18.01.13

Hanna Rosin

"Das Matriarchat ist kein Paradies, aber es kommt"

"Das Ende der Männer" macht das Leben nicht leichter: Die Autorin Hanna Rosin beobachtet den unaufhaltsamen Aufstieg der Frauen – was nicht heißt, dass die Welt jetzt einfacher oder gar besser wird.

Foto: dpa

Prophetin des Matriarchats? Wohl eher Beobachterin gesellschaftlicher Umbrüche. Die US-Journalistin Hanna Rosin sorgt mit ihren Thesen zum „Ende der Männer“ für Debatten
Prophetin des Matriarchats? Wohl eher Beobachterin gesellschaftlicher Umbrüche. Die US-Journalistin Hanna Rosin sorgt mit ihren Thesen zum "Ende der Männer" für Debatten

Die amerikanisch-israelische Journalistin Hanna Rosin, 42, diagnostiziert in ihrem dieser Tage überall diskutierten Buch "Das Ende der Männer" nicht nur den Aufstieg der Frauen, sondern auch eine Identitätskrise des ehemals starken Geschlechts. Für das Interview erwischen wir sie frühmorgens in Washington auf dem Handy, sie hat gerade eines ihrer drei Kinder zum Arzt begleitet und ist im Auto auf dem Weg ins Büro.

Berliner Morgenpost: Was sagt eigentlich Ihr neunjähriger Sohn zum "Ende der Männer"? Sie haben ihm Ihr Buch gewidmet mit den Worten "Für Jacob, tut mit leid wegen des Titels".

Hanna Rosin: Er wollte nichts mit dem Buch zu tun haben. Aber seitdem er mitbekommen hat, dass es mir nicht darum geht, alle Männer zum Mond zu schießen, sondern darum, Männern und Frauen mehr Möglichkeiten zu geben, ihr Leben zu gestalten, hat er seine Meinung geändert.

Berliner Morgenpost: Der Titel klingt wie eine Kriegserklärung. Warum haben Sie ihn gewählt?

Rosin: Ironischerweise hat ein Mann den Titel erfunden, ein Redakteur des Magazins "The Atlantic", für das ich den Ursprungsartikel schrieb, aus dem das Buch entstanden ist. Ich habe ihn behalten, weil er eine emotionale Reaktion provoziert – und weil er in den USA zu einem geflügelten Wort wurde.

Berliner Morgenpost: Folgt auf den Aufstieg der Frauen denn automatisch der Niedergang der Männer?

Rosin: Nein. Ich denke aber, dass darauf das Ende des Machos folgt. Wenn ich von einem neuen Matriarchat schreibe, meine ich das nicht als Utopie. Es hat einen negativen Beigeschmack, denn die Frauen, die ich beschreibe, sind komplett auf sich allein gestellt. Das ist nichts, wo man hin möchte.

Berliner Morgenpost: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die Reaktionen auf Ihr Buch oft geradezu feindselig sind?

Rosin: Interessanterweise sind die Reaktionen von Frauen viel negativer als die von Männern. Die einen kritisieren das Buch, weil das, was ich schreibe, nicht ihrer täglichen Erfahrung entspricht. Sie fühlen sich nach wie vor ungerecht behandelt. Die anderen sind dogmatischer, sie empfinden die Welt grundsätzlich als ungerecht. Meiner Meinung nach ist Geschichte aber nicht deterministisch. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass alles immer so bleibt, wie es jetzt ist.

Berliner Morgenpost: Trotzdem dominieren Männer noch immer das öffentliche Leben.

Rosin: Es gibt in meinem Buch sicherlich auch ein Element der Projektion. Aber die Welt verändert sich nun mal nicht über Nacht. Fest steht, dass sich die bestehenden Strukturen auflösen.

Berliner Morgenpost: Sie beschreiben die amerikanische Hook-Up-Kultur, also die an Colleges praktizierte Praxis, sich zu folgenlosem Sex unter Alkoholeinfluss zu verabreden, als Chance für junge, ehrgeizige Frauen. Warum?

Rosin: Wenn wir über die Hook-Up-Kultur sprechen, dann in der automatischen Annahme, das sie für Frauen ein Desaster ist. Ich versuche, dieser Sichtweise zu begegnen, indem ich erkläre, dass es dabei vor allem darum geht, verschiedene Beziehungsmodelle zu testen, ohne dass sie gleich in die Ehe führen. Für Europäer mag das keine neue Erkenntnis sein, für viele Amerikaner schon.

Berliner Morgenpost: Warum fangen die Probleme der Männer schon in der Schule an?

