24.01.13

US-Militär

Frauen stürmen eine der letzten Männerdomänen

Seit dem amerikanischen Bürgerkrieg dienen Frauen im Militär. Jetzt sollen sie die volle Gleichberechtigung mit ihren männlichen Kameraden bekommen. Erste Reaktionen sind zustimmend.

Foto: Reuters

Eine US-Soldatin mit Kameraden im afghanischen Kandahar
Eine US-Soldatin mit Kameraden im afghanischen Kandahar

Die Stürmung einer der letzten männlichen Domänen erfolgte in Einzelmanövern: Als US-Verteidigungsminister Leon A. Panetta und Generalstabschef Martin E. Dempsey am Donnerstag ankündigten, dass Frauen künftig auch in Kampfeinsätzen zugelassen werden sollen, folgten sie einem Kurs, der vor geraumer Zeit mit kleinen Schritten eingeleitet worden war. Zeitpunkt und Umfang des Vorstoßes überraschten gleichwohl sicherheitspolitische Experten in Washington.

Der scheidende Pentagonchef Panetta will eine Vorschrift aus dem Jahr 1994 aufheben, die Frauen vom permanenten Dienst in Artillerie-, Infanterie-, Panzer- und Spezialeinheiten ausschließt. Insgesamt geht es um etwa 230.000 bislang für Männer reservierte Positionen.

Die förmliche Zustimmung des Kongresses ist für eine entsprechende Änderung der Einsatzvorschriften nicht nötig. Zwar könnten Senatoren und Abgeordnete durch ein Gesetz gegenläufigen Inhalts eine solche Pentagon-Verfügung unwirksam machen. Aber erste zustimmende Reaktionen aus dem Lager von Demokraten wie Republikanern lassen nicht mit massiven Einsprüchen der Politik rechnen. In der Praxis des Truppenalltags dürfte es hingegen noch intensive Debatten und Umsetzungsprobleme geben.

Bauschende Röcke im Lazarett

Einzelne Frauen dienten bereits im Bürgerkrieg und in den Weltkriegen. Aber noch während des Vietnamkrieges wurden sie vor allem als Sanitäter in Lazaretten eingesetzt, trugen bauschende Röcke und wurden an Waffen gar nicht erst ausgebildet. Die Rolle der Soldatinnen wurde danach schrittweise aufgewertet. Vor einem Jahr schließlich ließ das Pentagon die Verwendung von Frauen in rund 14.000 "Kampfpositionen" zu.

Soldatinnen, die gegenwärtig knapp 15 Prozent der US-Streitkräfte stellen, dürfen laut der im Februar 2012 verfügten Entscheidung "permanent" Bataillonen zugeteilt werden, die an der Front kämpfen. Dort können Soldatinnen seitdem als Funkerinnen, Panzermechanikerinnen oder Medizinerinnen dienen. Das war zwar auch zuvor schon häufige Praxis. Aber bis zu dieser Verfügung waren die Frauen formal nur "befristet" derartigen Einheiten zugeordnet. Zudem erlaubte der Erlass aus dem vorigen Jahr nicht den regulären Kampfeinsatz von Frauen in Artillerie-, Infanterie- und Panzer- sowie Spezialeinheiten. Damit blieb etwa ein Fünftel der Verwendungen für Soldatinnen gesperrt.

Dieser Bann basierte auf einer Anordnung des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 1994, nach der Frauen von Verwendungen ausgeschlossen blieben, die körperliche Fähigkeiten verlangen, "die die große Mehrheit von Frauen nicht erfüllen können". Darum dürfen Frauen als Piloten von Jagdflugzeugen zwar Angriffe fliegen. Aber Infanteriepatrouillen blieben bislang für sie tabu. Die dort eingesetzten männlichen Soldaten müssen oft eine Ausrüstung mit einem Gesamtgewicht von 45 Kilogramm (100 US-Pfund) schleppen und entsprechend ihrer Ausbildung in der Lage sein, einen verwundeten Kameraden ohne Hilfe von einem Schlachtfeld wegzutragen.

