15.06.12

EM 2012

Aus der Heimat hagelt es Häme für das holländische Team

Nach der zweiten EM-Niederlage hegen die Niederlande kaum noch Hoffnung. Der einstige Favorit und WM-Zweite zerlegt sich selbst.

Foto: DAPD

Zwietracht: Da lacht er, der Mats Hummels, während hinter ihm die Niederländer mit sich hadern. Selten dürfte eine Niederlage der gegen Deutschland so schmerzhaft gewesen sein wie diese in Charkow.

4 Bilder

Wenn es schon so weit gekommen ist, dass ein Trainer einzelne Stars in der Öffentlichkeit für die Niederlage verantwortlich macht, wenn er den branchenüblichen Pfad der Diplomatie verlässt, der sich oft in einer Aneinanderreihung beliebiger Worthülsen verliert, dann ist in etwa klar, wie es um die Gemütslage bestellt ist. Bert van Marwijk jedenfalls, Nationaltrainer der Niederlande, fand am Mittwoch zu vorgerückter Stunde deutliche Sätze, als er über das zuvor Geschehene referierte. Und das, obwohl einer wie er nun wirklich nicht als ein Schlagzeilenlieferant gilt. Diesmal aber teilte er ordentlich aus.

Mit 1:2 (0:2) hatten die Niederländer gegen Deutschland verloren. Es war die zweite Niederlage im zweiten Gruppenspiel. Als großer Titelanwärter waren sie gestartet, nichts anderes als den ersten EM-Triumph seit 1988 erwarteten sie in der Heimat von ihrer "Elftal", die sich selbst gern auch als Gewinnergeneration produziert. Und nun das: Der WM-Zweite von 2010 steht vor dem Vorrundenaus.

Das erste Tor der Deutschen, motzte van Marwijk, sei aus dem Nichts entstanden. Und seine Spitzen hätten ja gut gespielt. "Aber von der Seite", sagte er und nannte seine Flügelzange Ibrahim Afellay und Arjen Robben, "von denen kam nichts. Wenn die beiden stark gewesen wären, hätten es die Deutschen schwerer gehabt." Rums, das saß.

Robbens verkorkste Saison

Es gab diese eine Szene in der ersten Hälfte, die sinnbildlich stand für dieses Spiel. Robben hatte sich ein Duell mit Holger Badstuber geliefert und dabei eine recht unschöne Platzwunde am Kopf davon getragen. Er ließ sich tackern, spielte und blutete weiter. Aus der Ferne sah er, wie die DFB-Elf ihren ersten exzellenten Angriff vortrug: Müller, Schweinsteiger, Gomez, Tor. Danach brachte Robben nicht mehr viel zustande.

Dass er auch noch knapp zehn Minuten vor Schluss ausgewechselt wurde, dass van Marwijk ihm in der Phase, in der es um alles ging, nichts mehr zutraute, passte zu Robbens misslicher Lage. Noch vor der Partie hatte er die Nationalhymne mit einer Inbrunst geträllert, mit geschlossenen Augen, aber hoch erhobenem Kopf, als gehe es um mehr als nur ein Fußballspiel. "Es war nicht mein Abend", bekannte er hinterher. Er hätte diese Aussage auch erweitern können, von Abend auf Saison. Und im Prinzip hätte er noch etliche seiner Teamkollegen bei seiner Urteilsfindung einbeziehen müssen.

Die Generalabrechnung aus der Heimat folgte am Tag danach. "In der Bratpfanne von Charkow fiel Oranje auseinander wie ein zu lang geschmorter Braten", schrieb "De Volkskrant". "Keine Chemie, keine Spitze, keine Verteidigung, kein Mittelfeld, jedenfalls über lange Strecken des Spiels. Da ging eine Elf an Stress, an Unfähigkeit im Angriff zugrunde. An was eigentlich nicht? Deutschland war eine verbesserte Ausgabe dessen, was die Niederlande einmal waren."

Das war der allgemeine Tenor, und angesichts der historisch gepflegten Rivalität wohl auch die bitterste Erkenntnis. Noch vor zwei Jahren gewannen die Niederländer Silber bei der WM, und nun hat sie die Entwicklung überrollt. Van Marwijk hält an seiner Südafrika-Formation fest. Klaas-Jan Huntelaar, der Bundesliga-Torschützenkönig, ist außen vor. Rafael van der Vaart ebenfalls. Stattdessen darf Kapitän und Van-Marwijk-Schwiegersohn Mark van Bommel ran, der mit seinen altbackenen Auftritten bei dieser EM wie ein Relikt vergangener Zeiten erscheint. Wer die Hauptschuld an dem drohenden Aus trage, fragte das Onlineportal Nusport, "Van Marwijks Taktik" und "Mangelhafte Qualität des Teams" waren die meistgeklickten Antworten.

