21.06.12

Euro 2012

Die deutschen Jungstars schmoren auf der Bank

Trainer Löw vertröstet bislang die Nachwuchstalente Mario Götze und Marco Reus. Wohl erst bei einem Rückstand wird er sie einwechseln.

Foto: REUTERS
Germany's Klose, Kroos,  Reus  and Goetze  sit on the bench their Group B Euro 2012 soccer match against Denmark at New Lviv stadium in Lviv
Außen vor: Toni Kroos, Marco Reus und Mario Götze (v. r. n. l.)

Es gibt Gesichter, die nicht zur Traurigkeit taugen. Marco Reus zum Beispiel scheint immer zu lächeln. Ein großer Lausbube, ein Schelm. Ein Typ zum Knuddeln mit ewig zwinkernden Augen und mit seinem schräggestellten Irokesenkamm auf dem Kopf, der ihm den Spitznamen "Woodyinho" einbrachte – in Anlehnung an den frechen Comic-Specht Woody Woodpecker. Es muss schon sehr genau hingeschaut werden, um gelegentlich einen Schleier zu entdecken, der sich über Reus' Lebensfreude legt.

Dreimal bei der Europameisterschaft in der Ukraine und Polen war eine Irritation im Fröhlichkeitskontinuum des 23-Jährigen zu beobachten. Er stampft dann nicht mit den Füßen auf, ballt weder die Hände zu Fäusten noch wirft er sich auf den Boden vor Traurigkeit. Es ist nur ein leichtes Zucken der Mundwinkel, zwei um Nuancen gesenkte Augenbrauen geben dann kurze Einblicke in die enttäuschte Seele. Immer dann, wenn Bundestrainer Joachim Löw die Auswechselspieler zurück auf die Bank beordert, weil sein Wechselkontingent erschöpft ist. Dreimal musste Marco Reus unverrichteter Dinge zurücktraben, ebenso Mario Götze, Benedikt Höwedes und Ilkay Gündogan; zurück auf jene Plätze, auf denen sie auch den Anpfiff des Spieles erlebt hatten und die sie so sehr hassen.

Nein, es ist bislang nicht die Europameisterschaft der deutschen Shootingstars. Jener Überflieger, die in der Bundesliga zuletzt für ungleich mehr Furore gesorgt hatten als Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Thomas Müller. Doch die verteidigen routiniert ihre Stammplätze. Reus, Götze und Co. hingegen müssen sich in Disziplinen üben, die bislang noch nie auf ihrem Stundenplan stand: Demut und Geduld.

Torhüter mit geringen Chancen

Joachim Löw hat in den ersten beiden Partien nur 15 der 23 Spieler eingesetzt. Tim Wiese, Ron-Robert Zieler, Ilkay Gündogan, Per Mertesacker, Marco Reus, Mario Götze, Benedikt Höwedes und Marcel Schmelzer warten weiter, dass ihr Tag kommen möge. Wobei die Torhüter Wiese und Zieler die geringsten Chancen haben. Zweimal setzte der Bundestrainer auf die gleiche Startformation, erst als Jerome Boateng gesperrt ausfiel, schaffte es mit Lars Bender ein neuer Spieler in die erste Elf. Seine hochbegabten Jungspunde lässt er bisher außen vor. Keine leichte Situation, besonders für Marco Reus und Mario Götze. Bislang eilten die beiden die Karriereleiter in einem beeindruckenden Rekordtempo hinauf.

In Rekordtempo mauserten sie sich binnen kurzer Zeit von Nachwuchsspielern zu Superstars, die in ihren Mannschaften auf dem Feld den Takt angaben. Reus absolvierte in der vergangenen Saison 32 von 34 Ligaspielen für Borussia Mönchengladbach, erzielte 18 Tore und wurde von den Kollegen zum "Spieler der Saison" gewählt. Götze fiel verletzungsbedingt zwar fast die gesamte Rückrunde aus, verzauberte zuvor allerdings die Fans und gilt als größtes Talent, das der deutsche Fußball jemals hervorgebracht hat.

"Das nagt an mir"

Nun muss der Double-Sieger aus Dortmund die Spiele aus einer ungewohnten Perspektive verfolgen: von draußen. "Das nagt an mir. Gerade, wenn man weiß, dass man auch spielen könnte", sagte Götze, "ich bin mit dieser Situation unzufrieden. Ich zweifle an mir, wenn ich nicht spielen darf." Er versuche, das Beste daraus zu machen, auch das ist ein Lernprozess: "Es gibt für mich nur die Chance, mich im Training anzubieten, das tue ich, den Rest entscheidet der Trainer." Am Wichtigsten sei es, sagte Götze, dass das Team dreimal gewonnen habe. "Wir alle sind ein Team und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Es geht hier nicht um den Spieler X oder Y."

