29.12.12

Berliner Morgenpost-Serie

"Mensch, Wolf-Dieter, du bist ja total blau"

Fünfter Teil der Berliner Morgenpost-Serie: Gestärkt von Bier und Malteser pfeift Referee Ahlenfelder nach 32 Minuten zur Pause. Weltmeister Höttges duscht ihn vorm Anpfiff ab und reibt ihn mit "Wick" ein.

Foto: Getty Images
Ahlenfelder
Nicht immer ganz standfest: 1975 leitete Ahlenfelder betrunken ein Spiel, hier fällt er 1988 auf den Hosenboden

Na klar, die Gans war fett. Und der angemachte Rotkohl erst. Kräftig nachspülen muss man da doch. Bierchen, Malteser – schon ist der vorgezogene Weihnachtsschmaus im November gut verdaut. Ist ja auch nichts dabei, am Arbeitstag mal einen zu heben, wenn's denn der Gesundheit dient. Dass dann aber nicht nur der Linienrichter mit einer Fahne aufs Spielfeld läuft, ist schon problematischer. Dumm auch, wenn der kleine Mittagsumtrunk dazu führt, die Zeit nicht zu verpennen, sondern verfrüht zum Aufbruch zu mahnen.

Wolf-Dieter Ahlenfelder (68) hat die Geschichte oft erzählt und als Grund dafür angeführt, dass er leicht alkoholisiert am 8. November 1975 im Spiel zwischen Werder Bremen und Hannover 96 schon nach 32 Minuten zur Halbzeit pfiff. Allein: Die Geschichte ist schön, aber sie ist frei erfunden. Ahlenfelders Märchenstunde eben. Die fette Gans hat es nie gegeben, auch den angemachten Rotkohl nicht, das Bierchen und den Malteser, ja klar, die schon. Mindestens in einfacher Ausführung. Eher mehr. Meine Güte, war doch in den Siebziegern, als Frühschoppen durchaus zum guten Stil der Gesellschaft zählten.

Am Tag, der als einer der kuriosesten in die Geschichte der Fußball-Bundesliga eingehen wird, ist Ahlenfelder eigentlich gelassen wie immer. Für ihn ist es zwar erst das dritte Spiel in der höchsten Klasse als Schiedsrichter, aber einen bodenständigen Mann aus dem Ruhrpott bringt so leicht nichts aus der Fassung. Schon gar nicht ein Gedeck, das sie in Bremen später nach dem Unparteiischen benennen. Noch heute bekommt man in einigen Kneipen der Hansestadt ein Bier und einen Korn, wenn man beim Wirt einen Ahlenfelder bestellt.

Ein unfassbarer Nachmittag

Ahlenfelder, damals 31 Jahre alt, ist quasi ein Frischling, der für einen Spesensatz von 24 Mark pfeift; Horst-Dieter Höttges dagegen ein gestandener Profi. Europameister, Weltmeister, das Spiel am 8. November ist schon das 338. seiner Karriere in der Bundesliga. Er hat im Fußball so ziemlich alles erlebt, denkt er. Bis zu diesem unfassbaren Nachmittag.

Werders Schiedsrichterbetreuer Richard Ackerschott hat mit Ahlenfelder ein Mittagessen anberaumt, es gibt keine Gans, wohl aber das inoffizielle Nationalgericht der Norddeutschen: Grünkohl und Pinkel. Hinterher dann Schnaps und Bier, das gehört freilich zur passenden Abrundung dazu. "Wir sind Männer und trinken keine Fanta", wird Ahlenfelder später erzählen.

Doch ganz so harmlos ist die Sache nicht. "An diesem Tag hatte auch unser Masseur Geburtstag", erzählt Höttges. "Eine Stunde vor dem Anpfiff kam Ahlenfelder zu uns in die Kabine, um zu gratulieren. Er hatte nur eine kurze Hose an und ein kurzärmliges Hemd. Und das im November." Da habe er zum Schiri gesagt: "Mensch Wolf-Dieter, du riechst nach Alkohol, du bist ja total blau." Doch Ahlenfelder verneint und gibt sich mannhaft. Höttges, dieser alte Hase, erkennt die missliche Lage allerdings sofort und zeigt ein Herz für den trinkfreudigen Pfeifenmann. "Den habe ich erst mal bis auf die Unterhose ausgezogen, unter die Dusche gestellt und den ganzen Oberkörper kräftig mit 'Wick' eingerieben."

