03.02.13

Sky-Moderatorin

Christina Graf schreibt Fußball-TV-Geschichte

Premiere auf Sky: Die frühere Fußballspielerin Christina Graf (26) wird am Sonntag als erste Frau ein deutsches Profispiel live im TV kommentieren und dabei auch "einfach mal den Mund halten".

Von Lorenz Vossen
Foto: SKY
Schalke gegen Bremen als Übung – in der Realität wird Christina Graf vom Zweitligaspiel zwischen Regensburg und Hertha berichten
Schalke gegen Bremen als Übung – in der Realität wird Christina Graf vom Zweitligaspiel zwischen Regensburg und Hertha berichten

Als Marcel Reif schließlich ihren Namen genannt hat, bleibt Christina Graf professionell und greift auf bekanntes Fußballer-Vokabular zurück. "Geil" sei das, sie habe drei Wochen "Mega-Gas gegeben" und danke der Mannschaft von Sky für die Unterstützung. Von der Decke regnet es Lametta und in den Händen hält sie ihren Siegerpokal: einen goldenen Kopfhörer, besetzt mit Swarovski-Steinen.

"Wir suchen deine Stimme" geht dann insgesamt weniger pompös zu Ende, als man es von den anderen Castingshows dieses Landes kennt. Dabei ist das Ergebnis vom November 2012 gesellschaftlich bedeutender als "The Voice of Germany": Mit Graf wird diesen Sonntag zum ersten Mal eine Frau im deutschen Fernsehen ein Fußballspiel der Männer kommentieren.

Zweite Bundesliga, Jahn Regensburg empfängt Hertha BSC. "Sie bringt alles mit dafür: das Fachwissen und die Stimme", sagt Jury-Mitglied Reif. "Das ist kein PR-Gag", versichert Sky-Sportchef Burkhard Weber. Graf sagt: "Fußball ist mein Ding."

Im Alter von vier Jahren bringt der Vater ihr auf der Gartenterrasse im heimischen Sauerland das Kicken bei. Für den FFC Heike Rheine und den SC 07 Bad Neuenahr tritt sie später in der Bundesliga an, mal im Mittelfeld, mal in der Innenverteidigung, meistens erfolgreich. "Spielt Christina Graf bald als Profi in den USA?", unkt der "Siegerland Kurier" 2007. Doch als der Knorpel im Sprunggelenk nicht mehr mitmacht, ist die Fußballkarriere vorbei.

Dem Sport, den sie liebt "weil er verdammt emotional ist", will sie erhalten bleiben. "Ohne meine Verletzung hätte ich mich vielleicht auf Politikjournalismus konzentriert", sagt Graf, die im Sommer ihren Bachelor der Medienwissenschaften abschließen möchte. Nach diversen Praktika landet sie schließlich bei "Radio Siegen" und berichtet dort über die lokale Fußballmannschaft.

Ein unvergessener Fehler

Dann sucht Sky plötzlich eine Fußballkommentatorin und Graf ist skeptisch. Der Bezahlsender hat in den vergangenen Jahren seine Moderation zwar feminin aufgerüstet, doch Männerspiele zu kommentieren hat man – wie überall – noch keiner Frau zugetraut. "Ich wusste nicht, ob die das ernst meinen", sagt sie.

Auf Drängen ihres Umfelds bewirbt sie sich und setzt sich gegen 1200 Mitbewerberinnen durch. Als Übung muss sie die Partie Schalke 04 gegen Werder Bremen kommentieren, die Spielernamen streicht sie vorher farbig an. Ihr Kommentar: "Das machen bestimmt nur Frauen."

Gegen gängige Klischees wird Graf ankommen müssen. Wenn sie am Sonntag kommentiert, ist es auf den Tag genau 40 Jahre her, dass Carmen Thomas im "Aktuellen Sportstudio" ihr Debüt gab – und später mit ihrem "Schalke 05"-Versprecher Vorurteile für kommende Jahrzehnte lieferte. Sportreporterinnen sähen hübsch aus, hätten ansonsten aber keine Kompetenz, so hat der frühere Nationalspieler Michael Schulz es mal formuliert.

"Frauen werden im Sport immer noch schärfer beurteilt als ihre männlichen Kollegen", sagte Moderatorin Monica Lierhaus kürzlich der "FAS". Ein Experiment der Technischen Universität München belegt das. Eine Gruppe Probanden sah Ausschnitte verschiedener Fußballspiele mit identischem Kommentar, jeweils von einem Mann und einer Frau eingesprochen. Die Mehrheit war danach überzeugt, dass der männliche Kommentator weniger Fehler gemacht habe.

"Einfach mal den Mund halten"

Eine andere Studie der Uni zeigt hingegen, dass die Öffentlichkeit Kommentatorinnen durchaus begrüßt. 55,3 Prozent der befragten Männer gaben in einer Umfrage an, dass Frauen in dieser Sparte "längst überfällig" seien. Nur jeder Zehnte hielt sie für "absolut unnötig". Ein größeres Hindernis sei die Akzeptanz der männlichen Kollegen in der Redaktion, sagt Studienleiter Michael Schaffrath: "Dort werden Frauen oft als starke Konkurrenz angesehen."

Graf versucht, Bescheidenheit walten zu lassen: "Vielleicht hatte ich es sogar einfacher, weil viel mehr Männer als Frauen Fußballkommentator werden wollen", sagt sie. An der aktuellen Sexismus-Debatte will sie sich nicht beteiligen, ihren Twitter-Account nutzt sie anderweitig.

Der Vertrag bei Sky geht bis Sommer, bis dahin will sie sich auf ihren Job konzentrieren: fehlerfrei kommentieren, versuchen, etwas Ironie ins Spiel zu bringen und wenn nötig "einfach mal den Mund halten." Einem Großteil ihrer männlichen Kollegen hätte Christina Graf damit schon mal etwas voraus.

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