Dabei hatten die Niederländer am Mittwochabend überaus ansprechend begonnen, die ersten 20 Minuten gehörten ihnen. Allein Robin van Persie hatte drei gute Möglichkeiten. Doch danach? "Wir haben zwischen Abwehr und Mittelfeld zu viel Raum gelassen", sagte van Marwijk. Und überhaupt, in der Abwehr "haben wir es schlecht gemacht".

Schon zum Auftakt gegen Dänemark (0:1) hatten sie diese Mängel offenbart. Eine Innenverteidigung, die ein einziger Pass so arg in Bedrängnis bringen kann, weil ihr die Schnelligkeit, vor allem jedoch die Antizipationsfähigkeit fehlt. Und jenes große Loch zwischen ihren Offensivindividualisten und der Viererkette vermögen van Bommel und Nigel de Jong nicht auszufüllen. "Heitinga, Mathijsen, van Bommel und de Jong haben zusammen 402 Länderspiele auf dem Buckel, aber bei den Gegentoren standen sie wie Zuschauer da", urteilte das "Algemeen Dagblad".

Spott für den Trainer

Dass van Marwijk van Bommel zur Pause herausnahm – für ihn kam van der Vaart –, kommentierte "NRC Handelsblad" auch entsprechend zynisch. Eine "revolutionäre Aufstellung" sei das dann gewesen, weil zudem auch noch Huntelaar mitmachen durfte. Ob der Trainer nach diesen beiden ernüchternden Partien seine Startelf ändern werde, wurde van der Vaart im Anschluss gefragt. "Ich habe schon oft geglaubt, dass ich von Anfang an spiele, das war dann doch nicht der Fall", sagte er.

Das einzig Kuriose an dieser missratenen Lage für die Niederländer ist, dass sie noch immer die Chance aufs Weiterkommen haben. Ein Sieg im letzten Gruppenspiel am Sonntag über Portugal mit mindestens zwei Toren Vorsprung würde genügen, wenn Deutschland zeitgleich Dänemark bezwingt. "So lange es noch möglich ist, hoffen wir natürlich auch", sagte van der Vaart. Was sollte er auch anderes sagen? "Wir brauchen Deutschland", sagte er noch. Das mag für einen Niederländer ein komisches Gefühl sein.

Am Mittwoch nach dem Spiel, so erzählte es van Bommel, war Thomas Müller zum Trikottausch in der niederländischen Kabine aufgetaucht – sie schätzen sich aus gemeinsamen Zeiten beim FC Bayern. Müller jedenfalls gab seinen Konkurrenten einen Satz mit, den sie mit Wohlwollen vernommen haben werden: "Wir sollen uns keine Sorgen machen, hat er gesagt", erzählt van Bommel. "Die Deutschen werden gegen Dänemark alles versuchen, da bin ich mir sicher." Jedoch herrschen an einem niederländischen Sieg über Portugal arge Zweifel.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
U.S. President Barack Obama and First Lady Michelle wave as they board Air Force One to depart from Berlin
19.06.13Minutenprotokoll
Obama in Berlin – Bye Bye, Mr. President

US-Präsident Barack Obama, Ehefrau Michelle und die Töchter Sasha und Malia haben in Berlin ein eng getaktetes Programm absolviert. Der Tag der Obamas im Minutenprotokoll. mehr...

Dritter Gang  Königsberger Klopse, Rote Bete und Stampfkartoffel
19.06.13Abendessen
Obamas Berliner Menü - die Rezepte zum Nachkochen

Eigentlich hat Zwei-Sterne-Koch Tim Raue ein Faible für Asien – für den Empfang des US-Präsidenten und die Kanzlerin kocht er aber bodenständig. Ein Gericht ist trotzdem sehr aufwendig geraten. mehr...

Obama in Berlin
19.06.13Obama in Berlin
Michelle Obama und ihr Gespür für Mode - eine Stilkritik

Besonders Michelle Obama zieht mit ihrem Outfit die Blicke auf sich. Ihre Töchter Sasha und Malia stehen ihr da in nichts nach. Wir zeigen, wie stylish der Berlin-Ausflug der Präsidentenfamilie ist. mehr...


„Das Internet ist für uns alle Neuland“, sagte Kanzlerin Merkel in einer Pressekonferenz mit US-Präsident Obama
19.06.13Häme bei Twitter
"Die kleine Angela möchte aus #neuland abgeholt werden"

Mit einer Bemerkung über das Internet zog Kanzlerin Merkel im Netz viel Spott auf sich. In Sekundenschnelle wurde "#Neuland" zum meistdiskutierten Begriff auf Twitter in Deutschland. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
Berlin-Besuch Obamas Rede in voller Länge
Berlin-Besuch Absperrungen und Hitze am Brandenburger Tor
Deutschland-Besuch Familie Obama zu Gast in Berlin
Berlin-Besuch Obama von Bundespräsident Gauck empfangen
 
Top Bildershows mehr
US-Präsident

Barack Obama und sein Tag in Berlin

Eigenes Programm

First Lady Michelle Obama in Berlin

First Lady

Das ist die Stilikone Michelle Obama

Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote