24.02.13

Starkes Quartett

Hannover hat die zweitbeste Offensive der Liga

Kurz nach dem Europa-League-K.o. meldet sich Hannover 96 eindrucksvoll zurück. Fünf Tore gegen den HSV statt Gejammer über die Strapazen: Der fünfte Heimsieg in Folge war ein dickes Ausrufezeichen.

Foto: Bongarts/Getty Images
Hannover 96 v Hamburger SV - Bundesliga
Didier Ya Konan erzielte gegen den HSV das dritte und vierte Tor für 96

Das Geheimnis ihres Erfolges wurde in Witze gehüllt. Viel geschlafen, gut gegessen – als Mirko Slomka über die vergangenen Tage seiner geschundenen, aber auch glücklichen Mannschaft berichten sollte, kam er selbst ein wenig ins Schmunzeln. Der Trainer von Hannover 96 sollte nach dem umjubelten 5:1 (3:1)-Heimsieg über den Hamburger SV immer und immer wieder erklären, wie dieser neuerliche Kraftakt möglich war.

"Die Jagd auf die Europapokalplätze ist wieder eröffnet", sagte Slomka und wollte den Erfolg vor 49.000 mehrheitlich verblüfften Zuschauer als Halali im Kampf um einen Platz im europäischen Fußball verstanden wissen. Nur rund 40 Stunden nach dem K.o. in der Europa League hatte sich sein Team eindrucksvoll zurückgemeldet. Fünf Tore statt viel Gejammer über die Strapazen des Profifußballs – der fünfte Heimsieg von Hannover 96 in Folge setzte ein dickes Ausrufezeichen hinter Spieltag 23.

Sie hätten gute Gründe für einen müden Auftritt und entsprechend viele Ausreden für einen Misserfolg gehabt. Eben noch in der Europa League am Ball und unglücklich am russischen Klub Anschi Machatschkala gescheitert (1:1 nach einem 1:3 im Hinspiel). Mitten in die kurze Regenerationsphase war dazu die Meldung von der Tuberkulose-Erkrankung ihres brasilianischen Mitspielers Franca geplatzt. Anstatt in Selbstmitleid zu zerfließen oder die nicht unerhebliche Ansteckungsgefahr als Ausrede zu bemühen, hatte die Mannschaft um Kapitän Christian Schulz allerdings die Ärmel hochgekrempelt. "Von einem Kräfteverschleiß war bei uns nicht viel zu merken", sagte der routinierte Verteidiger voller Stolz.

Begünstigt durch eklatante Schwächen von Nationaltorhüter René Adler, der im Tor des Hamburger SV einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, war ein Festival schöner Tore möglich geworden. Mame Diouf per Kopfball (7. Minute), Szabolcs Huszti per Foulelfmeter (13.) sowie Didier Ya Konan (45. und 68.) und Mohammed Abdellaoue (86.) bestraften ihren Gast für eine Lethargie, die verwundert. "Am meisten ärgert mich, dass überhaupt nicht zu sehen war, dass unser Gegner noch am Donnerstag ein schweres Europa-League-Spiel hatte", sagte Thorsten Fink, der verärgerte HSV-Trainer, hinterher. "Zwischen Europa League wollen und können ist noch ein Unterschied."

Zu wenig Respekt für die 96-Offensive

Es ist und bleibt erstaunlich, wie viele Mannschaften sich immer noch in der Fußball-Bundesliga finden, die der Offensive von Hannover 96 mit zu wenig Respekt begegnen. Mit Diouf und Abdellaoue als Stürmern, die von Ya Konan und Huszti aus dem Mittelfeld assistiert werden, sind die Niedersachsen die derzeit angriffsstärkste Mannschaft nach Spitzenreiter Bayern München. Es war vor allem der verständlichen Müdigkeit von Diouf geschuldet, dass die Hamburger in der Schlussphase von noch mehr Gegentoren verschont blieb. "Fünf Tore, das tut weh. Wir haben einfach nicht gut verteidigt", sagte der HSV-Spielgestalter Rafael van der Vaart, der mit einem Strafstoß in der 13. Minute den Ehrentreffer zum zwischenzeitlichen 1:1 erzielt hatte.

