07.02.13

Nationalmannschaft

Löws Team vollzieht den nächsten Schritt

Mit dem Sieg Deutschlands gegen Frankreich scheinen die Wunden nach dem EM-Aus endgültig zu heilen.

Von Julien Wolff
Foto: dpa

Mesut Özil und Franck Ribery kämpfen um den Ballbesitz
Mesut Özil und Franck Ribery kämpfen um den Ballbesitz

Es gibt einiges auszusetzen an der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Sie hat den Franzosen zum 50. Jubiläum des Elysee-Vertrags keinen Sieg gegönnt. Sie hat lange kein lustiges Lied mehr gesungen wie bei der Weltmeisterschaft 1990 ("Wir sind schon auf dem Brenner"). Sie hat kürzlich eine 4:0-Führung gegen Schweden verspielt, und sie hatte am Donnerstag nicht mal Zeit für eine Rundfahrt durch Paris, weil sie zurück in die Heimat flog. Eine Schande, bei der schönen Stadt. Und doch, sagt Thomas Müller und grinst, "ist nicht alles schlecht beim DFB, die Leute können beruhigt sein".

Der Mittelfeldspieler des FC Bayern hat die Kritik an der deutschen Auswahl nach dem Aus im Halbfinale der EM im Vorjahr noch vor Augen und tritt nach guten Spielen gern selbstironisch auf. Nach sehr guten besonders. Beim 2:1 (0:1) gegen Frankreich im Stade de France war Müller der Beste gewesen. Mit seinem Kulturbeutel unter dem Arm schlenderte er nach dem Abpfiff zum Mannschaftsbus. Guter Laune, aber müde. "In dem Spiel war richtig Pfeffer drin", sagte der 23-Jährige und brachte die Bedeutung des Sieges auf den Punkt: "Das war ein Ausrufezeichen." Immerhin war es der erste Erfolg in Frankreich seit 78 Jahren.

Qualität in großer Breite

Früher gab es in der Musik die Neue Deutsche Welle, die für Erstaunen sorgte. Heute ist es im Fußball die neue, alte deutsche Stärke. Die Nationalmannschaft zeigte schon lange, dass sie attraktiv und offensiv spielen kann. Doch auf die EM folgte ein Tief. Jetzt deutet vieles darauf hin, dass es überwunden ist und der nächste Schritt einsetzt, jetzt kann das Team auch dann überzeugen, wenn wichtige Spieler fehlen. Wenige Nationen besitzen einen Kader mit dieser Qualität. "Wir haben nicht nur elf, sondern 30 Spieler auf hohem Niveau", so Kapitän Philipp Lahm. Sein Klubkollege Bastian Schweinsteiger sowie Marco Reus, Mario Götze, Marcel Schmelzer von Borussia Dortmund und Routinier Miroslav Klose (Lazio Rom) hatten gesundheitsbedingt abgesagt.

Und wenn Kritiker jetzt sagen, dass es in der Partie doch um keine Punkte ging und Leistungen bei EM und WM über die Stärke einer Mannschaft entscheiden, dann lautet die Antwort: Klar, es war nur ein Länderspiel, doch eines mit Aussage. Ein Vergleich, in dem es auch wegen der politischen Situation in Europa um Prestige ging, ein Spiel, in dem die Deutschen unter Druck standen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sah von der Tribüne aus zu und war verzückt – im Gegensatz zu ihrem Sitznachbarn Francois Hollande, dem französischen Präsidenten. Da war sie endlich wieder, die Stärke der Mannschaft, die Fans und Experten in den vergangenen Monaten vermisst hatten. Und vor der Partie gezweifelt hatten: Was kann diese vermeintliche B-Elf?

Franzosen beeindruckt von den deutschen Gästen

Im Stadion war dann zu spüren, wie sehr die französischen Zuschauer beeindruckt waren von der Kraft der Gäste. Das Führungstor des sehr starken Franzosen Mathieu Valbuena brachte sie nicht aus dem Konzept (44.), Thomas Müller glich aus (51.), Sami Khedira erzielte das 2:1 nach wunderschöner Vorarbeit durch Mesut Özil (74.). Es war der erste Sieg gegen Frankreich seit 26 Jahren, der erste in dem Nachbarland seit 1935. Also ein historischer Erfolg? "Historisch nicht, aber sehr wichtig", erklärte der Dortmunder Verteidiger Mats Hummels.

