19.01.13

Neun Tore

Schalke erlebt ein Spiel für die Geschichtsbücher

Während der zweiten Halbzeit der Partie gegen Hannover starb Schalkes neuer Trainer Jens Keller "mehrere Tode". In einem historischen Spiel feiert sein Team einen spektakulären Befreiungsschlag.

Foto: dpa

Schalke gegen Hannover - es wurde ein irres Spiel. Eines mit zwei konträren Halbzeiten. Mit einer mauen ersten und einer spektakulären zweiten. Insgesamt neun Tore, acht davon in den zweiten 45 Minuten. Aber der Reihe nach...

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Die Gesichter verrieten viel über dieses tolle Fußballspiel. Nach dem Schlusspfiff sprangen die nebeneinander sitzenden Herren Rehhagel, Tönnies und Heldt von ihren Ehrenplätzen auf: Der Fußball-Rentner Otto Rehhagel, häufiger Tribünengast auf Schalke, grinste breit. Der Schalker Aufsichtsratschef Clemens Tönnies schnappte sich den Schalker Manager Horst Heldt und umarmte ihn auf derartig zupackende Art und Weise, dass dem fast die Zigarette aus der Hand gefallen wäre.

"Das war ein unglaublich kurioses Spiel. Das war ein Spektakel. Etwas zum genießen", sagte Heldt nach dem 5:4 (1:0)-Sieg des FC Schalke 04 über Hannover 96. Neun Tore, eine der unterhaltsamsten Halbzeiten in der Historie der Bundesliga überhaupt – dieser Rückrundenauftakt hatte fast alles, was die Faszination der höchsten deutschen Fußballspielklasse ausmacht: Schöne Tore, dramatische Wendungen und Emotionen.

"Das war verrückt: Schwuppdiwupp, wieder einen Gegentor. Das war etwas für die Geschichtsbücher", erklärte Lewis Holtby nach dem Schlusspfiff. Für ihn war es eine ganz speziellen Partie. Der 22-jährige Spielmacher der Schalke war überragender Akteur an diesem eigentlich kalten Freitagabend gewesen: Zwei Treffer hatte er vorbereitet, das letztendlich entscheidende 5:3 (88. Minute) selbst erzielt. Und das in einem Spiel, das sehr wahrscheinlich sein vorerst letztes in der Bundesliga gewesen sein dürfte.

Holtby soll noch im Januar gehen

Ab Sommer steht Holtby, dessen Kontrakt mit Schalke ausläuft, bei Tottenham Hotspur unter Vertrag. Das ist Fakt. Doch weil Heldt für ihn noch eine Ablösesumme erzielen will, scheint es fast schon sicher zu sein, dass er noch im Januar gehen wird.

"Billiger ist Lewis jedenfalls nicht geworden", sagte Heldt nach der Galavorstellung Holtbys, der – auch das ein Kuriosum – nach Bekanntgabe nach seines bevorstehenden Abschieds wie befreit gewirkt und aufgespielt hatte. Angst vor Pfiffen durch die enttäuschten eigenen Fans? Fehlanzeige. "Solange ich für Schalke spiele, gebe ich alles. Ich reiße mir jede Sekunde den Hintern auf", so Holtby, der speziell im zweiten Durchgang all das zeigte, was er während des wochenlangen Vertragspokers im vergangenen Jahr offenbar nicht zeigen konnte: Dynamische Antritt, herausragende Übersicht und "No Look"-Pässe à la Cristiano Ronaldo.

Im Mittelpunkt stand an diesem Freitagabend eben nur der Fußball. Da treten dann Transfergerüchte oder gar Trainerdiskussionen in den Hintergrund. Die furiose zweite Halbzeit, der acht der neun Treffer gefallen waren, hatte eine Art Rückbesinnung auf das Wesentliche zur Folge gehabt: Schalkes Fans hatten sich einfach an einem mitreißenden Spiel erfreut.

Dem "wahnsinnigen Druck" standgehalten

Jens Keller dagegen war wegen des Resultats glücklich. "Vier Gegentore sind natürlich viel zu viel", sagte der neue Schalker Coach nach seinem Bundesligadebüt für den Traditionsverein: "Aber es war gut, dass wir gewonnen haben. Hier ist in den vergangenen Wochen ein wahnsinniger Druck aufgebaut worden." Er selbst, so der 42-Jährige, dem die Kritiker nur eine kurze Halbwertzeit bescheinigt hatte, sei aber während der 90 Minuten auf der Bank "mehrere Tode gestorben."

Ob damit Ruhe einkehren wird, sei dahingestellt. Zwar haben die Schalker, bei denen Zugang Raffael, der Holtby beerben soll, bis zur Schlussminute auf der Bank saß, zunächst einmal einen Abwärtstrend mit sieben sieglosen Pflichtspielen gestoppt. Der Beweis der Nachhaltigkeit ist jedoch noch zu erbringen.

Doch das spielte am Freitag keine Rolle. "Die letzten Wochen war nicht so angenehm. Jetzt können wir uns erstmal freuen", sagte Heldt.

Noch vor anderthalb Wochen hatte er nach einem verlorenen Testspiel gegen Bayern München (0:5) einen nervösen Clemens Tönnies am Telefon gehabt, der Angst um die Verfassung der Mannschaft hatte. "Diesmal musste er mich nicht anrufen", sagte Heldt. "Er hat schließlich neben mir gesessen."

Es waren auch die Bilder nach Schlusspfiff, die eindrucksvoll belegen, wie schnell der Fußball die Stimmungen von Menschen beeinflussen kann.

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