04.01.13

"Welt"-Serie

"Skandal!" Als vier Ulmer vom Platz flogen

Am 10. September 1999 geht Herbert Fandel in die Annalen der Liga ein. Der Schiedsrichter verweist vier Spieler vom SSV Ulm des Feldes. Ein Fünfter gibt heute zu: "Ich hätte auch Rot sehen müssen."

Von Tim Röhn
Foto: pa/dpa
FC Hansa Rostock - SSV Ulm 1846
Skandalspiel am 10. September 1999: Sicherheitskräfte mussten Schiedsrichter Herbert Fandel (4.v.l.) in Rostock vom Feld geleiten. Der hatte zuvor vier Ulmer Spieler des Feldes verwiesen

Nach dem Abpfiff begann das Gezeter. Victor Agali, der baumlange Stürmer von Hansa Rostock, sagte: "Du musst hier Fußball spielen. Wenn du Rugby spielen willst, musst du Rugby spielen." Martin Andermatt, Ulms Trainer, berichtete, einer der Linienrichter habe "Halt die Fresse" zu ihm gesagt, als er fragte, warum er auf die Tribüne geschickt worden war.

Am treffendsten aber brachte es wohl Janusz Gora auf den Punkt. Der Abwehrspieler des SSV Ulm rollte mit den Augen, brüllte "Skandal!" in eine Fernsehkamera und räumte resolut einen Ordner aus dem Weg, der ihm zu nah gekommen war. Nur Schiedsrichter Herbert Fandel konstatierte recht nüchtern: "Das war ein Spiel mit ungewöhnlicher Härte. Ich denke, alle Platzverweise waren korrekt."

Es war ein hochemotionaler Abend an jenem 10. September 1999, an dem Rostock ein Bundesligaspiel gegen Ulm 2:1 gewann und Fandel vier Gästespieler vorzeitig des Feldes verwies und zudem Trainer Andermatt und Manager Erich Steer wegen Reklamierens auf die Tribüne schickte.

Rösler beschimpfte Fandel

13 Jahre später sitzt Sascha Rösler, der damalige Ulmer, im "Residenzhof" in Hauset/Belgien, unweit von Aachen, und erzählt Erstaunliches: "Ich hätte auch die Rote Karte sehen müssen. Immerhin habe ich dem Fandel ja fast in die Nase gebissen." Aber auch ohne Röslers Dazutun stellte Fandel mit vier Platzverweisen gegen eine Mannschaft einen Bundesliga-Negativrekord auf.

Der Frust musste einfach raus bei Rösler, damals U-21-Nationalspieler und heute im Spätherbst seiner Karriere beim ruinierten Drittligaverein Alemannia Aachen unter Vertrag. Kurz zuvor war Janos Radoki wegen einer Notbremse als vierter Ulmer vom Platz geflogen, und Rösler machte Referee Fandel aus nächster Nähe klar, was er von dieser Entscheidung hielt. Für diese Aktion hätte der Unparteiische ebenfalls Rot ziehen können, er beließ es aber bei einem bösen Blick. "Vielleicht hat er meine Emotionen verstanden", sagt Rösler.

Zweimal Rot und zweimal Gelb-Rot zückte der Unparteiische in dieser Partie. "Und alle Platzverweise waren berechtigt", sagt Stürmer Rösler, der in seiner langen Karriere selbst bewiesen hat, dass er kein Kind von Traurigkeit ist.

"Das war mein verrücktestes Spiel"

Viel hat er erlebt: Viermal stieg er in die Bundesliga auf, mit Ulm, Aachen, Mönchengladbach und zuletzt im Mai mit Düsseldorf. Einen Vertrag für das Oberhaus bekam er bei der Fortuna nicht, mit 35 Jahren lässt er nun seine Karriere an alter Wirkungsstätte ausklingen – zumindest dann wieder, wenn er seinen Kreuzbandriss auskuriert hat. Im März soll es so weit sein. Obwohl er angesichts der Aachener Insolvenz in der Winterpause wechseln könnte, will er dem Klub auch in der schwierigen Phase weiter helfen.

Während seiner Reha hat Rösler viel Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. Und oft denkt er an die 90 Minuten von Rostock aus dem Jahr 1999. "Es war auf jeden Fall das verrückteste Spiel, das ich je erlebt habe", sagt er: "So etwas habe ich danach nie mehr mitgemacht. Und so etwas vergisst du auch nicht." Noch heute spricht er mit Kollegen aus der damaligen Mannschaft über die Geschehnisse von Rostock: "Das verbindet uns – wie auch der Aufstieg zuvor – bis heute."

