07.01.13

"Welt"-Serie

Der berühmteste Tritt von Jürgen Klinsmann

Elfter Teil: 1997 wechselt Bayern-Trainer Trapattoni bei 0:0 in der 80. Minute einen frustrierten Klinsmann aus. Der brüllt seinen Coach an und zerstört eine Werbetonne. Am Abend entschuldigt er sich.

Von Lars Gartenschläger
Foto: Rauchensteiner/Rauchensteiner ORIGINAL zu : O:\
Klinsmann
So ließ Jürgen Klinsmann am 10. Mai 1997 seinen Frust raus

Sie sind geduldig. Sehr lange sogar. Aber irgendwann reicht es den meisten der 63.000 Zuschauer. Sie fangen an zu pfeifen. Denn sie können es nicht mehr ertragen, dass sich ihre Mannschaft, der Tabellenführer, nun schon seit 80 Minuten gegen den Tabellenletzten quält. Dabei ist es ein so schöner Tag, dieser 10. Mai 1997. Es ist warm, die Sonne scheint vom weitgehend wolkenlosen Himmel – bestes Fußballwetter. Doch was der FC Bayern im Münchner Olympiastadion gegen den SC Freiburg bietet, ist eine Frechheit.

Das muss sich in der 80. Spielminute auch Giovanni Trapattoni eingestehen. Der Italiener ist Trainer der Bayern. In Alexander Zickler hat er in der 54. Minute schon einen Stürmer vom Platz geholt. Carsten Jancker ist für ihn gekommen. Doch der reibt sich vorn im Angriff genauso auf wie Jürgen Klinsmann. Seinen Stürmerstar hat Trapattoni bislang verschont. Ihn, den Weltmeister von 1990. Trapattoni und Klinsmann sprechen Italienisch miteinander, was Klinsmann in seiner Zeit bei Inter Mailand gelernt hat. Aber sie kommen in jenen Tagen nicht mehr so gut klar. An diesem 10..Mai, der der Bundesliga einen ihrer kuriosesten Momente bescheren soll, kippt die Stimmung vollends.

Zehn Minuten sind noch zu spielen. Freiburg verteidigt das 0:0. Doch Trapattoni weiß, dass er reagieren muss. Ein torloses Remis daheim gegen das Schlusslicht käme einer Niederlage gleich und würde nicht nur für Spott und Häme sorgen, sondern dem Titelkampf mit Bayer Leverkusen neue Spannung verleihen – die Werkself liegt vier Spieltage vor dem Saisonende nur drei Punkte hinter den Bayern.

Klinsmann klatscht blicklos ab

Trapattoni steht von seiner Trainerband auf und schaut nach rechts, zur Torauslinie. Dort laufen sich die Ersatzspieler warm. Trapattoni fuchtelt wild mit seinen Armen und ruft den Namen von Carsten Lakies.

Der Vertragsamateur, damals 26 Jahre alt, trainiert seit Wochen mit den Profis. An diesem 31. Spieltag hat er es das zweite Mal in der laufenden Saison in das Aufgebot der A-Mannschaft geschafft. Doch gespielt hat er für die Profis noch nie. "Ich war total verwundert, als ich meinen Namen gehört habe. Ich habe auf mich gezeigt, um sicher zu gehen, dass der Trainer auch wirklich mich gemeint hat. Trapattoni hat genickt und mir von weitem mit den Armen signalisiert, dass ich mich beeilen soll", erinnert sich Lakies 16 Jahre später.

Und dann ist es soweit. Die Bayern wechseln, ein ganz normaler Vorgang. Doch dieser Wechsel, den Trapattoni kurz nach 17.00 Uhr vornimmt, kommt einer Majestätsbeleidigung gleich. Der "Maestro" holt Jürgen Klinsmann vom Spielfeld, seinen bis dato mit 13 Saisontreffern besten Torjäger. Der blonde Angreifer ist sauer, als er realisiert, dass er vom Platz muss. Er schüttelt verständnislos den Kopf und läuft nur widerwillig zur Seitenlinie. Dort steht Lakies bereit. Klinsmann klatscht ihn mit seiner rechten Hand ab, würdigt ihn aber keines Blickes. Stattdessen schickt er einen funkelnden Blick rüber zu Trapattoni.

Klinsmann ist so wütend, dass er für einen Augenblick die Contenance verliert. Der Stürmer beschimpfte Trapattoni lauthals mit "vai a cagare", was so viel wie "verpiss dich" heißt. Klinsmann ist so außer sich vor Wut, dass er auf dem Weg in die Kabine mit dem rechten Fuß ein Loch in eine Werbetonne aus Pappe von Sponsor Sanyo tritt, die direkt neben der Ersatzbank steht. Es ist ein Tritt für die Ewigkeit. Und ein Tritt, der den eingewechselten Carsten Lakies von einer Sekunde auf die andere berühmt macht.

