13.02.13

Champions League

BVB als "heißester Klub Europas" gefeiert

Borussia Dortmund wird in Europa gefeiert: "Warum Klopps Kids die echten Erben von Barcelonas Thron sind". Erstmals seit dem Titel 1997 geht der BVB als Mitfavorit in die K.-o.-Runde der Königsklasse.

Von Florian Haupt und Oliver Müller
Foto: AFP
Borussia Dortmund
Champions-League-Spiele sind Festtage für Borussia Dortmund. In dieser Saison hat der BVB noch kein Spiel in der Königsklasse verloren

Rund zwei Monate sind vergangen, der Winter geht vorbei, im Fußball jedenfalls. Diese Woche wird wieder Champions League gespielt, endlich K.-o.-Runde. Eine Mannschaft, ein Klub, eine Stadt haben sich lange danach verzehrt.

Borussia Dortmund ist über diesen Winter wieder ein Stück größer geworden. Nuri Sahin kam zurück, das Herz der Meisterelf von 2011. "Ich habe gemerkt, dass ich nur hier sein will", sagte er. Viel bessere Werbung kann sich ein Klub nicht wünschen, zumal wenn sich dessen Mannschaft dann als so gewachsen herausstellt, dass das Herz von damals anderthalb Jahre später gelassen auf der Ersatzbank platziert werden kann.

Außerdem passiert sind solche Sachen wie die aktuelle Ausgabe des englischen Fußballmagazins "442". Trainer Klopp und Kompanie auf dem Cover, riesengroß. "442", so lässig wie fachkundig, ist das wohl relevanteste Fußballmagazin des Kontinents, seine Titelseite für die Kickerbranche ein ähnlich exklusives Schaufenster wie jene der "Vogue" für Models. Noch nie hatte es ein deutsches Team auf den Titel geschafft.

"Dortmund, inside Europe's hottest club"

"Dortmund, inside Europe's hottest club", verkündet das Blatt also vom Zeitschriftenstand: "Warum Klopps Kids die echten Erben von Barcelonas Thron sind." Barcelona, das ist schon eine ordentliche Kragenweite: Labor, Stilgeber und Trophäenjäger des Weltfußballs. Aber Barcelona mal beiseitegelassen, schreibt "442", so "verkörpert ein Team die Freude, die der Fußball sogar den verzweifeltsten und zynischsten Fans bringen kann. Vereint ein Team jugendlichen Überschwang mit äußerster fußballerischer Brillanz und Liebe und Respekt für die Fans mit einem gesunden, beneidenswerten Plan hinter den Kulissen".

Offenbar hat nicht nur der BVB darauf gewartet, wieder Champions League zu spielen. Sondern auch Europa darauf, wieder den BVB zu sehen.

Auf gut Westfälisch hört sich das bei Michael Zorc dann so an: "Wir spüren eine deutlich gestiegene Anerkennung unserer Leistung." Dortmunds Sportdirektor ist so ziemlich das Gegenteil von großen Lettern und noch größeren Worten: Er ist die personifizierte Nüchternheit. Aber man fragt sich schon, ob nicht auch ihm das alles manchmal etwas märchenhaft vorkommt, wenn er in seinem Büro im vierten Stock der Geschäftsstelle am Rheinlanddamm sitzt. In einem Bau, in dem noch vor acht Jahren die nackte Panik herrschte, ob dieser Klub überhaupt weiterexistieren würde.

Ohne "Finanzdoping" von Scheichs

Denn es stimmt ja: Würde Pep Guardiola zu den Bayern gehen, wenn die Bundesliga nicht plötzlich chic wäre? Und ist die Bundesliga nicht vor allem deshalb chic, weil Dortmund eine Aufstiegsgeschichte hingelegt hat, wie sie der Kontinent seit Jahrzehnten nicht gesehen hat?

Ein Klub, der sich erst gerade noch so saniert, dann ohne "Finanzdoping" von Scheichs, Oligarchen oder Konzernen binnen kurzer Zeit aus dem internationalen Niemandsland in die kontinentale Elite stürmt und dabei nicht nur Erfolg hat, sondern auch noch besonderen Fußball spielt. Der laufend junge, spannende, dennoch unprätentiöse Helden liefert wie Reus, Götze oder gerade erst wieder Ilkay Gündogan, Deutschlands neuesten Liebling.

Wenn nun mit dem Auftritt bei Schachtjor Donezk die Champions League wieder beginnt, wird auch die nächste Station dieser außergewöhnlichen Geschichte verhandelt, die bislang noch jede Saison besser wurde, seit Jürgen Klopp den BVB trainiert: Platz sechs im ersten Jahr, Platz fünf und Qualifikation für die Europa League im zweiten, Meisterschaft im dritten, nationales Double im vierten.

Im Herbst nun wurden alle Zweifel an der europäischen Eignung pulverisiert: Real Madrid geschlagen, Manchester City geschlagen, kein Spiel verloren und als Krönung ein sagenhaft-abgeklärtes 4:1 bei Ajax Amsterdam. "Wir sind einfach besser geworden", sagt Michael Zorc. Im Frühling kann die Veredelung kommen. Jetzt kann etwas ganz Großes passieren.

