22.02.13

Nach Messerattacken

"Du darfst dich nie als Fan zu erkennen geben"

Die Messerattacken auf Gladbacher Fans am Rande der Partie bei Lazio Rom zeigen, dass Auswärtsspiele im Europapokal für Zuschauer hoch gefährlich sind. Angriffe auf Fans werden alltäglich.

Foto: dpa

Gefährliches Pflaster? Gladbacher Fans vor dem Spiel gegen Lazio auf der Spanischen Treppe in Rom
Gefährliches Pflaster? Gladbacher Fans vor dem Spiel gegen Lazio auf der Spanischen Treppe in Rom

Sie wollten in der Ewigen Stadt eine denkwürdige Europapokalnacht feiern. 10.000 Fans von Borussia Mönchengladbach hatten ihre Mannschaft am Donnerstag nach Rom begleitet, um nach dem 3:3 gegen Lazio im Hinspiel den Einzug ins Achtelfinale der Europa League zu feiern. Doch am Ende stand ein 0:2 (0:1) und damit das Aus. Schlimmer noch: Vor dem Anpfiff wurden drei Anhänger des Bundesligaklubs Opfer von Gewalt und mussten in Krankenhäusern ambulant behandelt werden. Nicht ausgeschlossen, dass den Italienern im laufenden Wettbewerb nun Sanktionen seitens der Uefa drohen.

Laut Polizei-Angaben war ein 50 Jahre alter Arzt auf der Milvischen Brücke vor dem Olympiastadion attackiert worden. Ein zweiter Fan, als er von seinem Hotel zum Stadion gehen wollte. Der dritte Vorfall ereignete sich am Ufer des Tiber.

Mindestens zwei der Opfer wurden mit Messern verletzt: einem Fan wurde in den Oberschenkel gestochen, einem anderen in die Wade. Roms Bürgermeister Gianni Alemanno verurteilte die Taten: "Noch einmal müssen wir an die Tifosi appellieren, die Gewalttätigen zu isolieren und ein zivileres Verhalten zu zeigen." Auch die Polizei sucht die Täter in der berüchtigten Fanszene.

Bei Lazio haben Gewalt und Intoleranz Tradition. Als einflussreichste Fangruppe dominiert "Irriducibili Lazio", eine faschistische Ultravereinigung, die Kurve. Unvergessen die Symbolik von Irriducibili-Mitglied und Fußballprofi Paolo di Canio, der die Fans vom Spielfeld aus mit dem römischen Gruß empfing. Das jüngste dunkle Kapitel wurde erst vor wenigen Wochen geschlossen.

Antisemitische Gesänge in Tottenham

Am 30. Januar verurteilte die Uefa den Klub von Nationalstürmer Miroslav Klose wegen rassistischer und antisemitischer Äußerungen seiner Fans zu einer Geldstrafe von 140.000 Euro und einem Europapokalheimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, das für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Bei der Europa-League-Partie vom 6. Dezember gegen NK Maribor waren rassistische Gesänge angestimmt worden, zwei Wochen zuvor hatte der Mob im Spiel gegen den jüdisch geprägten Klub Tottenham Hotspur "Juden Tottenham" skandiert und ein Banner mit dem Schriftzug "Freies Palästina" entrollt.

Verbale Fehltritte, denen am Vorabend tätliche Angriffe vorausgegangen waren. Etwa 30 maskierte und behelmte Gewalttäter, bewaffnet mit Messern, Schlagstöcken und Axtgriffen, überfielen englische Fans in einem Pub. Zunächst warfen sie eine CS-Gasgranate in den Innenraum, dann stürmten sie das Lokal, sieben Spurs-Fans mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Die Behörden sprachen später von einem gezielten antisemtischen Angriff verschiedener römischer Gruppierungen, darunter Ultras von AS Rom und Lazio.

Überfall in Lyon

Vor dem Zwischenrundenmatch der Spurs am Donnerstag in Lyon waren erneut Tottenham-Fans überfallen worden. Etwa 150 Anhänger feierten am Vorabend in der Lyoner Kneipe "Smoking Dog", die gleich zweimal Angriffsziel einer 50-köpfigen Gruppe maskierter Hooligans wurde. Drei Täter wurden festgenommen.

