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04.09.11

Nationalelf

Das Schicksal der späten Geburt bei Löws Jungstars

Nachwuchskräfte wie Andre Schürrle, Mario Götze und Sven Bender drängen in die Nationalelf. Doch ihre Positionen sind bereits exzellent besetzt.

dpa/DPA

Toni Kroos sollte gegen Österreich im defensiven Mittelfeld absichern, ...

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Ob es dem Bundestrainer einen kleinen Stich versetzt hat, als die deutsche Nationalmannschaft gegen Österreich das Tor zum 6:2 erzielte? Wenn, dann würde er es nicht zugeben, offiziell bejubelt er natürlich auch den grandiosen Schlusspunkt der Gala, die seiner Elf am Freitagabend die Qualifikation zur Europameisterschaft sicherte. Doch der Treffer von Mario Götze macht es Joachim Löw nicht leichter.

Erst in der 85. Minute hatte er den 19-Jährigen eingewechselt, die Verbannung aus der Startelf hatte für Aufsehen gesorgt. Gern hätten viele Beobachter einen Blick auf das mögliche Traumduo im deutschen Mittelfeld geworfen, doch noch hat die Verschmelzung von Götze und Özil nur im Boulevard stattgefunden. "Löw stoppt Gözil", titelte "Bild" vor dem Spiel. Nach seiner grandiosen Leistung vor einem Monat gegen Brasilien (3:2), als Löw Spielgestalter Özil geschont hatte, musste Götze zurück ins zweite Glied.

Doch der Dortmunder war gegen Österreich gerade einmal vier Minuten auf dem Platz, da schwebte er durch den Strafraum, nahm eine Flanke von Thomas Müller mit dem rechten Außenrist direkt aus der Luft und zirkelte den Ball an den Innenpfosten, von wo er über die Linien sprang. Und schon war sie wieder da, die Frage nach der Kompatibilität der beiden deutschen Mittelfeldgenies. Es wird allerdings nicht so bald geklärt werden können, ob Löw Recht hat mit seiner Prognose: "Es ist für mich ganz klar, dass die beiden zusammenspielen können. Das können sie sogar sehr gut", hatte er vor der Österreich-Partie verkündet – und dann doch Toni Kroos den Vorzug vor Götze gegeben.

Und auch Dienstag im Testspiel in Polen wird es nicht zur erhofften Kooperation im Auswahl-Mittelfeld kommen. Özil ist bereits wieder in Spanien, denn ebenso wie Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer von Bayern München soll sich Real Madrids Spielgestalter für die anstehenden Aufgaben in Liga und Champions League schonen. "Wir bei der Nationalelf können nun die Situation dazu nutzen, jüngeren Spielern eine Chance zu geben und sie zu testen", sagte Löw.

Mario Götze wird die Rolle als Nachrücker nicht gefallen. Allerdings wird er über diesen Status auch erst einmal nicht hinauskommen, obwohl er in Polen zur Startelf gehört. Joachim Löw hat betont, dass er ihn als zentralen Mittelfeldspieler sieht. Doch diese Position ist besetzt. Götze müsste schon Wunderdinge anstellen, um an Mesut Özil vorbeizukommen. Der spielt im Gegensatz zum Dortmunder bereits seit mehreren Jahren auf höchstem Niveau und ist bei Real Madrid zur festen Größe avanciert.

Sein Schicksal teilt Götze mit anderen Jungstars, die in ihren Vereinen umjubelt und bei der Nationalelf zweite Wahl sind. Leverkusens Andre Schürrle möchte auf der linken Außenbahn endlich an Lukas Podolski vorbeikommen, doch der Kölner hat seinen Stammplatz mit 91 überwiegend guten Länderspielen zementiert. Und kommt Schürrle wie am Freitag als Einwechselspieler zum Einsatz und trifft auch noch, hat Podolski vorab garantiert ebenfalls sein Tor gemacht – wie gegen Österreich.

Oder Marco Reus. Der Mönchengladbacher wurde bislang eher von seinem Körper als von den Konkurrenten am internationalen Durchbruch gehindert – vor dem Österreich-Spiel musste er zum vierten Mal verletzt absagen. So wartet der Offensivallrounder immer noch auf sein erstes Länderspiel; gegen Brasilien im August saß er 90 Minuten auf der Bank. Wen sollte Löw auch für ihn opfern? Die Positionen im offensiven Mittelfeld sind besetzt mit Stammkräften wie Podolski, Müller und Özil. Ähnlich wie Götze, Kevin Großkreutz, Cacau oder Lewis Holtby muss er sich gedulden. Gleiches gilt für Linksverteidiger Marcel Schmelzer, der Kapitän Philipp Lahm vor sich hat. Und auf der Position vor der Abwehr werden Sven Bender, Simon Rolfes und auch Toni Kroos schwer zu kämpfen haben, um Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger dauerhaft in Frage zu stellen.

Der Bundestrainer spricht von "einer wunderbaren Situation". Bis auf die beiden Stellen in der Innenverteidigung (Hummels, Badstuber, Mertesacker) und dem rechten Glied der Viererabwehrkette (Boateng, Höwedes, Träsch) ist seine Startelf fixiert, und hinter jeder Stammkraft lauert mindestens ein Mann, meistens aber mehrere Spieler, für die es noch vor wenigen Jahren sofort zu einem Platz in der ersten Elf gereicht hätte. Spieler, die in ihren Vereinen meist Schlüsselpositionen besetzen und in der Hierarchie ganz oben stehen. Diese Zuspätgekommenen der jüngeren Geschichte bei Laune zu halten, wird Löws größte Herausforderung sein in den nächsten Monaten.

Allerdings ist er nicht der erste Bundestrainer mit einem personellen Überangebot. Uwe Seeler debütierte 1954 zwar schon mit 17 für Deutschland und gilt bis heute als erster deutscher Jungstar. Doch es vergingen vier Jahre und 23 Länderspiele, von denen er 19 verpasste, ehe Sepp Herberger ihn zum Stammspieler beförderte. Mit Anpfiff der WM 1958 spielte er plötzlich und machte eine große Karriere.

Lothar Matthäus wurde trotz eines Holperstarts sogar Rekordnationalspieler. Zwischen Debüt (EM 1980) und zweitem Einsatz vergingen 17 Monate. Stammspieler wurde er erst 1983, als er Bayerns Wolfgang Dremmler allmählich verdrängte. Matthäus war ein Opfer der Machtverhältnisse, denn Paul Breitner regierte im Mittelfeld und wollte einen Wasserträger aus dem eigenen Klub – also Dremmler.

Karl-Heinz Förster debütierte mit 19 vor der WM 1978 und avancierte zum Weltklassespieler – aber erst nach dem Turnier. Helmut Schön zog den Schalker Rolf Rüssmann vor. Erst nach dem Trainerwechsel wurde Förster (81 Länderspiele) Stammkraft.

Karl-Heinz Rummenigge oder Rüdiger Abramczik lautete die Glaubensfrage vor der WM 1978. Beide waren 21 Jahre alt und Jungstars in der Bundesliga. Zunächst spielte Rummenigge Rechtsaußen, doch mit der Begnadigung von Skandalsünder Klaus Fischer kam auch dessen Flankenlieferant Abramczik in die Nationalelf. Ein Jahr lang (1977) spielte immer nur einer von beiden, dann fand Helmut Schön eine Lösung und stellte Rechtsfuß Rummenigge auf Linksaußen. Der Bayern-Star machte eine Weltkarriere, Abramczik spielte letztmals mit 23 Jahren für Deutschland.

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