Zwei Spieler mit K.-o.-Runden-Erfahrung

Muss aber nicht, das sagt Zorc natürlich auch. Dass Europa den BVB als besonders heiße Nummer sieht, dass ihn Trainergranden von Alex Ferguson bis José Mourinho als definitiv titelfähig einstufen? "Ganz ehrlich", sagt Zorc: "Das interessiert uns kein My."

Dabei ist er allein derjenige beim BVB, der weiß, wie sich das anfühlen kann – ein europäischer Triumph. Aus der Mannschaft haben erst zwei Spieler überhaupt mal in einer K.-o.-Runde der Champions League auf dem Platz gestanden, der dauerverletzte Ersatzverteidiger Patrick Owomoyela (mit Werder Bremen) und Sahin voriges Jahr mit Real Madrid.

Klopp? Geschäftsführer Watzke? Waren an einer Reise wie der jetzt nach Donezk noch nie beteiligt. Wie auch, für den ganzen Klub ist es ja das erste Mal Champions-League-K.o.-Runde im laufenden Millennium. Und dann gleich Mitfavorit – auch das eine sehr seltene Geschichte im Fußball.

Zorc aber war dabei, sogar Kapitän der Mannschaft, die 1997 in München die Champions League gewann. An der Wand über seinem Besprechungstisch hängt das offizielle Teamfoto. 35 seiner 50 Lebensjahre hat Zorc beim BVB verbracht, sentimental ist er trotzdem nicht. Den 28. Mai 1997, das 3:1 im Finale gegen Juventus Turin, reflektiert er bevorzugt mit Ironie.

Maximaler Gegenentwurf

"Fast alle Spieler waren knapp um die 30 Jahre alt, ich war mit 35 der älteste. Sozusagen im Spätherbst meiner Karriere, man könnte auch sagen im Winter." Das ist schon mal der maximale Gegenentwurf zu der aktuellen, so jungen Mannschaft. Aber nicht der einzige: Die einzelnen Mitglieder jener Elf hatten auch ein etwas ausgeprägteres Sendungsbewusstsein. Da waren die 90er-Weltmeister Reuter, Kohler, Möller, Riedle.

Da war Leitwolf Sammer, der Trainer Hitzfeld permanent mit Verbesserungsvorschlägen nervte. Da waren weitgereiste Paradiesvögel wie der Brasilianer Julio Cesar und der Portugiese Paulo Sousa. Innenverteidiger Cesar brachte neben seiner bestechenden Übersicht auf dem Platz auch feinste italienische Anzüge, eine umfangreiche Sammlung edelster Herrenschuhe, rauschende Partys in seinem eigenen Restaurant und eigenmächtig verlängerte Heimaturlaube ein.

Sousa, der Stratege im Mittelfeld, trainierte nur selten mit der Mannschaft und arbeitete lieber mit einem Privattrainer, der auf Vereinskosten aus Lissabon eingeflogen wurde. "Paulo Sousa ist quasi nur in der Champions League aufgetreten. Er war unser Mann für die Highlights", sagt Zorc und schwärmt dann doch ein wenig: "Wir hatten ganz hohe individuelle Klasse."

Weiter wachsen

Genauso unterhaltsam wie der Fußball der Elf war allerdings auch ihre Streitkultur. "Extreme Verhaltensformen waren damals an der Tagesordnung", so Zorc. Der Kitt, der die alternden Diven einst zusammenhielt, war die Aussicht auf einen letzten großen Erfolg. Sowie die beachtliche Sozialkompetenz und Leidensfähigkeit ihres Trainers.

Heute würde Zorc keinem Reus und keinem Götze derartiges Auftreten durchgehen lassen. Aber heute würde auch kein Dortmunder Spieler auf die Idee kommen, sich solche Dinge herauszunehmen.

Das Denken geht in die entgegengesetzte Richtung: Es kreist um das Ganze, die Spieler sehen die Mannschaft nicht nur als Zweckgemeinschaft an. Klopps Kids eben: Das Gros der Spieler ist über Jahre miteinander gewachsen – und soll noch weiter wachsen.

Deutschlands größte Hoffnung

Bei der Wiederholung des Triumphs von 1997 sehen sie im Verein daher keine übermäßige Eile geboten. Man geht davon aus, noch mehrere Chancen auf einen internationalen Titel geboten zu bekommen. Das beruhigt, und deshalb wird auch keiner panisch, wenn Torjäger Robert Lewandowski offenbar mit dem Rivalen FC Bayern flirtet.

Mit derselben Drohkulisse konnten Sammer, Reuter und Freund ihre Gagen beim BVB einst in astronomische Höhen treiben. Heute lässt man einen Spieler eben ziehen und, wie das Beispiel Sahin zeigt, der Schaden ist dann eher auf dessen Seite.

Wo sonst gibt es schon diese Chance? "Klopps Dortmund", schreiben die neuen Fans von "442", "ist Deutschlands größte Hoffnung auf den Champions-League-Sieg." Was für eine Karriere.

Welches Team gewann als erstes die Champions League?
Frage 1 von 17
Quelle: Reuters
13.02.13 1:42 min.
Schachtjor Donezk gilt als Geheimfavorit der Champions League. Zur Mannschaft gehören zahlreiche Ausnahmetalente aus Brasilien. Der Klubbesitzer hat viel Geld investiert, um ein Spitzenteam zu formen.
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