17.06.12

EM 2012

Warum Torjäger Gomez durch Kritik immer besser wird

Tadellos, tattoolos, nichts los? Keineswegs. Morgenpost Online erklärt, wie Mario Gomez wirklich tickt.

Foto: REUTERS
Mario Gomez
Erhofft sich mehr Unterstützung: Stürmer-Star Mario Gomez

Ein Bild, wird behauptet, sagt mehr als tausend Worte. Das Bild, das seit Tagen das deutsche Gemüt bewegt, ist das von Mario Gomez – in Großaufnahme zeigt es das Gesicht des großen Torschützen nach seinem Doppelschlag gegen Holland. Aber: Warum jubelt er nicht?

Nahezu emotionslos nimmt der Vollstrecker die Glückwünsche der Kameraden entgegen. Falls er sich freut, freut er sich nach innen, aber eher kocht es da drinnen.

Den Mundwinkel verbiegt er zu einem vagen Grinsen, das man ihm auch als verächtlich auslegen könnte, und der Rest kommt vollends daher wie eine Mischung aus coolem Stolz, leiser Verbitterung, abgrundtiefer Enttäuschung und dem Gefühl der Genugtuung – und das ist es eigentlich nicht, was der Torjäger Gomez als höchstes seiner Gefühle gerne ausleben möchte.

Ein glücklicher, unglücklicher Mensch. So oder ähnlich hat schon Friedrich II. dreingeschaut, als er die Welt mit der garstigen Weisheit strafte: "Dem Manne, der die Geige baut, dankt allein der Klang."

Auch Gomez ist um eine Illusion ärmer. Da kommt er zu dieser Europameisterschaft, köpft akrobatisch die Portugiesen weg, brüllt seine Freude hinaus, könnte die Welt umarmen – "und was", fragt er sich seither, "kriegst du dafür? Tagelang auf die Fresse."

Pferde stehlen und Sauställe stürmen

Warum er sich in sich zurückzieht statt zu jubeln? Weil er sich lieber zusammenreißt, als vor Wut zu platzen. "Mario will respektiert werden", sagt Thomas Albeck. Er weiß es, denn er kennt ihn am längsten.

Er ist der Jugendboss des VfB Stuttgart, und Gomez hat dort klein angefangen als fröhlicher Bub. Introvertiert? Wenn das bei den Schwaben einer laut behauptet, wird er in die geschlossene Abteilung eingeliefert. Nein, mit diesem lustigen Mario konnte man Pferde stehlen und Sauställe stürmen, und sogar die Schweine hätten sich vor Spaß noch auf die Schenkel geklopft.

Wann immer der junge Gomez traf, hat er als Matador den "Tor-e-ro" gemacht, das Stadion hat dankbar "olé!" gebrüllt, und der Schütze hatte seine Freude – am Fußball und am Leben. Wer Genaueres wissen will, muss Raphael Schäfer fragen.

Der stand eine Zeit lang im VfB-Tor, und eines Morgens wollte ihm plötzlich alle Welt seinen Sportflitzer abkaufen, der rätselhafterweise im Internet angeboten wurde, samt Schäfers Handynummer, als spottbilliges Schnäppchen. "Da rufen dauernd Polen an", wunderte sich der Torwart, forschte nach dem Spitzbuben – doch Gomez hatte sich längst aus dem Staub gemacht.

Mein lieber Scholli!

Wo er jetzt ist, sind wieder viele Polen, aber sein offenes Lachen ist ihm weggetreten worden von Mehmet Scholl, mit gestrecktem Bein. Der kleine TV-Sachverständige bezichtigt den großen Torjäger der mannschaftsschädlichen Lauffaulheit und fragt beleidigend: "Wie lange hält eine Mannschaft das aus?" Wie lange hält Gomez das aus?

"Die Scholl-Kritik", hört man ihn sagen, "hat mich getroffen. Ich hatte gehofft, dass es Unterstützung von allen Seiten gibt. Aber das war nicht so."

Ja, der Bayern-Manager Christian Nerlinger hat gesagt: Mein lieber Scholli! Aber dem Gomez geholfen hätte womöglich auch ein Machtwort von Uli Hoeneß oder Kalle Rummenigge.

Stattdessen muss er eher lesen, dass denen neuerdings der Torjäger Edin Dzeko, einst in Wolfsburg und noch bei Manchester City aktiv, verdammt gut gefällt, und die dritte Bayernlichtgestalt, Kaiser Franz, findet gar, dass der Scholli den Gomez mit dem Holzhammer ganz schön motiviert hat. So schmal ist der Grat zwischen Rücken stärken und Rückgrat brechen.

Mario Gomez hat ein muskulöses Selbstvertrauen bis hoch auf 1,89 – aber dummerweise ist er auch nur ein Mensch und als solcher, sagt sein alter Wegbegleiter Albeck, "verletzlich".

Verhätschelter Günstling der Götter

Albeck weiß, wie Gomez tickt. Der ist ihm schon als Zehnjähriger bei einem"Tag des Talents" begegnet. Erster Eindruck: "Extrem ehrgeizig. Er wollte bei allem der Beste sein." Geschuftet habe der Bub wie ein Brunnenputzer – und doch war sich Albeck nicht sicher, was aus Gomez wird. "Ich dachte: Ein Bundesligastürmer."

