25.01.13

Besuch beim Weltmeister

Heinz Flohe – Geburtstag im Wachkoma

Heinz Flohe wurde 1974 mit der deutschen Mannschaft Fußball-Weltmeister. Doch seit einem Zusammenbruch 2010 liegt er im Wachkoma. Am Montag wird er 65 Jahre alt. Er wird davon nichts mitbekommen.

Von Lars Wallrodt
Foto: picture alliance / dpa

Heinz Flohe ist im Alter von 65 Jahren gestorben. 1978 wurde er mit dem 1. FC Köln Deutscher Meister. Hier präsentiert er den Fans die Meisterschale. Außerdem wurde er mit den Kölnern dreimal DFB-Pokalsieger.

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Oft fragt sich Ursula Flohe (64), warum sie ausgerechnet an den Sommerblouson gedacht hat und nicht an etwas Großes: an Liebe, Leben oder Tod zum Beispiel. Damals, vor drei Jahren, fiel ihr Mann um. Die Ärzte kämpften 40 Minuten um das Leben von Heinz Flohe, dem ehemaligen Fußballstar, er lag auf der Intensivstation.

"Und als ich ihn da liegen sah, mit all den Schläuchen und Geräten, dachte ich daran, dass der Heinz einen neuen Sommerblouson braucht. Die Ärzte hatten den alten ja zerschnitten, als sie ihn wiederbelebten. Wir wollten doch zwei Wochen später in den Urlaub nach Italien fahren", sagt Ursula Flohe und schüttelt den Kopf über die Absurdität.

Ein Pflegeheim bei Köln

Sie sitzt an einem Tisch, auf dem eine einzelne Luftschlange liegt und eine Serviette mit Blumenmuster. Neben ihr sitzt ihr Sohn Nino (42). An der Wand hängen Plastikclowns, daneben die Einladung zu einer Karnevalssitzung, draußen treiben Schneeflocken vorbei. Es ist die Zeit des Frohsinns im Rheinland, doch der Aufenthaltsraum des Pflegeheims in der Nähe von Köln bleibt aller Dekoration zum Trotz das, was er ist: ein Ort, an dem niemand gern sein möchte.

Viele schwere Schicksale sind unter diesem Dach vereint. Ursula Flohe möchte von dem ihres Mannes erzählen, das zugleich ihr eigenes Schicksal ist und das ihres Sohnes.

Ein Stockwerk höher liegt Heinz Flohe in seinem Zimmer. Er ist ein kölsches Idol, das für den 1. FC Köln 329 Bundesligaspiele machte und sich 39 Mal das Trikot der deutschen Nationalmannschaft überstreifte, unter anderem bei den Weltmeisterschaften 1974 und 1978. Seine Technik war legendär: ein Ballstreichler, der den Kölnern die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte schenkte. Deutscher Meister 1978, dreimal DFB-Pokalsieger, Fanliebling.

Flohe, ein kölsches Idol

Eine echte Type sei er gewesen, erzählen alte Weggefährten, ein Bonvivant, dessen lebensgroßer Starschnitt noch heute in der legendären Boxer-Kneipe "Klein Köln" hängt, in der sich einst die Halbwelt die Klinke in die Hand gab. Flohe war einer, der zum Spaß auch mal in der Betriebssportmannschaft der Kölner Zuhälter mitkickte, mit schweren Jungs wie "Beckers Schmal", dem "dicken Johnny" oder "Hermanns Tünn", Spitzname: "die Axt".

Einmal musste sogar der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes einschreiten, weil Flohe einem Gegenspieler androhte, ihm seine Kumpels auf den Hals zu hetzen. In seiner Freizeit brauste er bevorzugt auf schweren Motorrädern und mit langen, wehenden Haaren durch seine Heimatstadt Euskirchen.

Er spielte in der Zuhälter-Mannschaft

Am Montag wird er 65 Jahre alt. Er wird davon wohl nichts mitbekommen. Sein dünnes, graues Haar ist fein säuberlich nach hinten gekämmt, seine Bettdecke bis über die Brust hochgezogen. Er hat die Augen geöffnet, doch was er sieht, weiß niemand. Flohe hat seit jenem Tag, dem 11. Mai 2010, nicht mehr gesprochen. Er liegt im Wachkoma, und niemand weiß, wie stark sein Gehirn geschädigt ist.

Er war bei der Eröffnung des Boxgyms von Felix Sturm und schlenderte anschließend durch die Kölner Altstadt. Dann brach er zusammen. Nachdem die Ärzte ihn gerettet hatten, versetzten sie ihn in den Kälteschlaf, um das Gehirn zu entlasten. Später sollte er aus dem künstlichen Koma geweckt werden, das war der Plan. Doch bis heute ist Flohe nicht zurückgekommen.

