10.01.13

"Welt"-Serie

"Hoyzer ist nichts anderes als ein Verbrecher"

14. Teil der "Welt"-Serie: Die Pokalblamage des HSV in Paderborn löst den Fall Hoyzer aus, einen der größten Skandale in der Geschichte des deutschen Fußballs. Ex-Torwart Pieckenhagen erinnert sich.

Von Michael Färber
Foto: Getty Images
Robert HOYZER
Die Hamburger Barbarez (l.) und Beinlich sind fassungslos: Schon wieder hat Robert Hoyzer (r.) eine Entscheidung getroffen, die sie nicht nachvollziehen können

Ein Flachbildfernseher. Ein Gebrauchsgegenstand, den es heute in praktisch jeder Größe und zu jedem Preis gibt. Vor acht Jahren war es der Preis, für den der deutsche Fußball verkauft wurde. Einen Flachbildfernseher und 67.000 Euro kassierte Robert Hoyzer. Dafür, dass er die Werte des Fußballs verraten hatte. Dafür, dass er mitgeholfen hatte, Spiele zu manipulieren. Dafür, dass er betrogen hatte.

Martin Pieckenhagen muss lachen, wenn er heute hört, wie gering die monetäre Schwelle für den damaligen Schiedsrichter doch war. Heute kann er lachen, auch wenn ihm sicherlich immer noch nicht danach zumute ist. "Er hat Millionen von Menschen betrogen", sagt Pieckenhagen. Damals, vor mehr als acht Jahren, stand er im Tor des Hamburger SV und musste mit ansehen, wie der Bundesligaklub verpfiffen wurde.

Von Anfang an stimmte etwas nicht

Es war der 21. August 2004. In Paderborn gab es an jenem regnerischen Sommertag Temperaturen um die 20 Grad. Niemand der 7027 Zuschauer im Hermann-Löns-Stadion ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass er gleich Zeuge jenes Spiels werden würde, das inzwischen als Inbegriff für den Wettskandal im deutschen Fußball steht.

"Im Spiel selbst haben wir das gar nicht so gemerkt", erzählt Pieckenhagen. "Sicher, einige Entscheidungen waren schon komisch, aber das gibt es ja immer wieder mal." An diesem Nachmittag, im Erstrundenspiel des DFB-Pokals zwischen dem Regionalligaklub SC Paderborn und dem Bundesligaverein Hamburger SV, waren sie jedoch geplant.

Schnell führte der Favorit nach Toren von Christian Rahn und Emile Mpenza 2:0, doch schon von der ersten Sekunde an wurde deutlich, dass irgendetwas nicht stimmte. Klaus Toppmöller, seinerzeit Trainer, protestierte bereits nach 20 Minuten beim Linienrichter ("Hier ist doch was faul"), weil Robert Hoyzer pfiff, wo es nichts zu pfeifen gab, und das Spiel laufen ließ, wo er hätte pfeifen müssen.

Dass es zur Pause 2:2 stand, hatte Paderborn Hoyzer zu verdanken, der einen fragwürdigen Elfmeter pfiff und Mpenza, der ihn beschimpft hatte ("Arschloch"), vom Platz stellte. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Für den HSV, der am Ende 2:4 verlor, und für den deutschen Fußball.

Es konnte nicht sein, was offensichtlich war

"In der Halbzeit haben wir gehört, dass es für Paderborn nicht schiefgehen kann", erinnert sich Pieckenhagen, "dem haben wir jedoch keine Bedeutung beigemessen. Wir haben es überhaupt nicht wahrgenommen, dass wir gerade verpfiffen werden."

Warum auch? Schließlich konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Spielmanipulationen – davon war zuvor vornehmlich aus dem osteuropäischen Raum oder aus Asien etwas zu hören. Aber in Deutschland? Nie und nimmer.

"Im Nachhinein war uns das dann schon klar", erzählt Pieckenhagen. Als die Nachricht vom Wettskandal Anfang 2005 aufkam, nach und nach das gesamte Ausmaß bekannt wurde und auch Bilder von den betroffenen Spielen im Fernsehen gezeigt wurden, habe er dann schon an den Entscheidungen gesehen, wie der HSV verpfiffen worden war. "Dann hat es mich auch nicht mehr gewundert, dass wir in diesem Spiel keine Chance hatten", erklärt Pieckenhagen.

Zwei Monate später musste Toppmöller gehen

Was er in jenem Moment spürte, als der Wettskandal an die Öffentlichkeit gelangte? "Wut", sagt Pieckenhagen ohne zu zögern. Weil es um viel mehr ging als nur um ein verlorenes Spiel. Oder die 780.000 Euro, die Hoyzer den Drahtziehern des Wettskandals, den kroatischen Brüdern Ante und Milan Sapina aus Berlin, eingebracht hatte. "Wir hatten damals keinen guten Lauf", erzählt Pieckenhagen.