Es war der vierte Spieltag der Saison 1999/2000, als Ulm als frischgebackener Aufsteiger an die Ostsee reiste. Ein Duell auf Augenhöhe: Ulm stand nach einem Fehlstart auf Tabellenplatz 17, der FC Hansa war nur vier Plätze besser platziert. "In der Kabine haben wir uns zunächst alle über die Aufstellung von Trainer Martin Andermatt gewundert. Inklusive mir ließ er vier Stürmer auflaufen. So hatten wir vorher noch nie gespielt", erinnert sich Rösler.

Erster Platzverweis kurz vor der Pause

Der Plan der Gäste, offensive Akzente zu setzen, ging nicht auf. Die Abwehr war überfordert. Nach einem Fehler von Rösler im eigenen Fünfmeterraum schoss Kai Oswald schon nach fünf Minuten das 1:0 für Rostock. Auch danach entwischten die Gastgeber immer wieder ihren Gegenspielern, die sich oft nur mit Fouls zu helfen wussten. Die Folge: Wenige Sekunden vor der Pause sah Stürmer Hans van de Haar wegen wiederholten Foulspiels Gelb-Rot.

Dieser Platzverweis war genauso unstrittig wie der von Uwe Grauer nach einer Stunde. Grauer hatte ebenfalls zu viel getreten. Und als der eingewechselte Ulmer Evans Wise in der 77. Minute Peter Wibran böse in die Beine grätschte und Rot sah, waren die Ulmer nur noch zu acht.

"Wir haben das auf dem Platz natürlich ganz anders gesehen. Das war alles extrem bitter, der Frust war riesengroß. Wir dachten nicht ansatzweise, dass wir noch eine Chance bekommen würden", erinnert sich Rösler. Aber er irrte: Denn trotz der Unterzahl holten die Ulmer zwei Minuten nach Evans' Platzverweis 25 Meter vor dem Rostocker Tor einen Freistoß heraus. Janusz Gora war es, der den Ball mit voller Wucht Richtung Tor bugsierte – und zum 1:1 traf.

"Wir waren total aggressiv"

"Ein Riesenfehler von Torwart Pieckenhagen", sagt Rösler: "Wir konnten es nicht fassen. Wir waren wieder im Spiel, hatten nun brutal viel Adrenalin in unseren Körpern und waren total aggressiv. Wir haben uns ja schrecklich benachteiligt gefühlt."

Rösler und die anderen sechs verbliebenen Feldspieler rannten wie die Besessenen: "Wir wussten gar nicht, wohin, immer war einer frei." Verzweifelt suchten die Rostocker eine Lücke. Ulm stand vor einer Sensation, aber am Ende sollte es nicht reichen. Agali traf in der 90. Minute freistehend zum 2:1, und als Radoki nach einer Notbremse an Radwan Yasser als vierter Ulmer den Platz vorzeitig verlassen musste, war das Skandalspiel perfekt.

800 Kilometer Rückreise im Bus

"Wir waren sauer auf alles. Wir konnten nicht glauben, was da passierte", sagt Rösler. Nach Schlusspfiff kam es zu Rangeleien der verbliebenen Gästespieler mit Rostocker Ordnern, die verhinderten, dass die Ulmer dem Schiedsrichtergespann zu nahe kamen. Wenig später ging es per Bus zurück nach Ulm, und während der 800 Kilometer gab nur ein Thema. "Wir waren erst zu Hause, als es hell war. Wir waren total im Sack. An diesem Abend hatten wir noch lange zu knabbern", sagt Rösler.

Der SSV Ulm stieg am Saisonende als Tabellen-16. direkt wieder ab. Der glückliche 15. hatte übrigens drei Punkte mehr – und hieß Hansa Rostock.

Teil 1: Das erste Tor der Bundesliga-Geschichte war ungültig

Teil 2: Ein Fuchs als Lebensretter für Uli Hoeneß

Teil 3: Trapattoni wollte seine legendäre Wutrede fortsetzen

Teil 4: Wie ein Obsthändler den Bundesligaskandal aufdeckte

Teil 5: "Mensch, Wolf-Dieter, du bist ja total blau"

Teil 6: Als Kevin Keegan einmal Suzi Quatro ersetzte

Teil 7: Als Daum ein "absolut reines Gewissen" hatte

Teil 8: Der Karabinerhaken im Rücken des HSV-Verteidigers

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