09.01.13

"Welt"-Serie

Brehmes bittere Tränen an Völlers Brust

13. Teil der "Welt"-Serie: Als Andy Brehme nach dem ersten Abstieg seines 1. FC Kaiserslautern in Tränen aufgelöst im TV-Studio stand und von Leverkusens Kapitän Rudi Völler getröstet wurde.

Von Patrick Krull

Sein Freund zuckt mit dem Kopf ein wenig nach hinten, als hätte er Schluckauf. Einmal, zweimal. Ein paar Sekunden später lässt er seinen Kopf an Rudi Völlers linke Schulter sinken und weint. Die Fernsehkameras im kleinen Studio des Senders, der damals noch Premiere heißt, sind an. Die Fußballnation schaut zu, sie schaut auf ihn: Andreas Brehme. "Nicht so nah am Wasser gebaut", sei er, hat er mal über sich gesagt. Aber nun kann er nicht anders, die Trauer über den ersten Abstieg seines 1. FC Kaiserslautern aus der Fußball-Bundesliga übermannt ihn.

Völler, der sich mit Bayer Leverkusen an diesem Tag im Mai 1996 als Triumphator fühlen darf, weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Er ist glücklich, dass es ihn und seinen Klub nicht erwischt hat an diesem letzten Spieltag der Saison. Jubeln könnte er, aber er hat Brehme auch noch nie mit Tränen in den Augen gesehen. Freud und Leid konkurrieren, instinktiv legt er den Arm um seinen Freund. "Den Andy so zu sehen, das war ein schwerer Schlag für mich", sagt Völler heute.

Rund acht Minuten vor Brehmes Gefühlsausbruch war ein denkwürdiges Spiel 1:1 zu Ende gegangen. Mit einem Sieg wäre Kaiserslautern in der Liga geblieben und Leverkusen abgestiegen. Danach sah es lange aus. Pavel Kuka hatte in der 58. Minute die stark spielenden Pfälzer im Leverkusener Ulrich-Haberland-Stadion in Führung geschossen. Aber Markus Münch gelang acht Minuten vor Spielende unerwartet der Ausgleich. Das genügte. Leverkusen blieb drin, Kaiserslautern musste nach 33 Jahren Zugehörigkeit die Bundesliga erstmals verlassen.

Viele Tränen, leere Blicke

Auf der Tribüne tröstete Kurt Beck, der Landesvater von Rheinland-Pfalz, den ungehemmt schluchzenden FCK-Präsidenten Norbert Tines, unten stand Brehme, die Hände in die Hüften gestemmt, mit leerem Blick. Am Rande des Spielfeldes fielen sich Völler und Bayer-Manager Reiner Calmund in die Arme.

Völler wollte längst die Beine hoch gelegt haben. Jeder Knochen tat ihm weh, das Knie schmerzte seit Wochen. "Ich war in meinen letzten Atemzügen" sagt er. Körperlich am Rande der Überforderung, die 36 Jahre machten ihm zu schaffen. Er hat schon lange das Gefühl, dass es Zeit war, seine große Karriere zu beenden.

Er wollte sich für das eigene Abschiedsspiel schonen, das zwei Tage später anstand. Wollte es intensiv organisieren und schon seit Wochen nicht mehr ran müssen – als Kapitän in der Startelf. "Wäre vier Wochen vorher klar gewesen, dass wir den Klassenerhalt sicher haben, hätte ich nicht gespielt", sagt er. Das war aber nicht so. Leverkusen hatte zu Saisonbeginn vom Uefa-Cup fabuliert, nun aber stand Völlers Team nahe am Abgrund – wie auch der FCK mit Brehme.

Beide Weltmeister, beide in die Jahre gekommen

Beide einst Weltmeister, beide nun in die Jahre gekommen, Brehme sechs Monate jünger als Völler, zwei tolle Karrieren. "Und da stand er nun im Studio neben mir und weinte. Der FCK war sein Herzensverein und dann das. Abstieg, mit ihm als Kapitän. Dieses Schicksal hat mich – bei aller Freude über unseren Klassenverbleib – schwer mitgenommen", sagt Völler.

Er kommt als erster ins Premiere-Studio. Ein kleiner Raum, nicht größer als acht Quadratmeter, irgendwo im Bauch der Leverkusener Arena. Moderator Michael Pfad empfängt ihn. Beide kennen sich aus Bremer Zeiten. Pfad war auch dabei, als Völler in Italien seinen Vertrag beim AS Rom unterschrieb.

Im Studio ist es heiß, an die 30 Grad, die Scheinwerfer haben den Raum erhitzt. Draußen sind es 16 Grad, ein schöner Maitag, Leverkusens Fans feiern auf dem Rasen. "Niemals, Zweite Liga, niemals, niemals", hatten sie nach dem Treffer von Münch gesungen. Für die Lauterer Anhänger unter den 19.500 Zuschauern, an diesem Tag trotz Auswärtsspiels deutlich in der Überzahl, klang das wie Hohn.

"Wir waren doch klar besser"

Schließlich erscheint Brehme im Studio, er macht einen gefassten Eindruck. "Wir waren doch klar besser", sagt er, an die Adresse von Völler gewandt. Zwei Kameraleute sind da, dazu eine Visagistin, Bayer-Interimstrainer Peter Hermann, Pfad und Völler. Der wird Zeuge, wie ein Mannsbild plötzlich zu einem Häuflein Elend zusammensackt. Innerhalb von Sekunden. Brehme postiert sich links neben Völler, da ist noch alles gut.

Im Fernsehen wird Torschütze Münch interviewt. Mitleid? Ja, habe er: "Aber einer von uns Dreien musste heute ja ins Gras beißen." Die Drei sind Kaiserslautern, Leverkusen und Köln. Die Rheinländer mussten bei Hansa Rostock antreten, damals Anwärter auf einen Uefa-Cup-Platz.