Kein Großer? "Nein. Was dann kam, hat sich Mario alles hart erarbeitet."

Doch das Dumme ist, dass Gomez für viele daherkommt wie ein verhätschelter Günstling der Götter. "Mein Ansehen im Ausland ist größer als daheim", sagt er bitter.

In Albunan in Andalusien, dem Heimatort seines Vaters, haben sie ein Sträßchen nach ihm benannt, die spanische Zeitung "AS" feiert ihn als "den großen Neuner Europas", der englische Alttorjäger Alan Shearer schlägt ihn zum Ritter ("Gomez macht den Unterschied aus, deshalb wird Deutschland Europameister") – doch daheim wird das Denkmal mit deutscher Gründlichkeit weggepinkelt, noch ehe es steht.

Gomez kommt sich abwechselnd vor wie verkannt und verdammt. Wenn er wenigstens eine Glatze hätte wie Scholl, aber er hat die Haare schön. Und überhaupt: Traumvertrag, Traumfigur und auf Zuruf des Fernsehens springt er im Nadelstreifenanzug von Hugo Boss geschwind mittels Salto rückwärts vom Zehn-Meter-Brett – als er im Stabhochsprung dann auch noch 4,50 Meter überwand, fragte der Golfstar Martin Kaymer: "Was kannst du eigentlich nicht?"

Distanz zur vogelwilden Welt

In dieser schwierigen Zeit, wo immer mehr Menschen unter der gesellschaftlichen Messlatte durchspringen, ist es für den einen oder anderen ein kleiner Trost, so einen vom Glück geküssten Gomez-Adonis gelegentlich straucheln zu sehen – jedenfalls hat der mit relativ wenig Mitleid Bekanntschaft gemacht, als er bei der letzten Europameisterschaft den Ball in Wien über die Latte stolperte oder ihn später Louis van Gaal ("Was soll ich mit Gomez?") einen Kopf kürzer machte, oder jetzt Scholl. Mit Hohn und Häme wird da gegrölt, und der Gomez gegrillt.

"Der Fußball ist vogelwild geworden", bedauert er, "jeder darf heutzutage alles sagen." Zum Beispiel, dass er ein Stolperer ist und ein fauler Sack und ein abgehobener Selbstverliebter – dabei wahrt er nur die nötige Distanz zu dieser vogelwilden Welt. Aber der Fußballgott strengt sich an.

Er weiß schon, dass ein Torjäger, der so tadellos und tattoolos seine Dinger macht, am Ende belohnt gehört. Letztes Jahr hat der da oben dem Gomez im EM-Qualifikationsspiel in Wien jedenfalls zweimal den Ball aufgelegt – und hinterher hat Gomez jenen Pfosten geküsst, der ihn anno 2008 veräppelt hatte.

Der Fußballgott schickt Experten

Und dieser Tage schickt ihm der gerechte Fußballgott nun sogar erstmals Experten, die den Gomez nicht zur Sau machen – mustergültig warnt da der andere TV-Sachverständige Oliver Kahn vor dem Hintergrund der Scholl-Attacke: "Haben wir nicht einmal von Robert Enke und mehr Rücksichtnahme gesprochen?"

Womöglich wird Mario Gomez doch noch glücklich – denn er will nichts lieber als jubeln, mit ausgestreckten Armen die Sterne vom Himmel holen und der fröhliche Mario sein, den seine oberschwäbischen Unlinger tausendmal besser kennen als alle Nörgler von Welt.

EM-Special Liveticker, Fotogalerien, Hintergründe – alles über die EM unter www.morgenpost.de/em

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alle Hoffnungen ruhen auf ihr: Cascada tritt für Deutschland an
17.05.13ESC 2013
Eurovision Song Contest 2013 - Von Elfen, Buben und Dracula

Am Sonnabend tritt Cascada mit ihrem Dance-Song "Glorious" für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Malmö an. Bei den Buchmachern stehen aber Dänemark und Norwegen ganz vorn. mehr...

Anish Kapoor Press Conference
17.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonnabend

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonnabend, den 18. Mai. mehr...


Hoch hinaus: Breakdancer am Blücherplatz stimmen auf das Multi-Kulti-Fest ein
07:36Karneval der Kulturen
Kreuzberg ist bis Pfingstmontag wieder die Bühne der Welt

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Dazwischen machen viele Events Kreuzberg schön bunt. mehr...


Die Fraktionsvorsitzenden der Berliner Piraten, Andreas Baum (v.l.) und Christopher Lauer, und der Parlamentarische Geschäftsführer der Piraten, Heiko Herberg, während der Pressekonferenz im Abgeordnetenhaus in Berlin. Fraktionschef Lauer hat den Vorwurf der Vetternwirtschaft zurückgewiesen
17.05.13Verdacht der Vetternwirtschaft
Berliner Piraten liefern sich interne Schlammschlacht

Fraktionschef Christopher Lauer soll die Mutter seiner Freundin begünstigt haben. Lauer und der Fraktionsvorstand weisen das zurück - und sprechen von einer gezielten Kampagne gegen den Piraten. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote