EM 2012
Tschechien jubelt, Gastgeber Polen weint
Das Vorrunden-Aus der polnischen Nationalmannschaft hat für kollektive Enttäuschung gesorgt und die Zukunft des Trainer infrage gestellt.
Nur eines konnte die polnischen Fans am Abend in Breslau übertönen. Eine knappe halbe Stunde war in der entscheidenden Vorrunden-Partie gegen Tschechien gespielt, da krachte ein gewaltiger Donnerschlag durch die bis auf den letzten Platz gefüllte EM-Arena. Über den schwarzen Himmel zuckten Blitze. Dazu goss es, als wäre das Gewitter aus Donezk, das am Vorabend für eine Unterbrechung des Duells zwischen der Ukraine und Frankreich gesorgt hatte, herübergezogen. Diesmal ließ Referee Craig Thomson weiterspielen und stürzte die Gastgeber in tiefe Trauer. Polen verlor eine dramatische Partie mit 0:1 (0:0) gegen Tschechien und ist damit ausgeschieden aus dem so lange herbeigesehnten Turnier. Die Tschechen hingegen zogen als Gruppensieger ins Viertelfinale ein und sind am Donnerstag in Warschau ein möglicher Gegner der deutschen Mannschaft.
Petr Jiracek wird dabei als der Mann in die Geschichte eingehen, der den polnischen Traum von einer erfolgreichen Heim-EM zerplatzen ließ. Der Wolfsburger Bundesliga-Profi schloss einen Konter nach Vorlage von Milan Baros überlegt zum Tor des Tages ab (72.). Die Gastgeber hingegen erstarrten förmlich vor Schock. Der Abpfiff war noch nicht verhallt, da mischte sich bei den Ersten von ihnen Tränen in den Schweiß. Kapitän Jakub Blaszczykowski sank fassungslos in sich zusammen und konnte erst durch den nachdrücklichen Einsatz seiner Team-Kollegen wieder aufgerichtet werden. Der BVB-Profi ist polnischer Kapitän und gilt als größter Patriot im Team. "Es ist wirklich schwer, das Spiel jetzt zu bewerten, wir sind alle enttäuscht. Ich möchte trotzdem unseren Fans danken, sie haben uns großartig unterstützt", fand er nur mühsam Worte für das Aus. Sein Trainer, Franciszek Smuda, ließ seine Zukunft als Trainer der Mannschaft offen: "Ich muss meine Position nicht aufgeben. Aber mein Vertrag war nur gültig bis zum Ende der EM." Doch der 63-Jährige hinterließ nicht den Eindruck, als ob er noch lange Polens Coach sein wird.
Die Voraussetzungen vor dem Anpfiff waren für die Polen fast so apokalyptisch wie das Wetter in der ersten Halbzeit. Gegen Tschechien musste endlich der erste Sieg her. Es ging um mehr als nur drei Punkte, es ging auch um mehr als den bloßen Viertelfinal-Einzug. Es ging auch um die nationale Ehre des Gastgebers, der entsprechend engagiert begann.
Gleich zweimal narrte das Außennetz die Zuschauer in der Anfangsphase. Doch sowohl der Fallrückzieher von Dariusz Dudka (2.) als auch der Freistoß von Marcin Wasilewski (6.) landeten hinter und nicht im Tor. Wenig später hätte beinahe Lewandowski einen kapitalen Fehler von Thomas Hübschmann bestraft (10.). Doch auch sein Schuss segelte ebenso vorbei am Kasten von Petr Cech, der trotz Problemen mit der Schulter spielen konnte, kurz darauf der von Mainz-Legionär Eugen Polanski (15.). Den Distanzversuch von Sebastian Boenisch parierte der Schlussmann des FC Chelsea erstklassig.
Sein Gegenüber bekam hingegen kaum Arbeit. Smuda vertraute erneut Przemyslaw Tyton, dem Held des Auftaktspiels, obwohl die etatmäßige Nummer 1 Wojciech Szczesny nach seiner Roten Karte wieder einsatzberechtigt war. Erst kurz vor der Pause musste Tyton bei einem abgefälschten Schuss von Vaclav Pilar das erste Mal eingreifen (42.). Beim Kopfball von Abwehr-Hüne Tomas Sivok rettete er sogar in höchster Not (65.).
Fans in Schockstarre
Sivoks Kopfball fiel in die Zeit, in der die Polen wie gelähmt wirkten vom Druck und von der Erwartungshaltung. Der Gedanke an ein mögliches Scheitern nahm den Aktionen viel von ihrem Schwung. Die Tschechen nutzten diese Agonie. Auf der linken Seite machte Pilar, der bereits zwei Tore bei dieser EM erzielt hat, viel Betrieb. Und gegenüber narrte Theodor Gebre Selassie seinen Gegenspieler Boenisch mehrfach.
Mit den Kräfteverhältnissen auf dem Rasen kippten auch die auf den Rängen. Während die weißgekleideten polnischen Besucher in die gleiche Schockstarre verfielen wie ihre Spieler, verwandelten die zahlreich angereisten Tschechen ihre Ecke in ein eigenes Fan-Fest. Von den polnischen Gesängen, die zuvor so infernalisch durch das Stadion gebraust waren, war kaum noch etwa zu hören. Fünf Minuten vor dem Abpfiff begann ihr Exodus. Diejenigen, die bis zum Ende ausgeharrt hatten, verabschiedeten ihre Mannschaft mit tröstendem Applaus aus dem Turnier.
Die tschechische Euphorie reichte sogar so weit, dass sie ihren alternden Star-Stürmer Milan Baros bei dessen Auswechslung mit Applaus und Sprechchören verabschiedeten. In den vorherigen beiden Partien war der 31-Jährige noch ausgebuht worden. Seine Tor-Vorlage machte aber alles vergessen. "Nach dem ersten Spiel hat uns das keiner zugetraut. Aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt", sagte Torschütze Jiracek.
