Rund um van der Vaart fanden sich durchaus viele Hamburger Spieler, die große Lust am Offensivspiel verspürten. Wenn der Ball aber wieder einmal verloren war, ließ der Elan im HSV-Team ganz schnell nach. Adler sah einen Konter nach dem anderen auf sich zukommen und fühlte sich hinterher als Buhmann. Angesichts von vier Toren, die er mit verschuldet hatte, war das allerdings ein absolut berechtigter Umstand.

In der Statistik einer Partie, die den Hamburger SV um seine glänzende Ausgangsposition in der Tabelle gebracht hat, ließen sich entlarvende Werte finden. Die Fink-Elf hatte mehr Zweikämpfe gewonnen und mehr Ballbesitz sowie mehr Torschüsse für sich verbuchen können. Aber die Laufleistung der vermeintlich müden Profis von Hannover 96 – mit insgesamt rund 111 Kilometern der des HSV ebenbürtig – wurde von deutlich mehr Leidenschaft und Elan begleitet. Sie hatten die wichtigen Zweikämpfe für sich entschieden und die Fehlers ihres Herausforderers eiskalt bestraft.

Die Einsatzbereitschaft auf Seiten des Siegers war so groß, dass sich der starke Huszti bei seinem wuchtig geschossenen Elfmetertor einen Muskelfaserriss im linken Oberschenkel zuzog. Der Torjubel des ungarischen Dribbelkünstlers endete damit, dass er mit einer Trage vom Platz gebracht werden musste und nicht mehr weiterspielen konnte. Aber spätestens nach dieser Szene hätte der HSV wissen müssen, dass er einem Gegner, der bis an die Schmerzgrenze geht, besser nicht nur halbherzig entgegentritt.

"Jetzt können wir etwas für unsere Fans tun"

Husztis Verletzung vergrößert die Sorgen bei Hannover 96. Aber sein schon fast tragischer Abgang verdeutlicht, wie groß der Wille dieser Mannschaft ist, sich zum dritten Mal in Folge für die Europa League zu qualifizieren. "Die Jagd ist eröffnet. Wir können uns jetzt auf die Bundesliga konzentrieren und etwas für unsere Fans tun", sagte Slomka, der damit auch auf die problematischen Themen an seinem Arbeitsplatz anspielte.

Das Heimspiel gegen den Hamburger SV war seit Wochen ausverkauft. Zwei Tage zuvor aber hatten gerade einmal 27.500 Besucher den vermeintlichen Saisonhöhepunkt gegen Machatschkala sehen wollen – und der harte Kern unter ihnen legte sich dabei auch noch mit dem Präsidenten an. Martin Kind musste sich mit Anfeindungen und Transparenten auseinandersetzen, die "Martin – Du wirst alt" und "Kind raus" lauteten.

Kind geht mit einem harten Kurs, Stadionverboten und erhöhten Eintrittspreisen gegen Krawallmacher vor. Der Klubchef wirkt dabei mindestens so angriffslustig und entschlossen wie seine Angestellten in kurzen Hosen. "Wir wussten, dass wir gegen den HSV unseren inneren Schweinehund überwinden müssen", sagte Mittelfeldspieler Sergio da Silva Pinto, der wieder einmal in der Rolle des Abräumers, Provokateurs und Spielgestalters in Personalunion geglänzt hatte.

Der gebürtige Portugiese hatte so lange nach Herzenslust gegrätscht, gestört und geätzt, bis seinem Hamburger Pendant namens van der Vaart und dessen Kollegen auch die allerletzte Lust an der Arbeit abhanden gekommen war.

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