Frankreichs Offensive besteht immerhin unter anderem aus Karim Benzema von Real Madrid und Bayerns Franck Ribery. Einer der spielstärksten Stars der Bundesliga. Der Ballkünstler, der 2007 von Olympique Marseille zu den Bayern wechselte und dessen Marktwert inzwischen auf 40 Millionen Euro geschätzt wird. Er wollte in "seinem" Stadion groß aufspielen – doch auch wenn er zu den besten Franzosen gehörte und alles probierte, stahl ihm Müller die Show. Er und Lahm kennen Riberys Tricks aus dem Training und hatten sich intensiv auf ihn vorbereitet. Der Franzose war beeindruckt von der Leistung der Deutschen, er klatschte nach dem Abpfiff mit seinen Klubkollegen ab. In der Bayern-Kabine dürfte er sich in den nächsten Tagen einige Sprüche anhören müssen. Auch die "L'Équipe" sprach von einer "Lektion der Deutschen".

Es war ein Aufeinandertreffen auf höchstem Niveau. Der Franck, hatte Klubkollege Müller vor der Partie gesagt, sei so gut, den könne man nie ganz ausschalten. Ihm und Philipp Lahm gelang es auch nicht immer, aber sie hielten ihn besser in Schach als viele Verteidiger europäischer Topklubs in der Champions League. "Wir waren klar die bessere Mannschaft und haben viele Sachen sehr gut gemacht, die in den vergangenen Monaten nicht so geklappt haben", lobte Bundestrainer Joachim Löw. Vor allem das Umschalten nach Ballverlusten, die Balance zwischen Defensive und Offensive und die Moral nach dem Rückstand kurz vor der Pause gefielen ihm. In der Schlussphase ließ Löw sogar Barcelona-like spielen, ohne Stürmer. Mario Gomez hatte er zuvor vom Feld beordert, weil der Mittelstürmer nach seiner Verletzung noch nicht die Kraft für 90 Minuten hatte. Nur die Nachlässigkeiten in der Schlussphase machten Löw wütend. Da fehle es noch an Cleverness.

Löw hat 2013 als Jahr der Konzentration bezeichnet. Konzentration auf die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Brasilien, Konzentration auf die Arbeit an den Schwächen, die 2012 zum EM-Aus führten, und natürlich auf die Stärken. Dazu den Konkurrenzkampf forcieren, das seien die Aufgaben für die nächsten Monate. Sich noch mehr Respekt zu erarbeiten, das ist wichtig vor einer WM, Fußball ist Kopfsache, das Selbstvertrauen entscheidet, wer Sieger und wer Verlierer wird. Das erste Länderspiel des Jahres machte deutlich, dass Löw die richtigen Schwerpunkte setzt.

Gündogan empfiehlt sich

Dortmunds Ilkay Gündogan nutzte seine Chance und präsentierte sich auf der Position vor der Abwehr als ernst zu nehmende Alternative zu dem zuletzt eher durchschnittlichen Bastian Schweinsteiger. Arsenal-Profi Per Mertesacker ist in einer Form wie gegen Frankreich ein zuverlässiger und wegen seiner Kopfballstärke bei Standards sogar torgefährlicher Innenverteidiger. Benedikt Höwedes auf der für ihn ungewohnten linken Abwehrseite ist wohl keine Dauerlösung, diese Position bleibt für Löw eine Baustelle. Herausragend war die Offensive: schnelles, oft direktes Kurzpassspiel, gute Abstimmung, mutig und kreativ. Mesut Özil und Sami Khedira haben bei Real Madrid schon viel gelernt.

Zugegeben, es gab auch weniger Positives. England-Legionär Lukas Podolski gelang in Paris kaum etwas, Stürmer Mario Gomez gar nichts. Dennoch kontrollierte die DFB-Elf das Spiel beinahe zu jedem Zeitpunkt. Weil sie technisch stark, ballsicher und auch clever ist. "Die Siegermentalität ist wieder in uns. Aber wir haben noch keinen Titel gewonnen", sagte Müller. Das lässt hoffen für die nächsten Aufgaben in der WM-Qualifikation gegen Kasachstan am 22. und 26. März.

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