"Trikot noch staubtrocken"

Eigentlich ist "Wick" ein Mittel zur Behandlung von Erkältungen. Doch es hat noch einen netten Nebeneffekt: In großen Dosen aufgetragen wirkt es äußerst belebend. Und noch etwas ist wichtig: Der Menthol- und Eukalyptusgeruch übertüncht komplett die heftige Malteser-Fahne.

Zumindest kurzfristig zeitigt Höttges' Aktion Erfolg. Ahlenfelder – inzwischen auch wieder passend gekleidet – kann immerhin um 15.30 Uhr mit der Leitung des Spiels beginnen, erst als er nach einer guten halben Stunde zur Halbzeit pfeift, droht der Schwindel aufzufliegen. Höttges läuft zu ihm und sagt: "Wolf-Dieter, bist du sicher, dass schon Halbzeit ist?"

Ahlenfelder: "Warum denn nicht?"

Höttges: "Mein Trikot ist in der Halbzeit immer klitschnass, aber jetzt ist es fast noch staubtrocken."

Trainer Kronsbein greift ein

Inzwischen deutet auch der Linienrichter wild auf seine Armbanduhr, der Hannoveraner Trainer Helmut "Fiffi" Kronsbein läuft irritiert aufs Spielfeld und sieht dort Ahlenfelders Zustand: "Schiri, du bist doch besoffen!", sagt er. Aber Höttges zeigt sich weiter solidarisch mit dem Unparteiischen: "Fiffi, geh' runter vom Spielfeld, der Schiedsrichter hat sich nur versehen."

Tatsächlich gesteht Ahlenfelder seinen Fehler ein, er lässt die übrige Zeit bis zur Halbzeit weiterspielen, als sei nichts gewesen. Das er erneut 90 Sekunden unterschlägt, fällt niemandem groß auf. Auch die zweite Hälfte geht ohne weitere Probleme über die Bühne, das Spiel zwischen Werder und Hannover endet 0:0. Keine Tore. Unspektakulär. Doch Ahlenfelder verfolgt die Partie ein Leben lang. Er geht ein in die Geschichte der Bundesliga als lustigster und trinkfreudigster Schiedsrichter.

Höttges, ausgestattet mit dem Blick fürs Ganze, weiß, dass er auch noch nach dem Schlusspfiff Fürsorge zeigen muss. "Inzwischen waren da ziemlich viele Fotografen und Kameraleute. Da haben wir den Wolf-Dieter einfach durch den Hinterausgang unserer Kabine geführt, damit niemand was merkt." Schiedsrichterbetreuer Ackerschott bringt den Trunkenbold schließlich sicher ins Hotel. Da denkt sich Ahlenfelder wohl die Geschichte mit der Gans und dem Rotkohl aus. "Der hat sich jahrelang versprochen", scherzt Höttges, "der wollte nicht sagen, dass er in Bremen Gans gegessen hat, sondern ganz viel getrunken hat."

Geständnis nach 25 Jahren

25 Jahre lang hält Ahlenfelder an seiner Version der Story fest, erst dann gesteht er, dass es die Gans tatsächlich nie gegeben hat. Völlig betrunken sei er aber nicht gewesen. "Ich war nicht knülle. Ich hatte zwar etwas getrunken, war aber noch klar bei Sinnen. Laufbereitschaft und Urteilsvermögen – alles war noch voll da." Und die Sache mit dem verfrühten Pfiff? "Ich hatte Probleme mit der Uhr, war kurzzeitig verwirrt. Aber mein Linienrichter hat mich schnell aufmerksam gemacht. Es ging mit Schiedsrichterball weiter."

Nach dem Spiel 1975 erhält Ahlenfelder Bestnoten für die Leitung der Partie und darf noch 103 weitere Bundesligaspiele bis zu seinem Laufbahnende als Schiedsrichter 1990 pfeifen. Höttges, heute Betreuer der U15 von Werder Bremen, findet es eigentlich schade, dass derartige Episoden inzwischen undenkbar sind. "Das kannste heute nicht mehr machen", sagt er. "Solche Typen fehlen komplett, wenn Sie bei unserer Profimannschaft nach Ahlenfelder fragen würden, könnte keiner was sagen, den kennt doch dort niemand."

Teil 1: Das erste Tor der Bundesliga-Geschichte war ungültig

Teil 2: Ein Fuchs als Lebensretter für Uli Hoeneß

Teil 3: Trapattoni wollte seine legendäre Wutrede fortsetzen

Teil 4: Wie ein Obsthändler den Bundesligaskandal aufdeckte

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