Erst Kälteschlaf, dann Wachkoma

Wer Heinz Flohe von früher kennt, der erschrickt, wenn er ihn in seinem Bett liegen sieht. Einst war er ein Baum von einem Mann, heute ist er abgemagert, die Wangen sind eingefallen. Er wird über eine Magensonde ernährt, neben dem Bett hängen Plastikbeutel an einem Ständer. Eines Nachts hat er seine Augen geöffnet, und die Familie schöpfte kurz Hoffnung. Doch er trat nicht wieder ein ins Leben. Manchmal reagiert er auf Berührungen, manchmal auf Stimmen. Doch selbst seine Frau, die ihn fast jeden Tag besucht, weiß nicht, ob er sie wirklich wahrnimmt.

Ulla Flohe ist eine starke Frau. Hinter ihrer randlosen Brille blitzen keine Tränen, wenn sie von "Flocke" erzählt, der Liebe ihres Lebens, mit dem sie seit 1970 verheiratet ist. Sie kennt die Angst um ihn schon lange. Auch vor dem Unfall im Mai 2010 hatte ihr Mann bereits schwere Herzprobleme. Schon 1992 bekam er eine neue Herzklappe eingesetzt, doch die Operation verlief nicht gut.

Schon 1992 bekam er eine neue Herzklappe

2004 versuchten die Ärzte, ein Leck an seinem Herzen zu schließen. "Wir waren oft in der Klinik. Meist wurde sein Herz unter Narkose mit dem Defibrillator wieder angeworfen. Und dann schlug er die Augen auf und war wieder da. Nur dieses Mal nicht", sagt Ursula Flohe.

Sie erinnert sich, wie einen Monat nach dem Zusammenbruch die Weltmeisterschaft in Südafrika begann: "Ich habe gesagt: 'Heinz, du musst jetzt aufwachen, die WM fängt an'." Doch er wachte nicht auf. Seitdem wartet sie darauf, dass sich etwas ändert am Zustand ihres Mannes: "Es gibt Fälle, bei denen Wachkoma-Patienten wieder aufgewacht sind. Manchmal wünsche ich mir, dass das auch bei Heinz passiert. Aber ich habe auch Angst. Er würde schwer behindert sein. Ob er so leben möchte?" Er, der immer die Freiheit gesucht hat?

Flohe liebte die Freiheit

Natürlich ist er auch jetzt schon ein Pflegefall. Aber dass er davon wohl nichts mitbekommt, ist bei aller Tragik auch ein tröstlicher Gedanke für seine Familie. "Hilflos dazuliegen ist wohl das Schlimmste, was er sich hätte ausmalen können", sagt Ursula Flohe.

In seinem Zimmer im Pflegeheim hängen neben Trikots des 1. FC Köln und alten Fotos aus seinen Fußballertagen auch Bilder von Indianern. Alte Fotos von Häuptlingen mit Federschmuck auf dem Kopf. "Heinz hat Indianer geliebt", erzählt seine Frau, "es faszinierte ihn, wie frei sie gelebt haben. Ich glaube, so wollte er auch sein."

Ein Alphatier, ein Easy Rider

Nino Flohe nickt. Als kleiner Junge hat er fasziniert miterlebt, wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer oder Paul Breitner seinem Vater auf die Schulter klopften. Wie selbstverständlich er sich in der Profi-Glitzerwelt bewegte: "Ich habe zu ihm aufgeschaut. Er war ein Alphatier, ein Easy Rider. Er hat mich oft zum Boxen mitgenommen, zum Autorennen und zum Fußball. Es ist schwer, ihn nun dort liegen zu sehen."

Wenn er seinen Vater besucht, erzählt er ihm die letzten Neuigkeiten vom 1. FC Köln. Am Wochenende stellt er das Radio an, wenn die Fußballübertragung beginnt. "Manchmal dreht er den Kopf, als würde er zuhören", sagt Nino. Auch Ursula Flohe umsorgt ihren Heinz liebevoll. "Oft singe ich ihm etwas vor, Lieder von Peter Maffay zum Beispiel. Und ich habe in meinem Leben noch nicht so viele Kissen gekauft wie in den vergangenen drei Jahren. Ich will eben, dass es ihm gut geht. So gut wie möglich", sagt sie und lächelt.

"Ich glaube nicht, dass er so enden wollte"

Dann wird sie sehr ernst. Auch ihr Leben hat sich komplett gewandelt. Fast täglich fährt sie zum Pflegeheim. Und oft zuckt sie zusammen, wenn das Handy klingelt. Jeder Anruf kann eine schlechte Nachricht sein. Ja, sie sei dünnhäutiger geworden, sagt Ursula Flohe, aber auch kämpferischer. "Im ersten Jahr war ich hilflos, im zweiten traurig. Nun kämpfe ich darum, dass es Heinz so gut hat wie möglich."

Nur manchmal, in dunklen Stunden, denkt sie darüber nach, ob es "nicht besser gewesen wäre, wenn die Ärzte ihm nicht das Leben gerettet hätten" – damals, vor drei Jahren. "Ich bin sehr froh, dass ich ihn noch habe. Aber ich frage mich auch: Was wäre besser für ihn gewesen? Ich glaube nicht, dass er so enden wollte. So hilflos", sagt sie, und nun muss sie doch schlucken.

Viel Trost und Hilfe

Am Montag, zu seinem 65. Geburtstag, kommen bestimmt wieder viele alte Kollegen zu Besuch. Wolfgang Overath zum Beispiel oder Stephan Engels. "Das ist das Gute: Wir sind nie allein mit unserem Schicksal. Wir erfahren unglaublich viel Hilfe und Trost. Dafür sind Nino und ich unendlich dankbar", sagt Ursula Flohe.

Im vergangenen Jahr veranstalteten die alten Kollegen ein Benefizspiel für Flohe. Viele, viele kamen: Hansi Müller, Klaus Fischer, Bernard Dietz, Ewald Lienen. Nino Flohe hat später einmal ausgerechnet, dass insgesamt Spieler mit rund 15.000 Bundesligaspielen auf dem Buckel dabei waren. Noch heute ist er gerührt, wenn er davon erzählt.

"Herzlichen Glückwunsch, Schatz, du arme Socke"

Geplant ist nichts für den runden Geburtstag. Wie immer werden die Freunde und Wegbegleiter einfach vorbei kommen. Sie werden einen Kaffee im Aufenthaltsraum trinken, und ein Stockwerk darüber wird Ursula Flohe wie schon zu Weihnachten ihrem Heinz das Zimmer ein bisschen dekorieren und ihm ihre Geschenke geben. Ein Parfüm, eine Duftkerze – irgendetwas, von dem sie hofft, dass es bis zu ihm durchdringt. Dann wird sie ihm über das graue Haar streichen, ihn auf die Wange küssen und mit ihrem warmen, kölschen Akzent leise sagen: "Herzlichen Glückwunsch, Schatz, du arme Socke."

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Flohe: Weltmeister, Trainer, Invalide
  • 1948 - 1967

    Schon mit vier Jahren begann Heinz Flohe, geboren am 28. Januar 1948, in seiner Heimatstadt beim TSV Euskirchen mit dem Fußballspielen. 1965 debütierte er in der Jugendnationalmannschaft, ein Jahr später verpflichtete ihn der 1. FC Köln. In seiner ersten Spielzeit, der Saison 1966/67, kam er unter Trainer Willi Multhaupt zu 18 Einsätzen.

  • 1968 - 1977

    1968 gewann er mit den Kölnern den DFB-Pokal, was ihm auch 1977 und 1978 gelang. 1970 setzte ihn Bundestrainer Helmut Schön erstmals in der Nationalmannschaft ein, wo er insgesamt zu 39 Einsätzen kam. Er nahm an den Weltmeisterschaften 1974 und 1978 sowie an der Europameisterschaft 1976 teil. Er schoss sieben Tore im DFB-Trikot.

  • 1978 - 1980

    Für den 1. FC Köln absolvierte er 329 Bundesligaspiele, dabei erzielte er 77 Treffer. 1978 wurde er mit dem Klub Deutscher Meister. Ein Jahr später wechselte er zum TSV 1860 München. Kein glücklicher Wechsel: Am 1. Dezember 1979 erlitt Flohe durch ein Foul von Paul Steiner (MSV Duisburg) einen komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch, bei dem auch die Nervenbahnen geschädigt wurden und unter dessen Folgen er lange litt. Dieses Foul beendete die Spielerkarriere von Flohe. Er verklagte Steiner anschließend wegen des Fouls, scheiterte aber vor Gericht, weil seinem Gegenspieler keine Absicht nachgewiesen werden konnte.

  • 1980 - heute

    Nach seiner Laufbahn versuchte sich Flohe als Trainer, unter anderem war er Assistent bei den Amateuren und Profis des 1. FC Köln. Zuletzt war er für den Landesligisten TSC Euskirchen in der Saison 2009/10 als Scout tätig. Am 11. Mai 2010 erlitt Flohe in Köln einen Schwächeanfall. Zwar gelang es den Ärzten, ihn zu reanimieren, doch wegen des Sauerstoffmangels war das Gehirn bereits irreparabel geschädigt. Flohe fiel ins Wachkoma und lebt heute in einem Pflegeheim in der Nähe von Köln.

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