11.06.12

Fußball-EM

Weltmeister Spanien sucht nach 1:1 gegen Italien Ausreden

Der spanischen Nationalelf gelang gegen Italien nur ein 1:1. Die Stars jammern und bemängeln den schlechten Rasen.

Foto: AFP

Die spanischen Fans heizen die Atmosphäre im Stadion an...

31 Bilder

Für Mariano Rajoy laufen die Dinge momentan einfach nicht nach Plan. In einem umstrittenen Manöver flog Spaniens Regierungschef am Sonntag zum ersten Spiel der Nationalmannschaft in Danzig ein. Die "selección" soll seine Landsleute von den wirtschaftlichen Problemen ablenken, da will er in vorderster Front dabei sein. Aber gegen ein starkes Italien reichte es für den EM-Titelverteidiger nach Toren von Cesc Fabregas und Antonio Di Natale nur zu einem 1:1 (0:0).

Immerhin, Rajoy sah ein spannendes Match, eines auf Augenhöhe. Von einem verdienten Remis sprachen die meisten Protagonisten nach dem Spiel, wobei die Spanier fast unisono eine Debatte um den Zustand des Rasens eröffneten. Dieser sei viel zu trocken gewesen, man habe die Uefa eine halbe Stunde vor Spielbeginn darauf aufmerksam gemacht, doch die habe nichts unternommen. "Wenn sie Spektakel wollen, dann müssen sie das Spielfeld wässern", schimpfte Spielmacher Xavi, "es war nicht möglich, unser schnelles Spiel zu spielen." Dem stimmte sein Teamkollege Andres Iniesta zu: "Der Platz war ein totales Desaster."

Del Bosque beginnt ohne Stürmer

Allerdings entwickelte sich auch auf vorhandenem Geläuf die bislang beste Partie bei diesem Turnier. Ihre erste interessante Wendung nahm sie dabei an der Taktiktafel. Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque entschied sich zwischen seinen Stürmern Fernando Torres, Alvaro Negredo und Fernando Llorente– für keinen der Drei. Stattdessen spielte er mit einem "falschen Neuner", einem Mittelfeldspieler in der Spitze. Es ist eine Idee, die zuletzt der FC Barcelona unter Pep Guardiola oft verfolgte, und es wurde am Sonntag von demjenigen interpretiert, der das bei den Katalanen macht, wenn Lionel Messi mal aussetzt: dem späteren Torschützen Fabregas.

Auch der spanische Stil insgesamt ist ja wesentlich vom FC Barcelona inspiriert. Nichts ist dabei so heilig wie der Ballbesitz, und darin war auch der tiefere Sinn hinter Del Bosques 4-6-0 zu sehen – die Überlegenheit in diesem Aspekt dank der zahlreichen Mittelfeldspieler auch gegen die Italiener zu gewährleisten, denn diese hatten in der Qualifikation zur EM hinter Spanien die zweithöchsten Ballbesitzwerte aufzuweisen.

Der spanische Plan ging nur teilweise auf, die Dominanz war mit 57:43 Prozent Ballbesitz zur Halbzeit längst nicht so groß wie gewohnt. Was ganz einfach daran lag, dass die Italiener einen größeren Abstand nicht zuließen.

"Wir wussten, dass dieses Italien nicht mehr das des Catenaccio ist", erklärte Xavi. "Wir wussten, dass sie nicht mehr nur defensiv spielen", sagte Iniesta. Giftig und aggressiv, mit mutigem Forechecking weit in der gegnerischen Hälfte drückte das Team von Cesare Prandelli dem Spiel seinen Stempel auf. Glänzend angeleitet von Altmeister Andrea Pirlo entwickelte sie lange die zielstrebigeren Angriffe. In der 22. Minute strich ein Flachschuss des brillant aufgelegten Antonio Cassano knapp neben das Tor. Eine Viertelstunde später setzten die Azzurri sogar ein Highlight in punkto Fußballkunst, als Claudio Marchisio eine Cassano-Flanke volley aufs Tor zog, damit freilich an Iker Casillas scheiterte. Der spanische Welttorhüter vereitelte eine Minute vor der Pause auch die beste Gelegenheit der ersten Hälfte – einen Kopfball von Thiago Motta aus gerade mal fünf Metern.

Spaniens Mittelfeld-Armada verfing sich anfangs immer wieder an den äußerst aufmerksamen italienischen Verteidigern – denn das können sie schon auch noch halbwegs. Da Taktik die Italiener immer noch als ihre ureigene Domäne betrachten, hatte sich auch Cesare Prandelli etwas Besonderes einfallen lassen. Der Trainer zog Antreiber Daniele De Rossi aus dem Mittelfeld als eine Art Libero in eine Dreier-Abwehrkette. Auch das kurioserweise eine Variante, die dem Handbuch des FC Barcelona entnommen ist, wo Sergio Busquets oft diese Rolle ausfüllt.

Doch in einer frenetischen zweiten Halbzeit war dann auch der starke De Rossi gelegentlich überfordert. Mit Wut im Bauch rannten die Spanier an, Fabregas zwang Gianluigi Buffon zu seiner ersten Parade (50.), Iniesta schlenzte minimal am langen Pfosten vorbei (51.). Auf der anderen Seite eroberte Mario Balotelli an der Seitenlinie den Ball glänzend gegen Sergio Ramos, nur um ihn dann vor dem Tor umso dilettantischer noch an den mit neuer Kurzhaarfrisur angetretenen Real-Verteidiger zu vertändeln (54.).

Danach nahm Prandelli seinen bereits verwarnten Stürmer vom Feld (57.). "Keine Strafmaßnahme" sei das aber gewesen, betonte der Trainer nach Spielende. Zumal Balotelli keinen einfachen Abend hatte. Leider war es nämlich zuvor neben Pfiffen gegen den dunkelhäutigen Italiener auch immer wieder zu einzelnen Affenlauten gekommen, wahrscheinlich aus dem spanischen Fanblock.

Für Balotelli kam Routinier Di Natale aufs Feld, und der brauchte nur eine einzige Chance. Fantastisch in Szene gesetzt von Pirlo, schlenzte er den Ball von Halblinks an Casillas vorbei ins lange Eck zur durchaus verdienten italienischen Führung (61.). Doch die Spanier reagierten im Stile eines Champions und mit einem Treffer nach bester Art des Hauses. Iniesta passte zu David Silva, der einen wundervollen No-Look-Stupser in den Strafraum spielte – in den wiederum der falsche Neuner Fabregas so perfekt hinein gestartet war, wie es ein echter Neuner nicht besser machen könnte. Sicher schob er an Italiens Torhüter Buffon vorbei zum Ausgleich ein (64.).

Torres vergibt möglichen Sieg

Aufregend und aufreibend ging es weiter. Buffon spitzelte dem dann doch noch eingewechselten Fernando Torres in einer Eins-zu-Eins-Situation gerade noch den Ball vom Fuß (75.), Di Natale setzte eine Volleyabnahme neben das Tor (77.). Torres lupfte von der Strafraumgrenze knapp über die Latte (86.), Claudio Marchisio schoss Casillas in die Arme (89.). Am Ende blieb es beim 1:1 und der Erkenntnis: Nicht nur mit Spanien ist bei dieser EM zu rechnen. Auch mit Italien.

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