110 tote Soldatinnen im Irak

Es bleibt abzuwarten, ob diese Vorschriften für Ausbildung und Einsatz nun ebenfalls geändert werden. Die Befürworter eines gleichberechtigten Einsatzes von Frauen in allen militärischen Verwendungen haben immer wieder argumentiert, in der Realität des Krieges seien die klaren Trennlinien zwischen gefährlicher "Front" und vergleichsweiser sicherer "Etappe" im Hinterland längst aufgehoben. Verwiesen wird auf Soldatinnen, deren Einheiten im Rahmen eines Konvois etwa im vor einem Jahr beendeten Irak-Krieg oder gegenwärtig in Afghanistan unter Feuer kamen. Im Irak starben 110 US-Soldatinnen, in Afghanistan bislang 30.

Der Aufstieg in militärische Spitzenpositionen hängt in der Praxis von Verwendungen und Bewährungen in Kampfeinsätzen ab. Darum haben Soldatinnen faktisch wesentlich geringere Karrieremöglichkeiten als ihre männlichen Kollegen. Auch bestimmte Zulagen für Truppen in Kampfeinsätzen und für Spezialkräfte bleiben ihnen vorbehalten.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund appellierte Generalstabschef Dempsey am 9.Januar an Minister Panetta, das Verwendungsverbot für Frauen aufzuheben. In einem Brief, aus dem die "New York Times" zitiert, schrieb der General, die Inspekteure aller Truppengattungen stimmten überein, "dass die Zeit gekommen ist, die Vorschrift aufzuheben, die Frauen von direkten Kampfhandlungen auszuschließen und alle unnötigen geschlechtsspezifischen Grenzen des Dienstes im Militär zu eliminieren".

Dass dieser Vorstoß mithin aus der militärischen Führung kam und nicht von der Politik vorgegeben wurde, gilt als wichtige Voraussetzung, um in der Truppe Akzeptanz zu finden für die künftige Praxis der militärischen Gleichberechtigung. Präsident Barack Obama hatte erst am Montag in seiner Inaugurationsrede eine faktische Gleichstellung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt gefordert. Der Vorstoß Panettas, der das Pentagon in den kommenden Wochen verlassen wird, erfolgte aber offenkundig unabhängig von Obamas Agenda.

Andere Länder haben keinerlei Einschränkungen

Kritiker des Einsatzes von Soldatinnen in vorderster Front führen vor allem die mögliche Untergrabung der Kampfmoral an. Verwiesen wird auf Erfahrungen aus der israelischen Armee, nach denen männliche Soldaten sich sofort um verletzte Kameradinnen kümmerten und ihren eigentlichen Befehl vernachlässigten. Allerdings könnte sich der Umgang mit männlichen und weiblichen Verletzten innerhalb der Truppe angleichen, wenn Soldatinnen in größerer Zahl eingesetzt werden. Bisher bannt selbst die israelische Armee, die Frauen seit Jahrzehnten auch an der Front einsetzt, Soldatinnen von etwa zwölf Prozent der Aufgaben in Kampfeinsätzen.

Andere Länder wie Japan, Österreich oder die Schweiz haben keinerlei Auflagen und Einschränkungen für den militärischen Einsatz von Soldatinnen. Doch allen diesen Ländern fehlt auch seit langer Zeit jegliche Kriegspraxis.

Auch in der Bundeswehr können Frauen an Kampfeinsätzen teilnehmen – zumindest formal. Das Bundesverteidigungsministerium erklärte am Donnerstag, "grundsätzlich" stünden Soldatinnen "alle Verwendungsebenen offen". 300 Soldatinnen würden etwa innerhalb des Afghanistan-Kontingents eingesetzt.

Doch in der Praxis scheitert der Kampfeinsatz von Bundeswehrsoldatinnen in aller Regel an physischen Voraussetzungen. Obwohl für Frauen, die anteilig weniger Muskelmasse haben als Männer, die sportlichen Kriterien heruntergestuft wurden, scheitern sie zumeist an speziellen Einstellungstests für entsprechende Truppenteile. Das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr etwa steht in der Theorie auch Frauen offen. Dem Vernehmen nach schaffte es aber noch keine Soldatin, die körperlichen Kriterien zu erfüllen.

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