Köln aber geht durch Holger Gaißmayer in der 72. Minuten in Führung, Leverkusen liegt hinten. Bei dieser Konstellation wäre Bayer abgestiegen. Manager Calmund eilt in die Kabine des Stadionsprechers und lässt das Ergebnis aus Rostock einblenden. Verzweiflung, irgendein Signal muss er doch senden. Münch sagt, das sei noch mal wie ein Weckruf gewesen.

Völlers Brusthaar quillt hervor

Als das Interview beendet ist: Schnitt. Die Kamera blendet ins Studio. Völler und Brehme sind zu sehen. Völler steht da mit offener Trainingsjacke, sein Brusthaar kommt zum Vorschein. Von Brehme dagegen ist nicht viel zu sehen. Er fährt sich unentwegt mit einem weißen Papiertuch, das ihm die Visagisten gegen das Nachschwitzen gereicht hatte, über die Augen, wo die Tränen nicht zum Versiegen kommen wollen.

Es stand schon vor dem Spiel fest, dass beide Rede und Antwort stehen würden, unabhängig vom Ausgang der Partie. Für Brehme Ehrensache. Er will nicht nur in guten Momenten in die Kamera strahlen, sondern auch in schlechten seinen Mann stehen. Im Moment aber muss er von Völler gestützt werden. "Das war alles, was ich für ihn tun konnte. Es ist einfach aus ihm heraus gebrochen. Die Trauer war übermächtig. Da denkst du ja nicht an dich, dass du es so gerade noch mal geschafft hast, ist ja klar", sagt Völler.

Pfad eröffnet das Gespräch "Es gibt Momente im Leben eines Moderators, wo man sich nicht wohl fühlt, muss ich ehrlich sagen. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Ich habe zwei Weltmeister hier, den Rudi Völler und den Andy Brehme. Auch da natürlich auf der einen Seite Freude, auf der anderen tiefe Trauer." Völler ist derweil längst mit Trauerarbeit beschäftigt, Brehme kann sich nicht mehr beruhigen. Pfad: "Den Andy lassen wir im Moment mal allein mit seinen Gefühlen. Ich find's riesig toll, dass er sich der Diskussion stellt."

Mitleid mit dem Kumpel

Dann wird Völler befragt, der beim Gang ins Studio von einem "verdammt gut geschriebenen Krimi" gesprochen hatte. Wie das denn war? Als er antworten will, zuckt Brehme wieder das Taschentuch hervor, dass er unter dem Tisch verschwinden lassen hatte. Wieder fließen Tränen. Völler spricht ins Mikrofon: "Es ist bitter nach so einem Spiel, wo beide Mannschaften alles gegeben haben. Wo keiner verdient gehabt hätte abzusteigen. Wir waren nicht die bessere Mannschaft, sondern die glücklichere. Für den Andy tut es mir natürlich leid, aber auch für Kaiserslautern."

Der 1. FC Kaiserslautern sollte anschließend einen erstaunlichen Weg nehmen. Die Mannschaft gewinnt eine Woche nach dem Abstieg das Finale des DFB-Pokals gegen den Karlsruher SC. Ein Jahr später steigt das Team wieder auf, im Jahr darauf wird der FCK sensationell Meister. Mit Brehme.

Beim Spiel gegen Leverkusen war er noch mit Abschiedsblumenstrauß auf das Feld gelaufen, es sollte seine letzte Partie sein. Durch den Abstieg aber fühlte er sich verpflichtet, zum Wiederaufstieg beizutragen. Erst 1998 bekommt er wieder einen Strauß in die Hand gedrückt.

Brehme ist hundeelnd zumute

Im Moment des größten sportlichen Tiefschlags seiner Karriere aber ist ihm hundeelend. Kaiserslautern hatte nur ein Tor weniger kassiert als Meister Dortmund (38) und genau so viele Niederlagen wie der FC Bayern hinnehmen müssen, der Zweiter wurde (10). Aber da waren eben auch 18 Unentschieden.

Im Studio hat sich Brehme mittlerweile gefangen. Das Taschentuch ist weg, der Tränenfluss gestoppt. "Ich habe schon viel mitgemacht, aber so etwas mit Sicherheit noch nicht. Wenn man das Spiel über 90 Minuten betrachtet, wo wir meines Erachtens auch die bessere Mannschaft waren und die klareren Torchancen hatten – und wir gehen als Verlierer vom Platz, sozusagen –, ist das schon traurig." Sagt's – und tritt ab.

"Ich konnte ihm nur noch einen Klapps auf den Kopf geben", sagt Völler heute. Ein Klapps unter Freunden.

Hier finden Sie die weiteren Teile der Serie:

Teil 1: Das erste Tor der Bundesliga-Geschichte war ungültig

Teil 2: Ein Fuchs als Lebensretter für Uli Hoeneß

Teil 3: Trapattoni wollte seine legendäre Wutrede fortsetzen

Teil 4: Wie ein Obsthändler den Bundesligaskandal aufdeckte

Teil 5: "Mensch, Wolf-Dieter, du bist ja total blau"

Teil 6: Als Kevin Keegan einmal Suzi Quatro ersetzte

Teil 7: Als Daum ein "absolut reines Gewissen" hatte

Teil 8: Der Karabinerhaken im Rücken des HSV-Verteidigers

Teil 9: "Skandal!" Als vier Ulmer vom Platz flogen

Teil 10: "Es ist zu Ende in Hamburg, Schalke ist Meister!"

Teil 11: Der berühmteste Tritt von Jürgen Klinsmann

Teil 12: Der verrückte Piplica und sein irrer Patzer

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