beide Flaggen eine Farbe gemeinsam haben: "Das Rot ist doch unser verbindendes Element", sagt Moritz Hanisch.
Dass sie damit so gut umgehen können, hat auch damit zu tun, dass sie sich bei einem Fußballspiel kennengelernt haben. "Wir saßen damals in meiner WG zusammen und Natalina war gerade neu in Berlin." Kurz darauf waren sie ein Paar und deshalb sind für sie solche Fußballabende auch immer ein Stück Ritual, das sie gern gemeinsam begehen. "Wenn Deutschland spielt, juble ich für sie", sagt Natalina, "und umgekehrt macht das Moritz auch so, wenn Italien spielt." Er hat für sie – genau wie Gregor Lehmphul für Silvia Tritto auch – Italienischkurse besucht und spricht ihre Sprache fließend. "Man kann auf Italienisch einfach besser streiten", sagt er. "Die Wörter sind treffender."
Im Alltag haben sie keine Probleme, die von einem Mentalitätsunterschied herrühren könnten. Klar vermisse Natalina einiges in Berlin: "Das Wetter", sagt sie, "die Mode, das Essen und natürlich meine Familie." Das sei vielleicht etwas, das Moritz nie verstehen werde, "dass Familie in Italien einfach über alles geht." Außerdem habe sie manchmal noch Probleme mit der Berliner Schnauze. "In Italien kommt man einfach anders ins Gespräch."
Nicole Werther und Alessio Maccioni hatten keine Sprachprobleme als sie einander kennengelernt haben, denn Nicole studierte damals in Italien – ausgerechnet im Jahr 2006 in Turin während der Olympischen Spiele. Für sie wird das Jahr, in dem Italien Deutschland schlug und dann Weltmeister wurde, immer das Jahr bleiben, in dem sie einander kennengelernt haben. Jetzt wohnt sie seit drei Jahren zusammen mit Alessio in Prenzlauer Berg, er hat für sie Deutsch gelernt.
Die Farben des Partners tragen
Trotzdem haben sie für diese Fußball-EM ein paar Regeln aufgestellt. Jeder muss bei einem Spiel seiner Mannschaft die Fanfarben des Partners tragen. Sie ging also in den vergangenen Wochen im Italien-Look zum Deutschlandspiel, er zu einem Italienspiel in den Deutschland-Farben. "So bleiben wir immer fair", sagt Nicole Werther, "aber ich gehe schon davon aus, dass wir das Ding mit nach Hause nehmen." Ihr Tipp: 2:1 für Deutschland.
Alessio Maccioni tippt auf 3:0 für Italien. "Die Italiener haben keine Angst vor den Deutschen", sagt er. Er arbeitet in der Pizzeria "A Magica" in Prenzlauer Berg – und auch dort sind alle auf der Seite der Deutschen, solange sie nicht gegen Italien spielen. Gebrüllt wird zünftig auf Italienisch, was Nicole Werther sehr mag: "Die Italiener gestikulieren einfach mehr", sagt sie. Schon deshalb wollte sie das Spiel unbedingt mit Alessio schauen.
Weil Nicole Werther gerade in Warschau arbeitet, hat sie zwei Tickets für das Spiel im Narodowy-Stadion organisiert. Dort werden die beiden am Donnerstagabend nebeneinander stehen, im Block D19, Reihe 29, Sitz 828 und 829. Alessio, der Italiener, wird eine schwarz-rot-goldene Blumenkette umgehängt haben, Nicole Werther auf ihrem Kopf eine Pumuckl-Perücke in Grün-Weiß-Rot. Am Ende wird einer gratulieren und irgendwann werden sie das Thema wechseln.















