Euro 2012
Manuel Neuer weiß, dass die Deutschen es besser können
Deutschlands Torwart Manuel Neuer spricht über den bevorstehenden Gegner Griechenland und die Vermischung von Politik und Sport.
Manuel Neuer hat bisher eine fehlerfreie EM gespielt. Das wird ab jetzt noch wichtiger, denn im Play-off kann jeder Fehlgriff das Ausscheiden bedeuten. Der deutsche Nationaltorhüter sprach mit Morgenpost Online über Kritik an seiner Mannschaft, den Viertelfinalgegner am Freitag und erklärt, wie und warum er sich auf ein Elfmeterschießen gegen Griechenland vorbereitet.
Morgenpost Online: Herr Neuer, am Dienstag war ein Großteil der Mannschaft außerhalb des Teamhotels unterwegs. Wo waren Sie?
Manuel Neuer: Ich habe mich in Danzig in einem Café mit zwei alten Kumpels getroffen, mit Gerald Asamoah und Moritz Volz. Mit beiden habe ich ja noch bei Schalke zusammengespielt. Gerald ist als TV-Experte hier, da haben wir die Chance genutzt, ein bisschen zu schnacken.
Morgenpost Online: Und was sagt der Experte Asamoah über das Spiel der deutschen Mannschaft?
Manuel Neuer: Er schien ganz zufrieden. Aber er ist ja selbst noch Spieler, da hätte es mich auch überrascht, wenn er uns nach drei Siegen in drei Spielen hart kritisiert hätte.
Morgenpost Online: Andere Experten sind da weniger zimperlich. Frank Rost, Ihr Vorgänger im Tor bei Schalke, hat sogar gesagt, ihn hätte kein einziges deutsches Spiel überzeugt.
Manuel Neuer: Jeder darf sagen, was er möchte. Auch Frank Rost. Viele Ex-Spieler müssen sich nach ihrer Karriere erst mal beruflich neu orientieren. Einige werden dann Experte. Aber wir brauchen natürlich keinen Experten, der uns sagt, ob wir jetzt gut oder schlecht waren. Wir wissen selbst, wie wir spielen. Wichtig ist, dass wir dreimal gewonnen haben. Wir wissen aber auch, dass wir noch besser spielen können.
Morgenpost Online: Damit fangen Sie am besten gleich am Freitag gegen Griechenland an. Wie bereitet sich ein Torwart auf ein Spiel vor, in dem er voraussichtlich nur sehr wenig zu tun bekommt?
Manuel Neuer: Wie vor jedem Spiel treffe ich mich einen Tag vor der Partie noch mal mit Torwarttrainer Andreas Köpke und dem einen oder anderen Scout. Da besprechen wir Stärken und Schwächen der Stürmer, alle Eventualitäten und sogar ein mögliches Elfmeterschießen.
Morgenpost Online: Ein Elfmeterschießen? Gegen Griechenland?
Manuel Neuer: Natürlich gehe ich davon aus, dass wir das Spiel in 90 Minuten gewinnen. Aber davon sind die Russen in ihrem letzten Gruppenspiel auch ausgegangen. Für den Fall der Fälle muss ich mich also auch auf ein Elfmeterschießen vorbereiten.
Morgenpost Online: Sie gelten als Spezialist. Gibt es im Elfmeterschießen ein Patentrezept?
Manuel Neuer: Auf der Linie mache ich mich so groß wie möglich. Ich konzentriere mich ausschließlich auf den Schützen, beobachte ihn bis zum Schluss und reagiere erst dann.
Morgenpost Online: Bekommen Sie für jedes Spiel einen Elfmeter-Zettel, wie ihn Jens Lehmann im Viertelfinale der WM 2006 gegen Argentinien benutzt hat?
Manuel Neuer: Ich benutze nie einen Spickzettel. Vor den Spielen schaue ich mir noch mal alle möglichen Schützen in der Datenbank an. Dann speichere ich alles im Kopf ab.
Morgenpost Online: Würden Sie selbst auch wieder schießen, wie im Finale der Champions League gegen Chelsea?
Manuel Neuer: Das war eine spontane Aktion. In der Nationalmannschaft würden sich wahrscheinlich schon mehrere Schützen finden. Aber ganz ehrlich: Lieber würde ich das Spiel gegen Griechenland vor dem Elfmeterschießen gewinnen.
Morgenpost Online: Hand aufs Herz: Was kann die griechische Mannschaft außer verteidigen?