Rosin: Anders als Mädchen finden Jungs es uncool, gut in der Schule zu sein. Doch entscheidend ist etwas anderes: Früher konnte man in den USA auch ohne weiterführende Ausbildung ein gutes Mittelklasse-Leben führen. Diese Zeiten sind vorbei. Zudem haben traditionell als weiblich geltende Charaktereigenschaften wie emotionale Intelligenz inzwischen Konjunktur.

Berliner Morgenpost: Was ist davon zu halten, wenn Mädchen früh dazu getrimmt werden, gehorsam und strebsam zu sein?

Rosin: Das ist nicht gut, das sehe ich bei meinen eigenen Kindern. Ich versuche, gegenzusteuern, indem ich meiner Tochter zeige, dass Rebellion wichtig ist, und meinem Sohn beibringe, sich in andere Menschen einzufühlen. Offensichtlich jeweils nicht ihre angeborenen Talente.

Berliner Morgenpost: Sie bezeichnen Frauen, die alles auf einmal wollen – Kinder, Karriere, Beziehung – als "Mutantinnen". Was meinen Sie damit?

Rosin: Das beste Beispiel dafür ist Marissa Meyer, Vorstandsvorsitzende von Yahoo. Sie ist nach der Geburt ihres Kindes sofort wieder arbeiten gegangen und erzählt allen, wie großartig das ist. Ich verstehe, dass das viele Frauen ärgerlich finden, denn es ist nicht easy. Doch wenn man eine Welt möchte, in der Frauen Kinder und Macht haben können, braucht man solche hyperehrgeizigen Frauen.

Berliner Morgenpost: Ist es denn wünschenswert, dass Frauen alles an sich reißen, während immer mehr Männer arbeitslos auf dem Sofa sitzen?

Rosin: Die Frauen haben sich sehr schnell gewandelt, während die Männer sich schwer tun, mitzuhalten. Studien zeigen, dass Frauen trotzdem nicht glücklicher sind als in den Siebzigern. Noch einmal: Es ist nicht das Paradies, das ich beschreibe. Es ist nun einmal so, wie es ist.

Berliner Morgenpost: Einfach die Rollen zu tauschen, das ist also keine befriedigende Lösung?

Rosin: Wenn es sozial akzeptiert wäre, würden sich wohl mehr Frauen wie Marissa Meyer verhalten und sehr hart arbeiten. Auf der anderen Seite hätten die Männer dann auch die Wahl, weniger zu arbeiten. Das ist sicherlich keine perfekte Lösung, es wird dann immer noch mehr mächtige Männer als Frauen geben, aber es ist ein Anfang.

Berliner Morgenpost: In Deutschland gab es eine große Diskussion um ein Buch von Bascha Mika, in dem sie den Frauen vorwarf, dass sie zu feige seien, um Karriere zu machen.

Rosin: Es gibt einen schwierigen Punkt in der Karriere von Frauen, an dem es an der Zeit wäre, das nächste Level zu erreichen. An diesem Punkt nutzen einige Frauen den Ausweg Hausfrau – einfach, weil sie ihn haben. Interessant wird es, wenn man sich anschaut, wie sich weniger privilegierte Frauen verhalten, die diese Möglichkeit nicht haben, weil sie darauf angewiesen sind, Geld zu verdienen. Sie arbeiten trotzdem weiter.

Berliner Morgenpost: Es hängt also alles von der wirtschaftlichen Lage ab?

Rosin: Ich denke schon. Aber es ist auch eine Frage der Kultur, die beste Situation ist sicherlich die, in der beide Partner dieselben Möglichkeiten haben, dann ist es eine Frage der Verhandlung, wer sich für welche Option entscheidet.

Berliner Morgenpost: Sind die Veränderungen der Rollenmuster nicht vor allem psychologisch?

Rosin: Der Druck auf die Männer, auch häusliche Verantwortung wahrzunehmen, nimmt zu. Wenn Väter heute keine Ahnung haben, wer die Lehrer ihrer Kinder sind, werden sie schief angeschaut.

Berliner Morgenpost: Was ist die Konsequenz der neuen Dominanz der Frauen? Eine bessere Welt?

Rosin: Es wäre definitiv eine andere Welt. Frauen entscheiden umsichtiger, das zeigen viele Studien. Auf der anderen Seite steigt mit der größeren Unabhängigkeit der Frauen deren Gewaltbereitschaft, auch das ist belegt.

Berliner Morgenpost: Wie müsste der neue Mann denn beschaffen sein?

Rosin: Jedenfalls nicht wie eine Frau. Die Männer sollten aber ihre festgelegten Rollen abstreifen. In einer idealen Welt gäbe es gar keine Aufteilung in männlich und weiblich mehr, sondern allenfalls eine in weibliche und männliche Anteile. Daraus könnte man sich dann bedienen wie aus einem Menü.

Hanna Rosin: "Das Ende der Männer. Und der Aufstieg der Frauen", Berlin Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro.

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