Das klingt nach Musterschüler, und Löw wird den guten Charakter seiner Jungprofis einkalkuliert haben, als er die Plätze im 23-Mann-Kader verteilte. "Für mich ist es brutal schwer, auf der Bank zu sitzen und nicht eingreifen zu können", gestand Stürmer Reus, der in der Vorbereitung gut drauf war und beim 3:5 gegen die Schweiz sein erstes Tor für Deutschland erzielen konnte. "Ich kenne es nur so, dass ich auf dem Rasen gebraucht werde. Diese Situation ist für mich total ungewohnt."

Ausgenommen von Verletzungspausen hat Götze noch nie drei komplette Spiele als Zuschauer erlebt, weder in der Jugend noch in der Bundesliga. Doch er bleibt ruhig. Der Bundestrainer weiß, dass bei einem langen Turnier von der eigenen Bank oft größere Gefahr ausgeht als von den Gegnern. Gärt es bei den Reservisten, kann das verheerende Folgen haben.

Ausraster der Ersatzspieler

Bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko bezeichnete Ersatztorwart Uli Stein Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" und die Mannschaft als "Gurkentruppe". Dafür durfte er verfrüht heimreisen. Stefan Effenberg kehrte acht Jahre später ebenso vorzeitig und unfreiwillig von der Weltmeisterschaft aus den USA zurück. Er war im Vorrundenspiel gegen Südkorea von Bundestrainer Berti Vogts nur eingewechselt worden und hatte anschließend so bescheiden gespielt, dass die Fans ihn auspfiffen.

Das wiederum veranlasste Effenberg, ihnen seinen Mittelfinger entgegenzustrecken – am Tag darauf war das Turnier für ihn beendet. Erst 1998 sollte er für zwei letzte Einsätze in die Nationalmannschaft zurückkehren. Ähnliche Eskapaden vermied Jürgen Klinsmann 2006, als er Christian Wörns erst gar nicht mit zum "Sommermärchen" nahm. Der Verteidiger hatte ihn zuvor als "link und unehrlich" beschimpft, weil der Bundestrainer ihn nicht für ein Testspiel nominiert hatte.

Ähnliches Ungemach blüht Löw von seinen Ersatzspielern nicht. Götze, Reus, Gündogan und die anderen Bankdrücker grummeln nur leise vor sich hin. Öffentlich aber entfuhr erst Toni Kroos ein Hauch von Kritik. "Ich sehe es jetzt nicht ganz so, dass wir überragenden Fußball spielen. Sieht das für Sie so aus?", hatte er nach dem zweiten Gruppenspiel einen Journalisten in der Mixedzone gefragt. So etwas hört Löw zwar nicht gern, doch gegen Dänemark wechselte er ihn zum dritten Mal in Folge ein – wenn auch erst in der 84. Minute.

Sogar Hans-Joachim Watzke, Arbeitgeber von Götze, Gündogan und demnächst auch Reus hat Verständnis für Löws Personalpolitik. Der Geschäftsführer von Meister Dortmund sagte Morgenpost Online: "Die Mannschaft hat dreimal gewonnen, da ist doch völlig klar, dass Löw auf sein Stammpersonal baut. Für die jungen Burschen ist es nun wichtig, zu lernen und Druck auf die Etablierten zu machen."

Götze und Reus wohl erneut auf der Bank

Noch gelingt es dem Bundestrainer, sein "Bankkapital" zu beschwichtigen: "Bei so einem langen Turnier ist jeder Spieler wichtig. Ich weiß, dass wir in der Hinterhand sehr gute Spieler haben". Die guten Trainingsleistungen von Reus, Götze und Co. geben ihm "das Gefühl, dass ich jederzeit Veränderungen vornehmen kann". Doch die waren bislang noch nicht vonnöten.

Weil das deutsche Team noch nie in Rückstand lag bei diesem Turnier, waren eher Einwechselspieler gefragt, die die Defensive stabilisieren als solche, die den Gegner zur Not auch mal allein aufmischen können. Ob sich das am Freitag im Viertelfinalspiel gegen Griechenland ändern wird, darf bezweifelt werden. Götze und Reus werden wohl erneut den bitteren Weg auf die Bank antreten müssen.

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