Manuel Neuer: Ich habe mehrere Spiele der Griechen im Fernsehen gesehen. Und ich muss schon sagen, dass mich besonders ihre Leidenschaft beeindruckt. Sie gehen extrem aggressiv in die Zweikämpfe. Sie sind aber nicht nur bei Kontern und langen Bällen gefährlich. Auch ihre Standards wirken gut einstudiert, da müssen wir aufpassen.
Morgenpost Online: Vor acht Jahren hat Griechenland mit Beton-Fußball den EM-Titel gewonnen. Fußball-Romantiker waren entsetzt, Pragmatiker begeistert. Und Sie?
Manuel Neuer: Als Torwart bin ich sowieso kein Fußball-Romantiker. Ich bin da eher pragmatisch. Zum Fußball gehört einfach dazu, dass es Mannschaften gibt, die in gewissen Bereichen limitiert sind. Da ist es doch legitim, wenn sie versuchen, diese Schwachstellen zu kaschieren und andere Stärken zu nutzen. Und man muss anerkennen, dass die Taktik von Griechenland bisher auch in diesem Turnier wieder aufgegangen ist.
Morgenpost Online: Das Spiel am Freitag hat in griechischen Zeitungen durch die politische Lage im Land eine besondere Bedeutung. Interessieren Sie sich für die finanzpolitische Diskussion?
Manuel Neuer: Natürlich schaue ich mir abends auch mal Tagesschau oder die Tagesthemen an und verfolge, was in Griechenland passiert. Aber ich finde es falsch, dies nun zum großen Thema vor unserem Spiel zu machen. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ein Großteil der griechischen Fans und auch der Mannschaft diese ganzen Schlagzeilen richtig einschätzen kann. Generell waren Griechen in Deutschland und Deutsche in Griechenland doch vor der Krise beliebt, viele haben dort Urlaub gemacht. Die Krise wird daran hoffentlich nichts ändern und das Spiel am Freitag auch nicht.
Morgenpost Online: Zuletzt schien Ihnen im Spiel gegen Dänemark so langweilig zu sein, dass Sie sich zu einem gewagten Ausflug auf die linke Seite hinreißen ließen. War das mutig oder tollkühn?
Manuel Neuer: Derartige Ausflüge gehören zu meinem Spiel. Man signalisiert dem Gegner damit auch, dass man da ist, dass man wach ist. Außerdem habe ich gesehen, dass Lars Bender den Dänen wahrscheinlich nicht mehr bekommen würde, deswegen musste ich raus und eingreifen. Sonst wäre der Däne im eins gegen eins auf mich zugelaufen. Hätte ich aber gesehen, dass es knapp werden würde, dann hätte ich den Ball ins Aus geschossen. Es war aber nicht knapp, deswegen habe ich versucht, den Ball gleich wieder zu Mario Gomez zu spielen.
Morgenpost Online: Was hat der Bundestrainer zu der Szene gesagt?
Manuel Neuer: Er hat jedenfalls nicht gemeckert, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger hat mir aber mal gesagt, dass er fast immer einen Herzanfall bei meinen Ausflügen bekommt. Ich hoffe, dass es diesmal nicht so schlimm für ihn war.
Morgenpost Online: EM- und WM-Turniere werden allgemein immer als eine Art Messe des Weltfußballs betrachtet. Sind Ihnen irgendwelche Entwicklungen aufgefallen?
Manuel Neuer: Der Fußball wurde bei dieser EM sicherlich nicht neu erfunden. Aber es war schon auffällig, wie eng nahezu alle Spiele waren. Das Teilnehmerfeld ist von der Leistungsstärke eher enger zusammengerückt, was auch dazu führte, dass es sehr schwer war, einem Rückstand hinterherzulaufen.
Morgenpost Online: Ist das der Grund, warum auch die deutsche Mannschaft defensiver spielt?
Manuel Neuer: Wir spielen nicht defensiver. Auch bei der WM war unsere Abwehr wichtig, das hat nur niemand so registriert. Der alte Spruch, dass die beste Offensive Spiele gewinne, die beste Defensive Meisterschaften, stimmt so ja auch nicht. Denn dann wären wir mit Bayern im vergangenen Jahr Meister geworden. In der Liga kassierten wir jedenfalls die wenigsten Gegentore. Unter dem Strich muss ganz einfach die Balance stimmen.
