Tatsächlich stand der HSV vor jenem Pokalspiel in Paderborn am Tabellenende der Bundesliga. Nach dem Pokalaus "stand Toppmöller mehr und mehr in der Kritik, und wir bekamen Probleme mit unseren Fans", verdeutlicht Pieckenhagen die Auswirkungen. Das Ende vom Lied: Toppmöller musste knapp zwei Monate nach dem Skandalspiel gehen. Ein Engagement erhielt er danach in der Bundesliga nicht mehr.

Zwei Millionen Euro Entschädigung

Der deutsche Fußball erholte sich nur mühsam von jenem Schock. Wohl auch um den Staub, der aufgewirbelt wurde, ob der bevorstehenden Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land so gering wie möglich zu halten, "haben sie versucht, alles nur dosiert an die Öffentlichkeit zu bringen", sagt Pieckenhagen.

Tatsächlich waren die Behörden keineswegs begeistert von der Aufarbeitung des Skandals durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB). In einer Mitteilung des DFB hieß es lapidar, dass betroffene Spiele nicht wiederholt werden könnten. Dem HSV wurden zwei Millionen Euro Entschädigung für das Pokalaus gezahlt, Hoyzer trat zurück und der Wettskandal beim DFB in den Hintergrund.

Hoyzer hingegen habe sich "schick angezogen und als Popstar feiern lassen. Dabei ist er nichts anderes als ein Verbrecher", echauffiert sich Pieckenhagen auch heute noch. In der Talkshow von Johannes B. Kerner gab Hoyzer im Februar 2005 den Reumütigen, erzählte, dass er 13.900 von den 67.000 Euro zurückgegeben habe und auch den Flachbildfernseher zurückzugeben gedenke.

"Solange du Wetten zulässt, ist es schwierig"

Die Rolle des Büßers aber nahm ihm niemand ab, auch nicht das Berliner Landgericht. Über 6000 Ermittlungsseiten wurden gewälzt, 170 Zeugen befragt, zahlreiche Spiele und Spieler gerieten ins Visier der Fahnder. Wegen Beihilfe zum Betrug wurde Hoyzer im November 2005 zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, Ante Sapina erhielt zwei Jahre und elf Monate. Pieckenhagen sagt: "Es ist ähnlich wie beim Bundesligaskandal in den 70er-Jahren. Es gab einen großen Aufschrei, zwei wurden zu Fall gebracht – das war's."

Hoyzer trat seine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Hakenfelde am 18. Mai 2007 an und wurde nach 14 Monaten vorzeitig entlassen. Die lebenslange Sperre als Schiedsrichter, Trainer und Spieler, die ihm der DFB im April 2005 auferlegt hatte, wurde sechs Jahre später teilweise wieder aufgehoben. Hoyzer darf auf Amateur- und Landesverbandsebene wieder Fußball spielen.

"Ich glaube nicht, dass es so etwas im Bereich der Profiligen in Deutschland noch einmal geben wird", sagt Pieckenhagen. Der Wettskandal von 2004 habe "alle wachgerüttelt", Warnsysteme wurden eingeführt. Doch selbst der ehemalige Profi ist sicher: "Solange du Wetten zulässt, ist es schwierig, Manipulationen auszuschließen." Selbst wenn es nur einen Flachbildfernseher dafür gibt.

Lesen Sie im nächsten Teil: Als Thomas Helmer ein Tor schoss, das keines war

Hier finden Sie die weiteren Teile der Serie:

Teil 1: Das erste Tor der Bundesliga-Geschichte war ungültig

Teil 2: Ein Fuchs als Lebensretter für Uli Hoeneß

Teil 3: Trapattoni wollte seine legendäre Wutrede fortsetzen

Teil 4: Wie ein Obsthändler den Bundesligaskandal aufdeckte

Teil 5: "Mensch, Wolf-Dieter, du bist ja total blau"

Teil 6: Als Kevin Keegan einmal Suzi Quatro ersetzte

Teil 7: Als Daum ein "absolut reines Gewissen" hatte

Teil 8: Der Karabinerhaken im Rücken des HSV-Verteidigers

Teil 9: "Skandal!" Als vier Ulmer vom Platz flogen

Teil 10: "Es ist zu Ende in Hamburg, Schalke ist Meister!"

Teil 11: Der berühmteste Tritt von Jürgen Klinsmann

Teil 12: Der verrückte Piplica und sein irrer Patzer

Teil 13: Brehmes bittere Tränen an Völlers Brust

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