Vor allem auf internationaler Ebene sind Übergriffe von Schlägern auf Auswärtsfans wie in Rom und Lyon Normalität. Dabei finden die Auseinandersetzungen vornehmlich außerhalb des Stadions statt, wie auch Christian Schmidt weiß. "Auf den Fahrten durch Europa wird einem deutlich vor Augen geführt, dass wir in Deutschland über die beste und sicherste Infrastruktur verfügen", sagt er.

Schmidt ist Fanbeauftragter beim VfB Stuttgart, der in dieser Saison bereits bei Dynamo Moskau, Steaua Bukarest, Molde FK, FC Kopenhagen und in Genk antrat. "Wir haben erfahrene Fans, die meist wissen, was sie in den einzelnen Städten erwartet." So konnte in Bukarest den erwarteten Attacken rumänischer Hooligans mit einem eigens organisierten Shuttleservice von der Innenstadt zum Stadion ausgewichen werden.

Heimlichtuerei aus Angst vor Gewalt

In Moskau dagegen kam es nach der Partie zu vereinzelten Angriffen. "Du darfst dich nie allein bewegen und dich nicht als Fan zu erkennen geben", weiß Schmidt. Trikots werden allenfalls versteckt unter der Jacke getragen, Schals in Taschen verstaut. Viele Anhänger geben sich erst beim Betreten des Auswärtsblocks zu erkennen. Heimlichtuerei aus Angst vor Gewalt.

Auch für die Fans des VfB, nach dem 2:0-Sieg beim KRC Genk der einzige Bundesligaklub im Achtelfinale. Am 14. März steht das nächste Auswärtsspiel an – im Achtelfinale geht es nach Rom, zu Lazio. "Die Vorfälle vom Gladbach-Spiel sind noch zu frisch, als dass wir daraus jetzt schon Maßnahmen ableiten können", sagt Schmidt und klingt beinahe wie ein Trainer: "Unabhängig davon steht fest, dass Rom, und Lazio im Besonderen, ein Gegner ist, bei dem man sehr gut aufpassen muss. Wir werden uns gut vorbereiten und werden zusehen, dass wir alle sicher hin- und zurückkommen."

Ob die Schwaben im Stadio Olimpico vor Publikum spielen werden, ist noch nicht sicher. "Wir werden jetzt keinen Protest oder Ähnliches einreichen. Schließlich wurde ja kein Spieler angestochen", sagt Mönchengladbachs Vizepräsident Rainer Bonhof. Allerdings behält sich die Borussia vor, die Uefa über die Gewalttaten zu unterrichten. Damit könnte sie dem VfB einen erheblichen Vorteil bescheren.

Lazio-Präsident spielt Vorfälle herunter

Denn sollte die Uefa zu dem Schluss kommen, dass die Laziali gegen Bewährungsauflagen verstoßen hätten, würden die Römer mit der Bürde ins Achtelfinale gehen, das Heimspiel ohne Fans austragen zu müssen. "Ich glaube zwar nicht, dass die Vorfälle dem Verein zum Verhängnis werden, da sie außerhalb des Stadions lagen. Aber auch wir werden das intern diskutieren und unsere Sicherheitsbeauftragten anweisen, das Thema und mögliche Konsequenzen zu prüfen", sagt Stuttgarts Sportchef Fredi Bobic.

Lazio-Präsident Claudio Lotito spielte die Taten herunter ("Das waren Kratzer") und warnt: "Man wird sehen müssen, ob diese Vorfälle überhaupt mit der Lazio-Fangemeinde zu tun haben, oder ob es sich um isolierte Fälle handelt." Roms Bürgermeister kritisierte sogar die Gladbacher Anhänger. Diese hätten den Platz vor der Spanischen Treppe mit Bierflaschen in eine Müllhalde verwandelt: "Man muss im Umgang mit den Städten, die Fußballevents ausrichten, respektvoller sein."

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