Die einzigen zehn Bayern-Minuten für Lakies

"Ich kann mich noch daran erinnern, wie mich Jürgen abgeklatscht hat und dass ich einen Knall gehört habe, als ich auf den Platz gelaufen bin. Mehr auch nicht. Denn ich war total fokussiert auf das Spiel", erzählt Lakies, der seit April 2011 als Trainer für den hessischen Verbandsligaverein FSC Lohfelden arbeitet. Weil es die einzigen zehn Minuten waren, die er für die Bayern gespielt hat, sind sie mehr als 15 Jahre danach noch sehr präsent – und natürlich auch wegen der Begleitumstände. "Wenn ich damals nach drei Minuten ein Kopfballtor gemacht hätte, würden wir uns heute nicht nur über den Tonnentritt unterhalten, sondern über mein Tor nach dem Tonnentritt. Aber es sollte nicht sein."

0:0 ging das Spiel gegen Freiburg damals aus. Und noch bevor Klinsmann das Stadion nach dem Schlusspfiff verließ, sah er seinen Fehler ein. Er zeigte Reue, und Giovanni Trapattoni reagierte souverän. "Ich habe mich gleich in der Kabine bei ihm entschuldigt. Das war sicherlich nicht meine größte Leistung. Wie jeder ehrgeizige Fußballspieler habe ich mich über meine Auswechslung geärgert", erzählte Jürgen Klinsmann Jahre später einmal: "Ich habe mir bei dem Tonnentritt das ganze Schienbein aufgeschürft."

Am Abend nach dem Spiel gab es eine Party in München. Die Spieler, bei denen feststand, dass sie den FC Bayern am Saisonende verlassen würden, hatten in eine Diskothek geladen. Auch Klinsmann zählte dazu, der Wechsel im Sommer nach Genua war längst vereinbart. "Jürgen war natürlich stinksauer. Das hast du auch am Abend noch etwas gemerkt", sagt Lakies und erinnert sich an eine Begegnung mit Klinsmann auf der Party: "Er war ja etwas introvertiert. Doch er ist dann zu mir gekommen und hat gesagt: 'Hey, das vorhin beim Spiel hatte nix mit dir zu tun. Ich habe mich nur über die Auswechslung geärgert.' Ich habe dann zu ihm gesagt: 'Na und, Jürgen, selbst wenn. Ich war im Spiel drin und hatte meine Chance, die ich leider nicht nutzen konnte'".

Tonne steht an der Säbener Straße

Trotzdem erinnert sich Lakies gern an die Zeit in München. Im Sommer 1997 wechselte er dann nach Berlin zu Hertha BSC. Er spielte danach unter anderem in Mannheim, Chemnitz und Karlsruhe, ehe er 2008 seine Karriere beendete und Trainer wurde. Bis heute mag er es nicht besonders, lediglich mit dem Tonnentritt seines Mannschaftskollegen in Verbindung gebracht zu werden. "Aber es gibt viele Spieler, an die du dich gar nicht erinnerst. Insofern hat der Tonnentritt auch etwas Gutes. Es ist irgendwie ein Stück von mir", sagt Lakies, der selbst beim FC Bayern nicht in Vergessenheit geraten ist. Seit Jahren schon spielt Lakies schon für die Traditionself.

Wenn Jürgen Klinsmann heute auf sein Fehlverhalten angesprochen wird, muss er lachen. So sehr er sich damals auch geschämt hat, "im Nachhinein hat diese Szene doch noch etwas Gutes gehabt. Ich habe später bei meinem Abschiedsspiel meine Karriere durch einen symbolischen Tritt in eine Werbetonne beendet".

Wer die berühmteste Tonne der Bundesliga mal begutachten will, der muss sich nur auf den Weg zum FC Bayern machen. In der Erlebniswelt der Münchner an der Säbener Straße ist das gute Stück von damals zu bestaunen. Die Bayern haben sie vor einigen Jahren von einem Feinkosthändler in Stuttgart erworben. Der hatte das Original im September 2006 für rund 3000 Euro beim Internetauktionshaus Ebay ersteigert.

Hier finden Sie die weiteren Teile der Serie:

Teil 1: Das erste Tor der Bundesliga-Geschichte war ungültig

Teil 2: Ein Fuchs als Lebensretter für Uli Hoeneß

Teil 3: Trapattoni wollte seine legendäre Wutrede fortsetzen

Teil 4: Wie ein Obsthändler den Bundesligaskandal aufdeckte

Teil 5: "Mensch, Wolf-Dieter, du bist ja total blau"

Teil 6: Als Kevin Keegan einmal Suzi Quatro ersetzte

Teil 7: Als Daum ein "absolut reines Gewissen" hatte

Teil 8: Der Karabinerhaken im Rücken des HSV-Verteidigers

Teil 9: "Skandal!" Als vier Ulmer vom Platz flogen

Teil 10: "Es ist zu Ende in Hamburg, Schalke ist Meister!"

Welches Team beschäftigte die meisten Trainer in der Bundesliga-Geschichte?
Frage 1 von 20
Foto: dapd

Die Bundesligisten bereiten sich derzeit in warmen Gefilden auf die Rückrunde vor, so weilt der FC Bayern in Katar. Das Training scheint Spaß zu machen, die Fans sind begeistert ...

14 Bilder
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Jubiläum

Das fünfte Bundesliga-Jahrzehnt in Bildern

Welches Team beschäftigte die meisten Trainer in der Bundesliga-Geschichte?
Frage 1 von 20
Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Champions-League Guardiola will "überragende Leistung"
1. Bundesliga Spielplan
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote