07.01.13

Rassismus-Debatte

Boateng denkt über Abschied aus Italien nach

Nach dem Rassismus-Eklat will Boateng Konsequenzen ziehen. Fußballtrainer diskutieren, ob sein Signal gegen Rassismus wegweisend ist.

Foto: dapd

Kevin Prince Boateng wird Italien vielleicht bald den Rücken zukehren
Kevin Prince Boateng wird Italien vielleicht bald den Rücken zukehren

Nach dem Rassismus-Eklat denkt Kevin-Prince Boateng über einen Abschied aus der italienischen Serie A nach. Der gebürtige Berliner will in dieser Woche "schauen, ob es weiter Sinn macht, in Italien zu spielen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Italiens Fußball diskutiert indessen über die richtige Reaktionen auf beleidigende Sprechchöre in den Stadien. Von FIFA-Präsident Joseph Blatter gab es unterdessen Kritik am eigenmächtigen Abgang Boatengs.

Zum Wiederbeginn der Serie A am Wochenende fragten sich auch immer mehr Trainer und Verantwortliche: Darf ein Spieler den Platz verlassen und damit einen Spielabbruch herbeiführen? Beobachter fürchten, dass dies rassistische Unruhestifter nur noch mehr motiviert und gezielt provozierte Spielabbrüche zum Alltag werden.

Boateng gegen Blatter

Wie im Testspiel am Donnerstag gegen den Verein Pro Patria will Boateng aber auch in Zukunft immer vom Spielfeld gehen, wenn Fußballer rassistisch verhöhnt werden: "Wir dürfen Rassismus nicht mehr tolerieren. Ich hätte das auch in der Champions League beim Spiel gegen Real Madrid gemacht – und werde es immer wieder tun", betonte der international für Ghana spielende Fußballer.

Weltverbands-Chef Blatter ist damit nach einem Bericht der in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinenden Zeitung "The National" nicht einverstanden: "Ich denke, dass ein Spieler nicht einfach vom Feld gehen kann, das ist nicht die Lösung", sagte der Schweizer am Rande einer Veranstaltung in Dubai. Sonst könne man schließlich bei einer drohenden Niederlage einfach vom Platz. Blatter betonte aber auch: "Rassismus darf nicht toleriert werden".

Zuspruch durch Allegri

In Busto Arsizio hatte der 25-jährige Boateng nach 26 Minuten den Platz verlassen, weil gegnerische Fans ihn und die übrigen dunkelhäutigen Milan-Spieler fortwährend verhöhnten. Erstmals wurde daraufhin ein Fußballspiel in Italien wegen Rassismus abgebrochen. Boatengs Entscheidung wurde von italienischen Medien als "historisch" gefeiert, im In- und Ausland gab es viel Lob.

Auch Milan-Trainer Massimiliano Allegri stärkte Boateng und seinen Spielern am Wochenende erneut den Rücken. "Die Mannschaft wird in einer ähnlichen Situation genauso reagieren", sagte der Coach. Sein Team lief am Sonntagnachmittag beim 2:1-Heimspielsieg gegen Siena mit einer Anti-Rassismus-Aufschrift auf den Aufwärmtrikots auf. Auf Englisch und Italienisch stand "AC Mailand gegen Rassismus" auf den Hemden. Die Zuschauer bedachten vor allem Boateng mit großem Applaus und feierten ihn mit Sprechchören.

Boatengs Abschiedsgedanken nahm die Fans offenbar genauso wenig ernst wie Allegri: "Ich denke, das hat er in einem Moment der Verbitterung nur so gesagt", meinte der Coach. Die "Gazzetta dello Sport" bezeichnete Boatengs Aussage dagegen am Sonntag als "Schock". Der von Rassismus, Fan-Gewalt und Wettbetrug geplagte italienische Fußball will seinen neuen Helden nicht verlieren.

Verfahren gegen "Pro Patria"-Mitglieder

Von vielen Seiten bekamen Boateng und Milan auch am Wochenende wieder Zuspruch. Auch die Arbeits- und Sozialministerin Elsa Fornero rief an. "Sie hat uns allen zu unserer Entscheidung in Busto Arsizio gratuliert", berichtete Allegri. Juventus Turins Coach Antonio Conte fand die Entscheidung richtig, stellte aber auch die Frage, was in einem ähnlichen Fall in einem offiziellen Spiel passieren würde. "Wird das Spiel dann gegen das Team gewertet, dessen Fans sich daneben benommen haben, werden wir viele Abbrüche sehen", prophezeite Conte.

Für die Störenfriede von Busto Arsizio wird es ein gerichtliches Nachspiel geben. Gegen sechs Anhänger des Clubs Pro Patria im Alter zwischen 22 und 30 Jahren wurden bereits Verfahren wegen Anstiftung zum Rassenhass eröffnet. Sie wurden auf Video-Aufzeichnungen identifiziert und von der Staatsanwaltschaft verhört. Zudem droht ihnen ein Stadionverbot von fünf Jahren.

Quelle: dpa/bmo
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